„Regierende ohne moralischen Kompass.“ Interview mit dem chilenischen Schriftsteller Carlos Franz.

Der Annahme, dass der globale Süden ein eigenständiger Pol in einer multipolaren Welt sein könne, widerspricht der Autor Carlos Franz. Zu offenkundig seien die Schwächen dieser Nationen, sagt er im Interview. Carlos Franz, 1959 geboren, zählt zu den wichtigsten Schriftsteller*innen Südamerikas. Auf Deutsch ist von ihm zuletzt der Roman „Das verschwundene Meer“ erschienen (Mitteldeutscher Verlag, Halle 2023), in dem er die Folgen des Pinochet-Putsches 1973 in Chile aufarbeitet.

 

Helmut L. Müller (HM): Denken Sie, dass die Länder des globalen Südens inklusive Lateinamerika heute eine gemeinsame Weltsicht teilen?

Carlos Franz (CF): Ich denke nicht, dass dies der Fall ist. Nach meiner Ansicht ist der Begriff „globaler Süden“ eine breit gefasste Generalisierung, ein zu abstraktes und zu loses Konzept, um intellektuell oder politisch nützlich zu sein. Aus diesen Gründen bin ich auch der Auffassung, dass das Konzept selbst und die Weltsicht, die mutmaßlich daraus erwachsen könnte, den normalen Menschen in unseren Ländern fremd sind. Ich bin mir bewusst, dass einige Regierungen und Ideologen versuchen, das Auftreten eines vereinten globalen Südens voranzubringen. Tatsächlich könnte eine Allianz von großen südlichen Ländern wie Brasilien, Südafrika und Indien ein alternativer Pol in einer multipolaren Welt sein. Aber bei dem gegenwärtigen Zustand der Weltverhältnisse erscheint mir die Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich zu einer funktionierenden politischen Allianz dieser Art kommen könnte, und nicht nur zu einem bloßen Diskurs darüber, als eine Täuschung.

HM: In welchem Maße stehen die Perspektiven des globalen Südens im Gegensatz zu jenen in Europa und den USA?

CF: Noch einmal: Ich sehe nicht, dass die sehr verschiedenartigen Länder der südlichen Hemisphäre eine gemeinsame Weltsicht teilen. Ungeachtet dessen lässt sich in manchen unserer Länder, besonders in den ärmeren und rückständigen, häufig ein antiamerikanisches oder antieuropäisches Ressentiment finden. Doch treten diese negativen Gefühle zumindest in Lateinamerika gleichzeitig mit einer enormen Popularität des American Way of Life und einer Bewunderung für das europäische kulturelle Erbe auf. Manchmal trifft man auf Leute, die ihren Hass auf den US-Imperialismus ausdrücken und im gleichen Atemzug die technologischen Errungenschaften der US-Amerikaner*innen preisen oder US-amerikanischen Pop-Ikonen huldigen.

HM: Können wir hier die langandauernden Konsequenzen der Ära des Kolonialismus konstatieren?

CF: Wenn wir über das alte Thema des Kolonialismus sprechen wollen, sollten wir ins Auge fassen, dass die „Dekolonisierung“ und das Konzept des „globalen Südens“ selbst „neokoloniale“ Ideen sein könnten. Die Plattheit des Konzepts vom „globalen Süden“ verrät manches von einer eurozentrischen intellektuellen Faulheit. Tatsächlich mag es verlockend sein, den Rest der Welt auf eine bequeme, allumfassende Simplifizierung zu reduzieren, die Dutzende verschiedener Länder nach ihren alten Beziehungen mit Europa oder den USA definiert. Nach diesem Denken können unsere Länder gar keine unabhängige Geschichte abseits des alten europäischen Einflusses haben. Wir können demnach gar nicht Erfolge oder Misserfolge – meistens Misserfolge – haben, die unser eigenes Geschick und unsere eigene Verantwortung sind.

HM: Aber gibt es im globalen Süden nicht bis heute die Klage über die verheerenden Folgen des Kolonialismus?

