Unter diesem Motto veranstaltete das Paulo Freire Zentrum am 3. November 2010 eine Doppel-Präsentation: Neben inhaltlichen Inputs und einer Vorschau auf die kommende Entwicklungstagung 2011 präsentierten Jungforscher im Rahmen der Publikation Facetten der Umweltkrise ihre Ergebnisse.
Ein Brückenabend
Nach seinen Begrüßungsworten thematisierte Gerald Faschingeder das übergeordnete Ziel der Veranstaltung, nämlich den thematischen Brückenschlag zwischen der bereits stattgefundenen Entwicklungstagung 2008 und der kommenden Tagung, die von 14. bis 16. Oktober 2011 in Krems stattfinden wird. Das Thema 2008 Umwelt Wachstum Entwicklung sollte mit dem aktuellen Thema Gemeinwohl entwickeln. Der Staat zwischen Gemeinschaft und Weltgesellschaft in Verbindung gebracht werden.
Andreas Exenberger von der Universität Innsbruck übernahm die Moderation der Veranstaltung und erläuterte anfangs kurz die von ihm und Simon Hartmann herausgegebene Publikation Facetten der Umweltkrise Junge Zugänge zu Wachstum, Umwelt und Entwicklung. Der Band enthält fünf Beiträge von Jungforschern, die im Rahmen der letzten Entwicklungstagung ausgewählt wurden. Die verschiedenen Fallstudien seien hauptsächlich in Asien und auf dem amerikanischen Kontinent verortet und würden Entwicklungen von der lokalen bis zur globalen Ebene beleuchten, so Exenberger.
Andreas Exenberger, Simon Hartmann, Laurenz Ennser, Thomas Berger, Jakob Lederer.
Drei der fünf Autoren waren anwesend und stellten ihre Forschungsarbeiten und Ergebnisse kurz vor.
Globale ökologische Krise vs. nationale Umweltpolitik
Als erster referierte Laurenz Ennser, der sich in seiner Diplomarbeit mit dem Thema der globalen ökologischen Krise als Problem der beschränkten Legitimation nationaler Demokratien beschäftigte. Er geht davon aus, dass sich ein Staat einerseits durch Mitbestimmung und Wahlen (Input-Legitimation) und andererseits durch Leistungen des politischen Systems an die BürgerInnen (Output-Legitimation) legitimiere. In der Umweltpolitik, so Ennser, sei dies insofern problematisch, da die Ergebnisse bestimmter Maßnahmen nicht nur in der Bevölkerung, sondern weltweit spürbar werden, also außerhalb des oben beschriebenen Legitimationskreislaufes. Dieses Problem werde in der Diplomarbeit auf demokratiepolitischer Ebene diskutiert.
Abfallhierarchien im Fokus
Jakob Lederer widmete sich in seiner Diplomarbeit den Auswirkungen einer globalisierten Umweltstrategie auf die Bevölkerung in Entwicklungsländern. Die im Moment weltweit vorherrschende Abfallwirtschaftsstrategie sei in den 1970er Jahren in Europa, den USA und Japan entwickelt worden. Abfall vermeiden ist besser als recyceln, was wiederum besser ist als entsorgen so laute die derzeitige Strategie, die von Industrie und NGOs propagiert werde. Lederer stellte sich demzufolge am Fallbeispiel Banda Aceh (Indonesion) die Frage, ob die angewendete globalisierte Abfallwirtschaftsstrategie auch für Entwicklungsländer geeignet sei. Die Ergebnisse seiner Forschung haben gezeigt, dass die Abfallstrategie in Banda Aceh einfach übernommen wurde, ohne auf die eigenen Problemstellungen einzugehen. Lederer berichtete außerdem, dass man vor allem bei Maßnahmen wie der Kompostierung an organisatorische und ökonomische Grenzen stoße.
Hochwasserkatastrophen als Indikator für globale Ungleichheit
Zuletzt präsentierte Thomas Berger die Ergebnisse seiner Diplomarbeit, in der er sich mit Hochwasserkatastrophen als Herausforderung für die internationale Entwicklung und als Indikator für globale Ungleichheiten beschäftigte. Als Grundlage, berichtete Berger, wurden vor allem vergleichende Studien über Hochwasserereignisse in New Orleans (Hurrikan Katrina) und in Manila herangezogen. Er schlussfolgerte, dass bei beiden Fallbeispielen die Hauptbetroffenen der Katastrophen arme Bevölkerungsschichten waren. Folglich könne man Naturkatastrophen und deren Folgen nicht unabhängig von gesellschaftlicher Entwicklung betrachten. Als weiteres Kernproblem beschrieb Berger die verschiedenen Zuständigkeitsebenen für Klima- und Katastrophenschutz auf nationaler und internationaler Ebene.
Verbindungsglied Staat
Simon Hartmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter der ÖFSE, spannte im Anschluss den Bogen von der letzten Entwicklungstagung zur nächsten. Wachstum, Umwelt und Entwicklung seien große Herausforderungen, so Hartmann, und deshalb bedürfe es kollektiven Handelns aus diesem Grund hätten sich Staaten herausgebildet. Die Maßnahmen eines Staates würden sich aus verschiedenen Einflussbereichen ergeben, diesbezüglich könne der Staat im Spannungsfeld von Gemeinschaft und Weltgesellschaft verortet werden. Hartmann betonte, dass es ihm weniger um die Ausdefinierung dieser Begriffe gehe, sondern um ihr Verhältnis zueinander. Auf der einen Seite besitze der Staat einen inneren Handlungsspielraum, der durch Staat und Gesellschaft definiert werde. Hartmann beschrieb diesen kurz als sozial verträglich, wirtschaftlich profitabel und technisch machbar. Der äußere Handlungsspielraum eines Staates, auf der anderen Seite, werde begrenzt durch verschiedene internationale Abkommen.
Gemeinwohl gibt es das?
In der anschließenden, sehr lebhaften Diskussion am Podium und im Plenum ging es vorrangig um die Definition der Begriffe Gemeinschaft, Gemeinwohl und Weltgesellschaft. Ennser warf zu Beginn der Diskussion provokant ein, dass es für ihn Gemeinwohl bzw. Weltgesellschaft nicht gebe bzw. die Weltgesellschaft für ihn keinen Akteur darstelle. Berger meinte dazu, dass er das Gemeinwohl im Staat verankert sehe, was im Idealfall bedeute, dass es allen gleich gut gehen solle. In einer Wortmeldung aus dem Publikum wurde dieser Definition widersprochen, im Gemeinwohl stünden die Interessen und der höhere Nutzen für die Gemeinschaft im Mittelpunkt vor den Partikularinteressen der Einzelnen.
Hartmann stellte seine Position daraufhin noch einmal klar: er verortet den Staat zwischen Gemeinschaft und Weltgesellschaft.
Zum Schluss der Veranstaltung bemerkte Gerald Faschingeder, dass die Diskussion seine Erwartungen bei weitem übertroffen hätte und das Thema der kommenden Entwicklungstagung wohl einiges an Potenzial in sich berge.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert internationale Entwicklung an der Universität Wien.
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