Das Konzept der Just Transition (gerechter Übergang) ist aktuell sehr präsent im Diskurs um den Kampf gegen die Klimakrise – zumindest im globalen Norden. Damit sollen die weitreichenden Veränderungen im Zuge des Umbaus hin zu einer CO2 neutralen Wirtschaft sozial gerecht umgesetzt werden, so die Idee dahinter. Sowohl die EU als auch die USA beziehen sich in ihren Maßnahmenpaketen zur Energiewende immer wieder auf deren sozial gerechte Umsetzung, die konkreten Bemühungen reichen jedoch nur selten über die Landesgrenzen hinaus. Die neue Ausgabe des Journals für Entwicklungspolitik (JEP) mit dem Titel „Just Transition aus globaler Perspektive“ sucht hingegen den Blick über nationalstaatliche Grenzen. Bei der Vorstellung des JEP am 14.11.2023 wurden globale Dimensionen des Konzeptes unter die Lupe genommen. Nach einer kurzen Präsentation des Inhalts wurde ein Beitrag zur Zukunft von Arbeiter*innen in CO2 intensiven, fossilen Wirtschaftszweigen wie dem Kohlesektor vorgestellt und gemeinsam mit Martin Windtner, Mitglied der Klimakommission des österreichischen Gewerkschaftsbunds (ÖGB), diskutiert.
Ein Konzept aus dem globalen Norden, für den globalen Norden?
Die größte Herausforderung dieser Ausgabe wurde direkt zu Beginn angesprochen. In der Eröffnung durch Julia Eder von der Arbeiterkammer Oberösterreich, die das Journal gemeinsam mit Halliki Kreinin und Florian Wukovitsch herausgegeben hat, ging es direkt um die geringe Zahl an Beiträgen aus dem globalen Süden. Lediglich ein Beitrag von Autor:innen aus dem globalen Süden findet sich unter den sieben Beiträgen im JEP. Weitere Einreichungen gingen leider nicht ein, was für die Herausgeberinnen darauf hindeutete, dass das Konzept im globalen Norden intensiver erforscht wird als im globalen Süden. Mit Blick auf die Hintergründe der Idee erscheint dies umso logischer. Das Konzept geht nämlich auf Forderungen von US-amerikanischen Gewerkschaften in den 1970er und 80er Jahren zurück. In dieser Zeit wurden erste Auflagen zum Umweltschutz eingeführt, was in umweltschädlichen Industrien zur Verminderung von Profitaussichten führte. Angesichts drohender Arbeitsplatzverluste mobilisierten die Gewerkschaften für einen gerechten Übergang, damit der notwendige Umweltschutz nicht auf Kosten der Arbeiter*innen gehe. Insofern verwundert es wenig, dass die Forderung angesichts der weitreichenden, aber unverzichtbaren Veränderungen zur Bekämpfung der Klimakrise wieder an Bedeutung gewinnt. Allzu oft geht es dabei aber – ähnlich wie bei den Arbeitskämpfen, aus denen das Konzept hervorging – nur um die lokale oder nationale Dimension des gerechten Übergangs. Obwohl internationale Gewerkschaftsverbände das Konzept immer öfter auf globaler Ebene anwenden, bleibe gerade der politische Diskurs dazu meist im nationalen Rahmen stecken, so die Herausgeberinnen. Dies liegt wohl auch an der geringen Relevanz des Konzeptes im globalen Süden – wobei es auch spannend wäre, den wohl vielfältigen Gründen dafür nachzugehen. Jedenfalls ist es angesichts der eng verflochtenen und höchst ungleichen strukturierten globalen Wirtschaft offensichtlich, dass die Energiewende im globalen Norden weitreichende Konsequenzen für Lohnabhängige, Menschen und Umwelt im globalen Süden haben wird. Umso wichtiger ist es daher, dass die neue Ausgabe des JEP die globale Perspektive der Just Transition diskutiert, und damit auch eine Grundlage für weitergehende Auseinandersetzung legt.
Fallbeispiel Kohle: Die Notwendigkeit einer globalen Betrachtung.
Wird die soziale Gerechtigkeit in der Energiewende nur für den globalen Norden gedacht, drohen dramatische Folgen: ganze Ökosysteme im globalen Süden könnten durch die Rohstoffausbeutung oder Wasserstoffproduktion für die Industrie im globalen Norden in desolate ‚sacrifice zones‘ (geopferte Zonen) verwandelt werden. Neben der lokalen Umwelt und Bevölkerung würden darunter auch die meist ohnehin bereits unter prekären Bedingungen arbeitenden Lohnabhängigen leiden. Diese Zusammenhänge wurden bei der Präsentation des Beitrags von Martin Cerny und Sebastian Luckeneder beleuchtet, der am Beispiel Kohle Vorschläge zu grünen Beschäftigungsmöglichkeiten für Arbeiter*innen in CO2-intensiven Sektoren einbringt. Beispiele wie eine kürzlich geschlossene Kohlemine im Norden Kolumbiens verdeutlichen den Ernst der Lage im Sektor: der zu Glencore gehörende Konzern Prodeco schloss von einen auf den anderen Tag den Betrieb, kündigte 7000 Mitarbeiter und lässt die Bevölkerung vor Ort ohne Entschädigung auf der zerstörten Natur sitzen.
