Fortschrittsdenken und indigene Perspektiven im umkämpften Amazonien.

Amazonien ist von zentraler Bedeutung für die Zukunft der Welt. Neben der globalen Bedeutung seiner Wälder für das Klima, stellt die Vielfalt der Ökosysteme und der indigenen Kulturen einen unschätzbaren Wert für die Menschheit dar. Doch die Zukunft Amazoniens ist umkämpft.

Eine online-Podiumsdiskussion des Kardinal König Hauses am 4. Dezember 2020 zeichnete die mächtigen politischen und ökonomischen Interessen hinter Naturzerstörung und Ressourcenextraktion in Amazonien nach und machte deutlich, was auf dem Spiel steht. Durch jahrelange Erfahrungen vor Ort konnten die Referent*innen Georg Grünberg (Uni Wien), Adriana Montanaro (unabhängige Forscherin), Ursula Prutsch (Uni München) und Erwin Kräutler (emeritierter Bischof von Xingu, Brasilien) einen umfassenden Einblick in eine Region vermitteln, deren Schicksal wie kaum eine andere mit dem des Planeten verwoben ist.

Das Narrativ der „Zivilisierung“.

Zu Beginn der Veranstaltung erläuterte Ursula Prutsch die historischen Wurzeln jener im Brasilen unter Bolsonaro so dominanten Denkweise, die Amazonien allein als Raum zur wirtschaftlichen Ausbeutung von Ressourcen versteht. Denn die aktuelle Regierung sei bei weitem nicht die erste, die eine rücksichtslose Politik gegenüber der Umwelt und der indigenen Bevölkerung verfolge. Unter dem auf der brasilianischen Flagge abgebildeten Wahlspruch „Ordem e Progresso“ (dt.: Ordnung und Fortschritt) vertraten große Teile der gesellschaftlichen Eliten im 19. Jahrhundert die These, dass die Entwicklung Brasiliens zu einem Staat nach europäischem Vorbild wesentlich von der Zurückdrängung der Natur abhinge. Da die indigenen Völker Amazoniens in dieser Vorstellung als Teil ebendieser Natur betrachtet wurden, stellten auch sie ein Hindernis für die erhoffte Europäisierung des Landes dar. Exemplarisch für dieses Überlegenheitsdenken, in dem sich der Zusammenhang zwischen Rassismus und Naturzerstörung offenbart, steht eine Reihe von Aussagen des aktuellen Präsidenten Brasiliens, von denen Prutsch eine besonders zynische zitierte: „Es ist eine Schande, dass die brasilianische Kavallerie nicht so effektiv war wie die (Nord-; Anm.) Amerikaner, die ihre Indianer ausgerottet haben.“ Derart eindeutige Manifestationen einer rassistischen Denkweise machen klar, dass die Naturzerstörung im Amazonasgebiet nicht nur auf wirtschaftlichen Interessen basiert, sondern auch von einem ideologischen Diskurs gestützt wird.

Grünberg: Indigene als „Meister*innen des guten Lebens im tropischen Land“.

Eine ganz andere Sichtweise entwickelte der Anthropologe Georg Grünberg auf jene indigenen Gemeinschaften, deren Lebensweise er aus der Perspektive eines westlichen Wissenschaftlers kennen lernen konnte. Insgesamt leben in Brasilien 3 Millionen Indigene aus 400 verschiedenen Gemeinschaften, die so divers sind wie die Ökosysteme der Wälder des Amazonasbeckens. „Sie sind ein Stück Menschheitsgeschichte, mit Wissen, Erfahrungen und Meinungen, die nicht in die Vergangenheit schauen oder primitiv sind, sondern etwas bemerkbar machen, das für uns Europäer verloren gegangen ist“, betonte Grünberg. Denn für viele Indigene seien die Beziehungen zwischen den Menschen und ihrer Umwelt soziale Beziehungen und die Natur nichts, was man sich aneignen kann. Die tropischen Wälder Amazoniens seien auch keine Urwälder, sie wurden vielmehr in 12 000 Jahren Besiedelungsgeschichte von Indigenen in eine Kulturlandschaft verwandelt, in der die Nährstoffkreisläufe intakt geblieben sind. Denn der Mensch sei aktiver Bestandteil der tropischen Ökosysteme, und indigenen Gemeinschaften sei es ein zentrales Anliegen, mit der Welt so umzugehen, dass die Grundlage des Lebens nicht bedroht wird. Die Zerstörungen, die Europäer*innen über ihr Land gebracht haben, hätten zu dem Bewusstsein geführt, dass das Leben auf der Welt sich zunehmend verschlechtert. Trotzdem herrsche ein gewisser Optimismus vor, wie man auch in einer schlechteren Welt gut leben kann. „Die Welt ist nicht zum Untergang verurteilt“, sind laut Grünberg viele jener Menschen überzeugt, die in ihren Lebensrealitäten immer wieder kleine Weltuntergänge erleben mussten.

Bedrohung durch Megaprojekte.

Eine dieser ökologischen und sozialen Katastrophen ist das Belo Monte Kraftwerk am Fluss Xingu im brasilianischen Bundesstaat Pará, das trotz jahrzehntelangen Widerstandes 2016 in Betrieb genommen wurde. Erwin Kräutler, ein prominenter Aktivist gegen dieses Projekt, berichtete über die Folgen der damit verbundenen Zwangsumsiedelungen und der Trockenlegung eines 100 Kilometer langen Flussabschnittes. Politiker*innen hätten das Projekt als Heilsversprechen gesehen und wären damit dem gängigen Fortschrittsdiskurs gefolgt, von dem sich leider auch viele Männer* in der Region überzeugen ließen. Vor allem Frauen* und Indigene hätten durch eine längerfristige Perspektive jedoch erkannt, dass der Staudamm eine Bedrohung darstellt, aber die Argumente von Aktivist*innen wurden politisch diffamiert und das Projekt trotz nach wie vor anhängiger Klagen gebaut. Adriana Montanaro betonte in diesem Zusammenhang, dass auch die großen Zeitungen Brasiliens Teil der Koalition für das Kraftwerk waren. Dadurch konnte der indigene Widerstand gegen ein vermeintlich „nachhaltiges“ Projekt in der öffentlichen Wahrnehmung als irrational dargestellt werden.

Ein neuer Umgang mit der Natur.

Dabei benötige es, wie Kräutler deutlich machte, eine völlig andere Rationalität für den Umgang mit der Natur, die sich auch in einer neuen Begrifflichkeit äußern muss. So kritisierte er den Begriff „Umwelt“ als unzureichend, da wir Menschen als Teil der Natur diese in Anlehnung an indigene Vorstellungen besser als „Mitwelt“ begreifen sollten, um „unser gemeinsames Haus“, wie er Amazonien bezeichnete, zu erhalten.

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

 

Foto © Jean-Pierre Dalbéra

Veröffentlicht in Globale Ungleichheiten, Sozial-ökologische Transformationen.