CF: Wenn wir von Lateinamerika sprechen, so hat der größte Teil dieses Kontinents seine Unabhängigkeit vom Spanischen Reich vor mehr als zwei Jahrhunderten erlangt. Der Prozess der Dekolonisation ist also vor langer Zeit abgeschlossen worden. Aber noch immer gibt es Politiker*innen in Lateinamerika, die es nützlich finden, das schuldgeprägte Gewissen zu manipulieren, welches in gewissen europäischen Zirkeln Mode ist. Zum Beispiel hat Andres Manuel Lopez Obrador, der frühere Präsident von Mexiko, gern Klage gegen Spanien erhoben, indem er den spanischen Staat aufforderte, sich für die Conquista zu entschuldigen oder gar dafür eine Wiedergutmachung zu leisten. Obwohl solche Forderungen immer wieder einmal Schlagzeilen in der europäischen oder der US-amerikanischen Presse machen, sind sie nach meiner Ansicht eine Angelegenheit der Eliten. Für die Mehrheiten in unseren Ländern sind sie kein Problem. Das genaue Gegenteil könnte wahr sein: Die meisten Menschen in Lateinamerika betrachten Spanien und Portugal heute als freundliche Orte. Millionen Menschen haben zum Beispiel um die spanische Staatsbürgerschaft angesucht, auf die sie einen Anspruch haben, sobald sie nur zwei Jahre im Land gelebt haben.

HM: Im gegenwärtigen Weltsystem vollzieht sich offensichtlich eine Machtverschiebung: Der Westen verliert an Einfluss, Asien steigt auf. Gibt es auch in Lateinamerika das Gefühl, dass die eigene Region künftig eine größere Rolle spielen sollte – zwischen dem demokratischen Westen und der autokratischen Weltmacht China?

CF: Ich habe nicht diesen Eindruck. Ich fürchte, Lateinamerika hat eine solche Last großer Probleme, dass es bloßes Wunschdenken wäre, darauf zu hoffen, unsere Region könnte in der vorhersehbaren Zukunft eine wichtige Rolle in den Weltangelegenheiten spielen. Diese Probleme sind Kriminalität, Korruption, Armut, soziale Unruhen, gemischt mit Misstrauen oder gar Hass zwischen unseren eigenen Ländern. Die zahlreichen Bemühungen um eine Vereinigung Lateinamerikas sind allesamt gescheitert oder von geringem Erfolg gewesen. Ich habe die Befürchtung, dass wir in der näheren Zukunft bloß Bauern auf dem globalen Schachbrett sein werden.

HM: Ist Brasilien bereit, innerhalb des multipolaren Systems von heute die Rolle einer Führungsnation des globalen Südens zu spielen?

CF: Brasilien ist immer, wie man bei uns sagt, „o pais de amanha“, das große Land der Zukunft. Heute, da Präsident Lula da Silva zurück im Amt ist, hat Brasilien wieder das Verlangen, zu den Weltführer*innen zu zählen. Doch die Brasilianer leiden unter einer schweren politischen Instabilität. Brasilien ist eine wirtschaftliche Kraftmaschine, die aber weit unter ihrem Potenzial bleibt. Das Bruttosozialprodukt Brasiliens ist groß, aber das Ausmaß von Ungleichheit und Korruption in diesem Land ist fürchterlich. Länder mit einer Korruption und Ineffizienz von solcher Dimension sind nicht dazu geeignet, vertrauenswürdige Führungsnationen zu werden.

HM: In den Konflikten um die Ukraine und im Nahen Osten zögern viele Staaten des globalen Südens, sich auf die Seite des demokratischen Westens zu stellen. Was sind nach Ihrer Ansicht die Gründe dafür?

CF: Ja, es ist bestürzend, den Mangel an einem moralischen Kompass bei vielen Führer*innen dieser Regierungen zu sehen. Ein Gefühl des Ressentiments gegenüber dem Westen kann ein Grund sein. Aber ich vermute, dass eine bessere Erklärung dafür schierer Opportunismus oder gar Gier ist. Brasilien und Indien machen in der aktuellen Situation gute Geschäfte mit Russland. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die korrupten Eliten in solchen Regierungen bei diesen Geschäften ihren „Schnitt“ machen.

