Utopische Gesellschaftsentwürfe: Transhumanismus und Konvivialismus als Ausdruck bewusst vorangetriebener Utopien.

Wie wollen wir in Zukunft leben und welche Möglichkeiten bieten sich, Herrschaft von Menschen über Menschen zu überwinden? Konzepte wie der Transhumanismus und der Konvivialismus bieten unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Während der Transhumanismus darauf abzielt, menschliche Grenzen mithilfe von Technologie zu überwinden, setzt der Konvivialismus auf Kooperation, Selbstbegrenzung und soziale Verantwortung. Dieser Beitrag greift die Debatte um diese Konzepte auf, die im Rahmen der Präsentation des Schwerpunkthefts der SWS-Rundschau zum Thema “UTOPIEN” diskutiert wurden. Wenzel Mehnert (Zukunftsforscher am Austrian Institute of Technology) und Wolfgang Hofkirchner (Politikwissenschaftler und Psychologe, The Institute for a Global Sustainable Information Society) teilten ihre langjährigen Überlegungen zu den beiden utopischen Konzepten. Dieser Beitrag ist eine Fortführung des ersten Artikels zu der Heftpräsentation, der die Bedeutung utopischen Denkens vermisst.

Transhumanismus: Utopie oder Dystopie?

Der Zukunftsforscher Wenzel Mehnert widmete sich in seinem Vortrag dem Konzept des Transhumanismus – einer Denkweise, die davon ausgeht, dass der Mensch seine biologischen und kognitiven Grenzen mithilfe technologischer Innovationen überwinden kann. Dieses Denken betrachtet den Menschen als „Mangelwesen“, als eine Maschine, deren evolutionäre Beschränkungen durch technologische Innovationen aufgehoben werden können. Doch ist dies eine reine Zukunftsvision oder eine historisch verwurzelte Vorstellung?

Begriffsgeschichte und Kritik.

Mehnert verortete die Ursprünge dieser Idee nicht nur in der Zukunft, sondern auch tief in der Vergangenheit: Bereits mythologische Erzählungen wie die von Ikarus und Dädalus verweisen auf das menschliche Streben nach technischer Perfektion – und wie dieses in Hochmut und einem dramatischen Scheitern enden kann. Heute zeigt sich die transhumanistische Vision oft eng verwoben mit neoliberalen Vorstellungen von Effizienz und Selbstoptimierung, einer gewissen Wertsteigerung des Menschen, was eine Reihe ethischer und gesellschaftlicher Fragen aufwirft:

Wer hat Zugang zu diesen Technologien? Werden Ungleichheit und Ungerechtigkeiten von Menschen an Technologien weitergegeben und von diesen perpetuiert? Würde dadurch eine Zweiklassengesellschaft zwischen „optimierten“ und „nicht-optimierten“ Menschen entstehen? Und grundlegend stellt sich die Frage: Wer lernt eigentlich in der Mensch-Maschine-Konstellation – der Mensch, der durch den Umgang mit Technologie neue Fähigkeiten erwirbt, oder die Maschine selbst, die durch Interaktion mit dem Menschen zunehmend menschenähnliche Züge annimmt, wie es bei heutiger Künstlicher Intelligenz der Fall ist?

Besonders kritisch beleuchtete Mehnert die Geschlechterdimension des Transhumanismus: Die Debatten in diesem Feld werden vor allem von männlichen Akteuren geprägt, während feministische Perspektiven oft fehlen. Das führt zur Notwendigkeit einer Reflexion darüber, wie inklusiv technologische Utopien tatsächlich sein können, wenn sie primär aus einem männlich geprägten Blickwinkel entstehen.

Der Transhumanismus konstituiert ein Spannungsfeld zwischen der Vision einer grenzenlosen menschlichen Evolution und der Gefahr einer radikalen Ökonomisierung des Lebens. Die Debatte im Anschluss an die Ausführungen von Mehnert zeigte letztlich: Technologische Fortschritte dürfen nicht isoliert betrachtet, sondern müssen immer in ihren sozialen, ethischen und historischen Kontexten eingeordnet und hinterfragt werden.

Konvivialismus: Eine Vision für ein kooperatives Zusammenleben.

