Utopien: Zwischen herrschaftskritischem Transformationspotential und kolonialen Verstrickungen.

In einer Zeit, in der geopolitische Spannungen, ökologische Krisen und soziale Unsicherheiten den öffentlichen Diskurs bestimmen, scheint die Vorstellung einer besseren Zukunft zunehmend in den Hintergrund zu rücken. Während dystopische Narrative an Einfluss gewinnen, werden Utopien oft als überholt oder unrealistisch betrachtet. Doch ist die Gegenwart wirklich ein utopieloses Zeitalter? Was genau bedeutet Utopie, und inwiefern prägen utopische Vorstellungen weiterhin gesellschaftliche Entwicklungen?

Die Präsentation des Schwerpunkthefts der SWS-Rundschau zum Thema “Utopien” am 12. März im Republikanischen Club Fischerstiege in Wien bot Raum für Reflexion und Diskussion über die Zukunft der Utopien – ein Thema, das gerade heute vor dem Hintergrund der multiplen Krise besondere Relevanz besitzt. Am Podium diskutierten Antje Daniel (Institut für Internationale Entwicklung, Universität Wien) über Utopiebegriffe, Wenzel Mehnert (Austrian Institute of Technology) über den Transhumanismus und Wolfgang Hofkirchner (The Institute for a Global Sustainable Information Society) über den Konvivialismus. Die Moderation übernahm Sigrid Kroismayr (Sozialwissenschaftliche-Rundschau).

Diese Veranstaltung wird im Rahmen von zwei Artikeln vorgestellt. Der erste Beitrag beschäftigt sich mit der Begriffsgeschichte des Utopiebegriffes, währen im zweiten die Frage im Vordergrund steht, inwiefern Transhumanismus und Konvivialismus als Utopien gedeutet werden können.

Die Soziologie der Utopie: Ein Ende oder eine neue Form?

Sind Utopien verschwunden, oder haben sie sich lediglich gewandelt? Antje Daniel setzte sich mit der weitverbreiteten Annahme auseinander, dass wir in einem utopielosen Zeitalter leben. Sie stellte die grundlegende Frage nach der Rolle utopischen Denkens in der Gegenwart und argumentierte, dass Utopien keineswegs obsolet sind, sondern sich in neuen Formen manifestieren würden. Neben dystopischen Erzählungen existierten, so Daniel, hochdifferenzierte gesellschaftliche Utopien, die sich aus der Kritik an aktuellen Krisen und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft formieren würden.

Daniel unterschied in ihrem Vortrag zwischen zwei zentralen Utopiebegriffen: dem klassischen fiktionalen Utopiebegriff nach Thomas Morus und dem intentionalen Utopiebegriff nach Gustav Landauer und Ernst Bloch. Ersterer stellt das große soziale Ganze in den Mittelpunkt und dient als gedankliches Experiment zur Gesellschaftskritik, er ist also rein fiktional. Der intentionale Utopiebegriff hingegen grenzt sich von der reinen Fiktion ab und beschreibt gelebte, bewusste und zielgerichtete Utopien, die als Transformationspfade fungieren und soziale Veränderungen anstoßen. Aber was genau bedeutet das nun konkret? Im Gegensatz zum fiktionalen Utopiebegriff, der eine rein idealisierte Welt beschreibt und nur in Gedanken existiert, kann der intentionale Utopiebegriff auf tatsächliche gesellschaftliche Realitäten wie alternative Wohnprojekte oder die Gemeinwohlökonomie angewendet werden.

Während klassische Utopien oft als ferne Idealzustände betrachtet werden, die vielleicht nie Realität werden, haben intentionale Utopien das Potenzial, Veränderung zumindest in kleinem Rahmen spürbar zu machen. Selbst im Falle ihres Scheiterns können sie  neue Perspektiven eröffnen und damit gesellschaftliche Entwicklungen anstoßen. Daniels Analyse verdeutlichte auch, dass Utopien nicht per se progressiv oder emanzipatorisch sind. Sie können ebenso konservative oder gar dystopische Züge annehmen – je nach Perspektive und gesellschaftlichem Kontext.

Warum brauchen wir Utopien?

