Von Rohstoffabhängigkeit zur gerechten Energiewende? Das Beispiel Chile – TEIL 2.

Im ersten Teil wurde der europäische Zugriff auf Rohstoffe aus Chile verdeutlicht, die historische, politische und wirtschaftliche Entwicklung der chilenischen Rohstoffabhängigkeit beleuchtet und der Lithiumabbau im Norden von Chile kurz thematisiert. Im Anschluss daran geht es in diesem zweiten Teil um die Folgen des Lithiumabbaus, um die Verteilung der dabei entstehenden Gewinne sowie um mögliche Zukunftschancen und die dafür notwendigen Veränderungen.

Die Lithiumgewinnung verbraucht also immense Mengen an Wasser in einer der trockensten Regionen der Erde. Obwohl sich die Solelösung nicht als Trinkwasser eignet, verändert das Auspumpen dieser immensen Mengen das unterirdische Wassersystem. So kann lebenswichtiges, leicht erreichbares Grundwasser in die ausgepumpten Solebecken abfließen und durch die dortigen Rückstände versalzen. Das ist alles andere als nachhaltig, und sorgt für massive Probleme beim Trinkwasserzugang in einer ohnehin von Wasserknappheit geprägten Region. Das bedroht wiederum die Balance eines delikaten Ökosystems, und mehrere Tierarten wie etwa Flamingos sind dadurch immer stärker gefährdet. Neben dem enormen Wasserverbrauch kommt es wiederholt vor, das giftige Chemikalien austreten und in das Ökosystem gelangen, was in einigen Fällen bereits massive ökologische Schäden verursacht hat. Für die Beschäftigten bedeutet die Arbeit mit den Chemikalien ein Gesundheitsrisiko und die beißende Sonne sorgt für bedenkliche Arbeitsbedingungen. Nichtsdestotrotz sind die scheinbar sicheren Arbeitsplätze attraktiv für die Menschen in einer derart entlegenen Region. Das liegt aber auch daran, dass die wasser- und flächenintensive Industrie traditionelle Lebens- und Arbeitsweisen wie die Salzgewinnung oder die Landwirtschaft immer weiter verdrängt. Davon sind vor allem indigene Gemeinschaften betroffen, die darauf unterschiedlich reagieren: während manche den Abbau kategorisch ablehnen, versuchen sich andere damit zu arrangieren. Das sorgt, wie Felix Dorn vom Institut für Internationale Entwicklung in Wien aufzeigt, sowohl innerhalb als auch zwischen den Gemeinschaften für Konflikte, was die Unternehmen wiederrum nutzen, um die Indigenen gegeneinander auszuspielen.

Wer profitiert vom Lithium?

Trotz der hohen Kosten für Arbeiter*innen, Bevölkerung und Umwelt bleibt bei der Rohstoffausbeutung für den Export oft nur wenig Wertschöpfung im Land. Dies liegt zum einen daran, dass die eben dargestellten Kosten nicht in die Preise fließen, sondern „externalisiert“, also einfach an Menschen und Umwelt vor Ort ausgelagert werden. Das ist einer der vielen Gründe für die geringen Preise von Rohstoffen gegenüber verarbeiteten Produkten, was zugleich für die weiterverarbeitende Industrie im globalen Norden höhere Gewinne bedeutet. Für die Exportunternehmen hingegen kommen zudem noch Kosten aufgrund der Intransparenz im Rohstoffhandel hinzu, sowie ein hohes Risiko wegen häufiger Preisschwankungen. Verfallen die Preise für Rohstoffe, sinken die Exporteinnahmen und die vom Rohstoffexport abhängige Wirtschaft bricht ein. Dies zeigt sich beim Lithium gut, wo trotz hoher Nachfrage und Warnungen vor Engpässen die Preise seit Mitte 2022 immer weiter verfallen, was bereits zu Entlassungen bei Produzenten führte. Den verarbeitenden Industrien bereiten die geringeren Einkaufskosten wiederrum höhere Gewinne. Von dieser ungleichen Handelsstruktur profitieren also in erster Linie die Industriestaaten im globalen Norden, die ihre Position durch technologische Vorsprünge und vorteilhafte Handelsabkommen absichern. Dazu kommt, dass viele der Rohstoffkonzerne ihren Sitz entweder direkt im globalen Norden haben oder deren Aktien von Finanzkapital aus dem Norden kontrolliert wird. So bauen in Chile zwei Firmen Lithium ab: Albermale, ein US-amerikanischer Chemiekonzern, und SQM, ein chilenisches Unternehmen, das jedoch zu großen Teilen von Finanzinvestoren wie Vanguard (USA) oder BlackRock (UK) kontrolliert wird. Zudem sind die Steuern für Bergbauunternehmen in Chile äußerst gering, ein Erbe aus der Zeit von Diktator Pinochet. Klar ist also, dass exportierende Länder im jetzigen System oft wenig von ihrem Rohstoffreichtum profitieren und dagegen hohe ökologische Kosten tragen, so wie etwa Chile beim Lithiumexport.