Einen anderen Zugang präsentierte Wolfgang Hofkirchner mit dem Konvivialismus – einem Gesellschaftsentwurf, der nicht auf technologische Überwindung, sondern auf menschliche Kooperation und Solidarität setzt. Der Begriff „Konvivialismus“ lässt sich auf das lateinische con-vivere zurückführen, was das Streben nach einer neuen Kunst des miteinander Lebens bedeutet. In diesem Ansatz wird die Menschheit als „Schicksalsgemeinschaft“ verstanden, die sich der globalen Krisenlage bewusst werden muss, in der wir uns befinden, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Ohne diese gemeinsame Erkenntnis bleibt eine globale Zusammenarbeit jedoch unmöglich.

Ein zentrales Prinzip ist dabei die Idee der Selbstbegrenzung: Statt einem unbegrenzten Streben nach Wachstum und technologischem Fortschritt wie im Transhumanismus plädiert der Konvivialismus für nachhaltige, auf ethischen Überlegungen und Entwicklungen. Nur damit – so Hofkirchner – könne die von ihm als solche bezeichnete Polykrise überwunden werden. Mit diesem Konzept beschreibt er ähnlich wie jenes der multiplen Krise das gleichzeitige Auftreten mehrerer Krisen, und betont deren Verflechtung und gegenseitige Verstärkung. Diese Selbstbegrenzung ist laut Hofkirchner der Schlüssel zur Überwindung der globalen Polykrise und zur Schaffung einer solidarischen Menschheit, einer sogenannten Schicksalsgemeinschaft.

Neben der Selbstbegrenzung ist die „Einheit in Vielfalt“ das Leitmotiv dieses Ansatzes, um gemeinschaftlich neue Lösungen zu entwerfen. Nicht im Sinne der Gleichschaltung, sondern vielmehr mit dem Ziel der Balance zwischen individuellen und kollektiven Interessen. So könnten laut Hofkirchner Individualität und kulturelle Unterschiede respektiert, aber gleichzeitig auch ein gemeinsames Fundament für gerechtes und friedliches Zusammenleben geschafft werden. Der Konvivialismus fordert also ein Gleichgewicht zwischen dem Ich und dem Wir, zwischen Selbstentfaltung und gemeinschaftlicher Verantwortung, um gemeinsamen aus der aktuellen Krisenlage herauszutreten.

Die Komplexität des Konvivialismus.

Das Konzept des Konvivialismus ist äußerst komplex und lässt sich in all seiner Tiefe nicht in diesem Beitrag widerspiegeln. Eine Möglichkeit zu eingehenderer Auseinandersetzung bietet daher für alle Interessierten das Buch Das konvivialistische Manifest, das auch während des Vortrags zur Verfügung stand. Es beleuchtet die zentrale Frage, wie ein gemeinschaftliches Leben jenseits der Wachstumsgesellschaft möglich ist, und entwickelt eine neue politische Philosophie.

Dennoch ist der Begriff „Konvivialismus“ mit Vorsicht zu genießen: in der wissenschaftlichen Debatte wird vom Sozialphilosophen Jürgen Manemann kritisch angemerkt, dass die Bezeichnung „-ismus“ problematisch sei, da sie die Vielfalt alternativer Bewegungen auf einen gemeinsamen Nenner zu reduzieren scheint. Zwar sei der Konvivialismus als pluralistisches Projekt gedacht, aber durch seine Begriffsform suggeriere er eine gewisse Vereinheitlichung.

Sowohl der Transhumanismus als auch der Konvivialismus bieten alternative Zukunftsperspektiven, die technologische Innovation und gesellschaftlichen Wandel unterschiedlich gewichten. Welche dieser Visionen weist den Weg in eine lebenswerte Zukunft – oder braucht es eine ganz andere Utopie?

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Titelbild © Tim Green, flickr (https://www.flickr.com/photos/atoach/30950206151)

Weiterführende Links:

Zum Ersten Artikel über die SWS-Präsentation.

Adloff, F. und Heins, V. M. (Hrsg.) (2015) Konvivialismus. Eine Debatte. Bielefeld: transcript Verlag.​

Les Convivialistes., Adloff, F. and Leggewie, C. (2014): Das konvivialistische Manifest: Für eine neue Kunst des Zusammenlebens (Hrg.: C. Leggewie und F. Adloff in Zusammenarbeit mit dem Käte Hamburger Kolleg / Centre for Global Cooperation Research Duisburg), Bielefeld: transcript Verlag.

SWS-Rundschau (2024): Utopien, in: SWS-Rundschau, Vol.64(3). 

Manemann, J. (2014): Das konvivialistische Manifest – eine Kritik.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung, Gutes Leben für Alle.