Laut Luckeneder und Cerny seien allein im Kohlesektor weltweit ungefähr 4.7 Millionen Arbeitnehmer*innen beschäftigt, auch viele indirekte Arbeitsplätze hingen daran. Ein einfacher und häufig gemachter Vorschlag sei, diese Arbeitnehmer*innen wenn möglich in anderen extraktiven Sektoren wie den Kuper- oder Lithiumabbau unterzubringen. Zumindest ein Teil hätte dort auch Platz, denn aufgrund des massiv steigenden Bedarfs an kritischen Mineralien boomt die Ausbeutung der sogenannten kritischen Rohstoffe derzeit gewaltig. Dabei ist es offensichtlich, dass der Abbau von Kupfer oder Lithium nicht nachhaltig ist und daher nur in so geringem Ausmaß wie möglich erfolgen sollte. Für einen sozial und ökologisch zukunftsfähigen Arbeitsplatz bräuchte es daher auch andere Tätigkeitsfelder, so Luckeneder und Cerny. Um diese zu finden, griffen sie im Beitrag auf einen Datensatz mit knapp 1000 nach Fähigkeiten aufgeschlüsselten Tätigkeiten zurück, die sie mit 12 Berufen im Kohlesektor abglichen. Vor allem Jobs in den Bereichen Recycling, erneuerbare Energien oder im öffentlichen Transport könnten ohne großen Umschulungsaufwand von ursprünglich im Bergbau beschäftigten Menschen ausgeübt werden, und würden sich damit als Alternative anbieten. Auch grüne Dienstleistungen sowie handwerklich intensive Arbeiten könnten in Zukunft eine größere Rolle spielen.
Grundsätzlich kritisiert der Beitrag die starke Wachstumsausrichtung des Green Deal der EU-Kommission als Widerspruch auf dem Weg zu einem global gerechten Umbau. Denn wenn das bisherige Produktions- und Konsummodell aufrecht erhalten bleibt, benötigt es auch auf der Grundlage erneuerbarer Energien Unmengen an Rohstoffen, die irgendwo abgebaut werden müssen. Den Autoren war dabei wichtig zu betonen, dass der Beitrag als Ausgangspunkt für weitere Auseinandersetzung mit den Herausforderungen für Arbeiter*innen im Zuge der Energiewende gedacht sei.
Spannungsfelder und Herausforderungen.
Gerade die Kritik an der Wachstumsausrichtung des europäischen Umbauplans sorgte im Anschluss für Diskussionsstoff. Dabei ging es vor allem um das zentrale Spannungsfeld zwischen sozialer und ökologischer Gerechtigkeit. Als Vertreter des ÖGB machte Martin Windtner deutlich, dass man sich klar für den Erhalt des österreichischen Industriestandorts und der damit verbundenen Arbeitsplätze einsetzt. Dennoch sei man sich den ökologischen Anforderungen bewusst, und habe innerhalb der Gewerkschaftsbewegung in den letzten Jahren auch intensiv an der eigenen Klimastrategie sowie an der Überwindung des sozial-ökologischen Spannungsfeldes gearbeitet. Konkrete Vorschläge dazu wurden vor allem auf nationaler Ebene eingebracht, wie das innovative, aber durch die nationalstaatliche Ausrichtung begrenzte Projekt der Akademie für den sozialen und ökologischen Umbau. Zugleich wurde aber auch auf das wichtige Engagement des ÖGB in der Unterstützung für ein globales Lieferkettengesetz hingewiesen. Auch bei der Abkehr von einer wachstumsorientierten Wirtschaft sei der ÖGB gesprächsbereit, so Windtner. Viele Ansätze aus der einschlägigen Literatur würden vom ÖGB gefördert, wie zum Beispiel Arbeitszeitverkürzungen oder die Forderung nach einem neuen Verständnis von Wohlstand und einem guten Leben für Alle.
Fazit.
Der Weg hin zu einer gerechten Energiewende hat viele Baustellen. Die neue Ausgabe des JEP verdeutlicht die Wichtigkeit, den Weg nicht einfach an nationalstaatlichen Grenzen enden zu lassen, sondern global zu denken. Im Sinne internationaler Solidarität ist es klar, dass der Umbau im globalen Norden nicht auf der Ausbeutung von Menschen und Natur im globalen Süden basieren darf. Daraus ergeben sich zahlreiche Spannungsfelder, wie die Diskussion um eine wachstumsorientierte Wirtschaft zeigte. Um gerechte Lösungen zu schaffen, braucht es genau diese Debatten zwischen Gewerkschaften, engagierter Wissenschaft und Aktivist*innen, sowohl auf nationaler als auch auf globaler Ebene.
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Titelbild © Thomas Richter, 2016; https:// unsplash.com/photos/
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