Mögliche Zukunftschancen.

Diesen Ungleichheiten treten Gewerkschaften, NGOs und Zivilgesellschaft weltweit immer wieder entschlossen entgegen und kämpfen so für eine bessere Zukunft. So hat sich beispielsweise der ÖGB gemeinsam mit anderen europäischen Gewerkschaften und diversen Sozial- und Umweltorganisationen gegen das EU-Chile Freihandelsabkommen gestemmt, oder sich für ein globales Lieferkettengesetz eingesetzt. In Chile haben Gewerkschaften gemeinsam mit Wissenschaftler*innen und zivilgesellschaftlichen Organisationen 2017 eine breite Bewegung für die Nationalisierung des Lithiumsektors geschaffen. Ihre Forderungen wurden 2023 von der Regierung aufgegriffen und umgesetzt: die neue Lithiumstrategie sieht einen staatlichen Lithiumkonzern vor, der Mehrheitsbeteiligungen an allen privaten Unternehmen im Sektor halten soll. Damit will der Staat mehr Kontrolle über die Umweltauswirkungen behalten, stärker vom Abbau profitieren und die betroffenen indigenen Gemeinschaften vermehrt an den Gewinnen beteiligen. In weiterer Folge soll das staatliche Unternehmen auch den Aufbau einer eigenen Batterieindustrie vorantreiben, was ein positiver Meilenstein für die Entwicklung des chilenischen Industriestandorts wäre. Spätestens hier könnte die ambitionierte Politik der chilenischen Regierung aber an ihre Grenzen stoßen, denn im globalen Wettbewerb um die „Batterieführerschaft“ kämpfen die großen Wirtschaftsmächte mit harten Bandagen. Die EU will beispielsweise durch eine umfassende Industriepolitik und massive Subventionen die eigene Batterieproduktion stark ausbauen. Außerdem verbieten Bestimmungen im EU-Chile Handelsabkommen unilaterale Preisbegünstigungen und ähnliche Instrumente zur Förderung einer chilenischen Industrie. Angesichts dieser Einschränkungen und der großen Machtunterschiede wird es Chile mit diesen Plänen also äußerst schwierig haben.

Fazit und Forderungen.

