Weltsichtenwandel: Das Buen Vivir

„Die gegenwärtige Krise betrifft nicht bloß den Kapitalismus oder die Menschheit, es ist eine Krise unseres gesamten Erdsystems“, so Pablo Solón. Mit seinem Vortrag über das Buen Vivir eröffnete er auf der österreichischen Entwicklungstagung den Dialog der Perspektiven über die Kritik am Bestehenden hinaus.

Buen Vivir jenseits essentialistischer Romantisierung

Das auf indigenen, großteils andinen Praktiken und Sichtweisen beruhende Konzept des Buen Vivir gilt als umfassender Gegenentwurf zum kapitalistischen Gesellschaftsmodell und hat in den letzten Jahren vor allem in Lateinamerika an politischer Bedeutung gewonnen. In Ecuador und Bolivien wurde es gar als staatstragendes Prinzip in der Verfassung verankert. Pablo Solón, Vorsitzender der in Bangkok ansässigen NGO Focus on the Global South, präsentierte auf der Tagung allerdings keinen fertigen Gesellschaftsentwurf, er verstehe das Buen Vivir viel eher als offenen Bezugsrahmen für eine Vielfalt an Ideen und Diskussionen um ein Leben jenseits von Kapitalismus und Modernismus. Darin würden zwar indigene Konzepte aufgenommen, das Buen Vivir als spanischer Sammelbegriff sei aber deutlich jüngeren Datums und in seinem genauen Bedeutungsgehalt und realpolitischen Konsequenzen umstritten. Anschließend skizzierte Solón in sechs Grundpfeilern seine enwicklungskritische Interpretation des Konzepts.

Erdgemeinschaft und Harmonie

Zunächst zeichne sich Buen Vivir durch seine holistische und relationale Sicht der Welt aus. Das gute Leben beziehe sich hier nämlich nicht bloß auf die Menschheit als vermeintliche „Krone der Schöpfung“. Vielmehr sei sie Teil einer umfassenden Erdgemeinschaft, der Pachamama („Mutter Erde“), die alle Lebewesen untrennbar miteinander verbinde. Dementsprechend werde das Streben, sich die Erde „Untertan zu machen“, als selbstzerstörerisches Grundprinzip des dominanten Gesellschaftssystems abgelehnt. Statt nach Wachstum strebe das Buen Vivir daher nach Harmonie und zwar nicht nur zwischen den Menschen. Vielmehr gehe es darum, eine ganzheitliche Balance des gesamten Erdsystems zu erreichen. Neben der ökologischen Dimension ziele dieses Prinzip durchaus auch auf die vielfältigen Formen sozialer Ungleichheit, die als Wesensmerkmal des Kapitalismus längst nicht mehr nur im sogenannten „globalen Süden“ als Problem sichtbar werden.

Zusammenleben, Komplementarität, Ganzheitlichkeit und Dekolonisierung

Pablo Solón bemerkte, dass heute vielfach das Bewusstsein dafür verloren gegangen sei, dass wir nur im Kollektiv existieren können. Dem setzte er die gemeinschaftliche Sichtweise des Buen Vivir entgegen, die keinen Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft kenne. Ganz im Gegenteil würden in der Pachamama alle Lebewesen einander in ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten ergänzen und so könnte auch die/der Einzelne nur durch Zusammenarbeit und Solidarität zur Entfaltung kommen. Dabei beschränke sich das gute Leben eben nicht auf monetären Reichtum, sondern ziele auf ein ganzheitliches Wohlbefinden, zu dem auch Spiritualität und immaterielle Werte gehörten. Als letzten Grundpfeiler hob Solón die Dekolonialisierung hervor, die mitnichten nur die ehemals formell kolonialisierten Gebiete betreffe. Denn im globalen Kapitalismus seien wir alle subtilen Formen der Kolonialisierung von Bedürfnissen, Werten und Lebensweisen unterworfen. Demgegenüber gebe es, so Solón, unterschiedlichste Auffassungen und Wege zum guten Leben, die alle gemeinsam florieren können sollten.

Grenzen und Perspektiven

Folglich dürfe auch das Buen Vivir nicht als allgemeingültiges Modell für alle Welt verstanden werden. Es gebe eine Vielzahl radikaler Transformationsvorschläge, die unterschiedliche Schwerpunkte setzten und alle ihre Widersprüche und blinden Flecken aufwiesen. In einem offenen Dialog könnten diese Zugänge voneinander lernen und zu überzeugenden Alternativen zum gegenwärtigen Gesellschaftssystem weiterentwickelt werden.

Als größte Schwäche des Buen Vivir identifizierte Solón das Fehlen einer effektiven Strategie, um die bestehenden Machtverhältnisse und Systemlogiken zu überwinden. Denn wie die Erfahrung in Bolivien zeige, sei diese alternative Vorstellung eines guten Lebens unter kapitalistischen Vorzeichen nicht realisierbar. Dort habe die progressive Regierung unter Evo Morales das Buen Vivir zwar als Verfassungsprinzip durchgesetzt und ambitionierte sozial- und wirtschaftspolitische Reformprozesse gestartet. Die grundlegenden Besitz- und Wirtschaftsstrukturen blieben jedoch weitgehend unangetastet. Damit stecke die Transformation des Landes heute in einem strukturellen Dilemma: Weil die Regierung mehr auf exportorientiertes Wirtschaftswachstum, denn Umverteilung oder ökonomische Restrukturierung setze, blieben die sozialpolitischen Maßnahmen finanziell von der Ausbeutung natürlicher Ressourcen abhängig, und laufen damit den umweltpolitischen Zielsetzungen zuwider.

Als Beispiel dafür, dass Armutsbekämpfung und Umweltschutz einander nur scheinbar widersprechen, verwies Solón auf Brian Ashleys 1 Million Climate Jobs Kampagne. Schließlich biete unser Planet eigentlich genügend Ressourcen und Betätigungsfelder, um allen Menschen ein würdevolles Dasein zu ermöglichen. Doch seien gesellschaftlich so wichtige Aufgaben wie der Schutz und die Restauration unseres Ökosystems in der produktivistischen Logik des kapitalistischen Weltmarktes eben nicht gewinnbringend und blieben damit strukturell vernachlässigt.

Um die nötigen Transformationen umzusetzen brauche es eine bewusste und ermächtigte Menschheit. Bildung sei zentral für einen fundamentalen, demokratisierenden Wandel. Denn ebensowenig wie den Märkten, dürfe die Gestaltung unserer Erdgemeinschaft einer kleinen gebildeten Elite überlassen werden. Vielmehr müssten wir alle zu aktiven Subjekten des globalgesellschaftlichen Zusammenlebens werden.

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an: redaktion@pfz.at



Weiterführende Links:


– Vor Pablo Solóns Präsentation stimmte der Videoclip „Radi Aid – Africa for Norway“ die TagungsteilnehmerInnen auf eine Abkehr von eurozentrischen Weltsichten ein. 

– Hier gehts zum Artikel „Pablo Solón und der lebensrettende Systemwandel

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