HM: Aber in der Generalversammlung der Vereinten Nationen hat zwei Mal eine große Mehrheit der Mitgliedsstaaten Russlands Aggression gegen die Ukraine als Verletzung des internationalen Rechts verurteilt. Ist das ein Zeichen dafür, dass auch die Länder des globalen Südens die Charta der UNO als eine Art Anker in einer Welt des Chaos betrachten?

CF: Ja, für die kleineren und schwächeren Länder stellt die UNO ein begrenztes, wenngleich prekäres Stück einer „rule of law“ in einer gesetzlosen Welt dar. Die Verurteilung der russischen Aggression in der Ukraine war für alle Freiheitsfreund*innen eine sehr willkommene Resolution. Doch sollte man die Vereinten Nationen nicht idealisieren. Die Generalversammlung der UNO selbst setzt sich aus einer großen Mehrheit von Staaten zusammen, deren Regierungen die „Herrschaft des Rechts“ bei ihren internen Angelegenheiten nicht respektieren. Während die meisten Staaten eine Stimme in der UNO haben, haben einige Staaten darüber hinaus ein Veto im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen; darunter sind Staaten mit einer totalitären Diktatur wie China oder mit einem autoritären Regime wie Russland. Zudem zeigen verschiedene Institutionen der UNO ein bedrückendes Maß an Nicht-Handeln oder grässliche Widersprüche. Zum Beispiel hat den Vorsitz im Menschenrechtsrat derzeit ein Vertreter von Marokko, dessen Regierung eine schlechte Bilanz bei den Menschenrechten aufweist.

HM: Kann es heutzutage nach Ihrem Eindruck zu einer Wiederbelebung der Blockfreien-Bewegung kommen, wie wir sie aus der Zeit des Kalten Krieges kennen?

CF: Ich finde die Idee einer großen Bewegung der Blockfreien inmitten einer multipolaren Welt widersinnig. Das Gegenteil erscheint mir viel wahrscheinlicher – nämlich eine Tendenz zu einer Fragmentierung und Vereinzelung. Kleinere Länder werden viele Gelegenheiten zu wechselnden Allianzen auf verschiedenen Ebenen nützen. Die kleinen Länder können profitieren vom Wettbewerb zwischen verschiedenen neuen Weltzentren, also eine variable Geometrie internationaler Allianzen anwenden, die es ihnen erlaubt, jeweils mit verschiedenen und gegensätzlichen Mächten zu verhandeln.
Damit eine solche variable Geometrie möglich ist, muss es eine internationale „Herrschaft des Rechts“ geben, die ausschließt oder zumindest verhindert, dass mächtige Staaten Angriffskriege beginnen. Das ist ein weiterer Grund, warum die zurückhaltende Reaktion etlicher Regierungen auf die russische Invasion der Ukraine nicht nur schändlich, sondern auch ein kolossaler Fehler ist.

 

Helmut L. Müller ist freier Autor. Nach seiner Dissertation über das politische Engagement deutscher Schriftsteller („Die literarische Republik“) nahm er eine journalistische Tätigkeit mit Schwerpunkt Entwicklungspolitik, unter anderem für die Salzburger Nachrichten und die Süddeutsche Zeitung, auf. Er erhielt den Journalistenpreis des Europarates für entwicklungspolitische Berichterstattung. Publikationen u.a.: Afrika – der geplünderte Kontinent (Verlag Kremayr & Scheriau, Wien); Engagierte Literaten – Politische Gespräche mit Schriftstellern (Czernin-Verlag, Wien). Reaktionen bitte an office@pfz.at.

Das Titelbild zeigt Carlos Franz in Madrid 2010.
© Javayuw, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26109151

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Globale Ungleichheiten, Gutes Leben für Alle.