Am Beispiel Lithium zeigt sich die Problematik der Rohstoffabhängigkeit in einer gerechten globalen Energiewende sehr gut. Die EU nutzt ihre wirtschaftliche Macht, um den Zugriff auf billiges Lithium abzusichern und damit dann in Europa Batterien für europäische E-Autos herzustellen. Davon profitiert die europäische Industrie, während die Kosten der Rohstoffausbeutung an die chilenische Umwelt, die Arbeiter*innen und damit die gesamte Bevölkerung „ausgelagert“ werden. Zusätzlich gibt sich die EU mit der E-Mobilität einen grünen Anstrich, verschärft aber gleichzeitig ökologische Krisen in Chile. Die zentrale Schlussfolgerung lautet daher, dass Rohstoffabhängigkeiten und ungleiche Handelsbeziehungen in einer gerechten Energiewende keinen Platz haben. Die Energiewende schafft die Notwendigkeit, unsere gesamte Wirtschaft zu transformieren. Diese Notwendigkeit sollten wir nutzen, um eine sozial gerechte globale Weltwirtschaft zu schaffen. Dies ist ein zentrales Anliegen von Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Organisationen weltweit, und dazu braucht es eine durchgehende demokratische Beteiligung und gelebte internationale Solidarität.

Aufbauend auf der Betrachtung des chilenischen Beispiels sollen die folgenden Forderungen konkrete, leicht umsetzbare Anhaltspunkte für eine positive Veränderung liefern:

  • Wohlstand statt Wachstum! In einer Welt endlicher Ressourcen ist unendliches Wachstum unmöglich. Wenn wir unsere Ressourcen sinnvoll einsetzen und gerechter verteilen, können wir trotzdem Wohlstand für alle schaffen. Ein praktisches Beispiel für Wohlstand statt Wachstum ist die Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich.
  • Rohstoffbedarf reduzieren – hin zur Kreislaufwirtschaft! Durch eine effektive Kreislaufwirtschaft kann der Rohstoffbedarf drastisch gesenkt und Verschwendungen minimiert werden. Dazu braucht es etwa ein Recht auf Reparatur, strenge Beschaffungs- und Entsorgungsregeln für Staat und Unternehmen sowie die Abkehr von der Wegwerfmentalität.
  • Verkehrswende statt E-Mobilität! Die bestehenden Strukturen sind in vielen Bereichen äußerst ineffizient und materialintensiv, so auch im Verkehr. Eine sozial gerechte Verkehrswende hin zu mehr öffentlichen Verkehr kann nicht nur die Mobilität der Menschen verbessern, sondern auch unsere Städte und Ortschaften grüner und lebenswerter machen.
  • Das Recht, nein zu sagen! Ob in Europa oder Chile, alle Menschen sollten das Recht haben, über ihre Lebensräume zu bestimmen. Dazu braucht es das Recht, nein zum Rohstoffabbau zu sagen. Das würde die Verhandlungsmacht der Betroffenen gegenüber den Unternehmen steigern, wodurch faire Gewinnverteilung und strenge Umweltauflagen greifbarer werden.
  • Verbindliche Regeln für die gesamte Lieferkette! Initiativen wie das europäische Lieferkettengesetz können Unternehmen zur Überprüfung und Einhaltung hoher Umwelt- und Arbeitsstandards entlang ihrer gesamten Lieferketten verpflichten. Um wirksam zu sein, braucht es strenge Kriterien, Kontrolle sowie die Haftung der Unternehmen bei Verstößen.
  • Sozial-ökologische Handelsabkommen! Neue, klimafitte Handelsabkommen sollten lokale Wertschöpfung fördern statt behindern, verbindliche Regeln zu lokaler Beschaffung und Technologietransfers beinhalten und hohe Umweltstandards sowie gewerkschaftliche Freiheiten garantieren.
  • Schuldenschnitt & Klimakompensation! Ein längst überfälliger Schuldenschnitt würde Ländern des globalen Südens endlich die finanziellen Spielräume geben, die sie für die eigene Energiewende brauchen. Das kann in Kombination mit Klimakompensationszahlungen globale Ungleichheiten massiv verringern und den Kampf gegen die Klimakrise stark vorantreiben.

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Das Titelbild zeigt einen Ausschnitt aus dem weltgrößten Kupfer-Tagebau in Chuqicamata, in der chilenischen Region Antofagasta in der Atacama . © Bruna Fiscuk, unsplash.

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