Antje Daniel plädierte in ihrem Vortrag für eine erweiterte soziologische Perspektive auf Utopien. Sie sieht in ihnen einen unverzichtbaren Bestandteil gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und Veränderungsprozesse. Gerade in Zeiten der multiplen Krise – ein Begriff, den Ulrich Brand geprägt hat, um die miteinander verflochtenen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Krisen als Folge grundlegender Probleme im kapitalistischen System zu beschreiben – eröffnet utopisches Denken neue Möglichkeiten: Ausgehend von einer kritischen Reflexion des Status quo können Utopien Raum für positive Visionen einer gerechten, solidarischen und nachhaltigen Gesellschaft schaffen. Selbst wenn sie (noch) nicht vollständig verwirklicht werden, können sie als Inspirationsquelle für gesellschaftlichen Wandel dienen. Denn Alternativen existieren längst im Kleinen: Initiativen wie Ökodörfer oder solidarische Wirtschaftsformen gelten als gelebte Utopien – konkrete Experimente, die zeigen, dass andere Formen des Zusammenlebens und Wirtschaftens möglich sind.

Utopien – ein eurozentristische Sichtweise?

Ein weiterer faszinierender Blick in die Welt der Utopien eröffnet sich im Kapitel „Utopien sind nicht nur europäisch – vom eurozentristischen Utopie-Diskurs hin zu einer globalen Analyse von Utopien“ aus dem Schwerpunktheft der SWS-Rundschau, das in der Präsentation selbst jedoch ausgelassen wurde. Daniel und Wendt zeigen darin auf, wie der Kolonialismus eine eigene utopische Dimension besaß: Die Suche nach einer „neuen Welt“ und die Gründung von Kolonien waren von Vorstellungen idealer Gesellschaftsentwürfe durchzogen – einer Utopie, die in Europa selbst als unerreichbar galt.

Diese utopischen Entwürfe verwandelten vermeintlich „exotische, fremde Orte“ in Projektionsflächen für eine ideale Zukunft, ein „goldenes Land“, das europäische Sehnsüchte widerspiegelte. Gleichzeitig wurden Gesellschaften des Globalen Südens als dystopisch, minderwertig oder rückständig dargestellt, was die koloniale Rechtfertigung für ihre „Zivilisierung“ lieferte. Die Verknüpfung von Utopie und Dystopie verdeutlicht eindrucksvoll die komplexen Wechselwirkungen zwischen beiden Konzepten und zeigt, wie sehr Utopien im historischen und geographischen Kontext wandelbar sind.

Ein weiterer zentraler Kritikpunkt, der in diesem Beitrag erläutert wird, ist die westlich geprägte Konstruktion von Utopien. Daniel und Wendt schreiben: „Utopie und Utopismus werden oft als primär westliche Konstrukte wahrgenommen, westliche Träume von einer besseren Welt (…). Dies ist zweifellos auf die Tatsache zurückzuführen, dass Definitionen (…) aus westlichen Beispielen des Genres und der Praxis hervorgegangen sind“ (Seite 222).

Utopisches Denken ist demnach maßgeblich auch heute noch von westlichen Vorstellungen dominiert, während Utopien aus dem Globalen Süden nur wenig Beachtung finden. Werden Utopien in Europa also oft mit Fortschritt und Moderne in Verbindung gesetzt, nimmt utopisches Denken etwa in Afrika häufig Rassismus und das kollektive Trauma des Kolonialismus und seine Fortsetzung als Ausgangspunkt, wodurch der Wunsch nach der Rückkehr zu einer vorkolonialen Zeit einkehrt. Dieser Ansatz verdeutlicht umso mehr die Notwendigkeit, Utopien diverser zu betrachten und sie über ihre eurozentrischen Wurzeln hinauszudenken, um gemeinsam eine global gerechte Utopie zu entwerfen.

Können der Konvivialismus und der Transhumanismus als utopische Konzepte verstanden werden? Im zweiten Beitrag zum Thema Utopien wird dieser Frage nachgegangen, die im Rahmen der Heftpräsentation von Wolfgang Hofkirchner und Menzel Mehnert eingehend diskutiert wurde.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Titelbild © Mark Hatot, https://pixabay.com/photos/utopia-earth-dream-sign-978908/ 

Weiterführende Links:

Zum ersten Artikel zur SWS-Präsentation.

SWS-Rundschau (2024): Utopien, in: SWS-Rundschau, Vol.64(3).

Brand, Ulrich (2009): Die Multiple Krise. Dynamik und Zusammenhang der Krisendimensionen, Anforderungen an politische Institutionen und Chancen progressiver Politik.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung, Gutes Leben für Alle.