Pablo Solón, politischer Aktivist, Ex-Diplomat und wissenschaftlicher Querdenker gilt als harter Kritiker der neoliberalen Weltordnung und glühender Verfechter eines fundamentalen sozial-ökologischen Umbruchs. Von 14.-16. November 2014 wird er als Referent bei der Entwicklungstagung in Salzburg auftreten.
Pablo Solón
Als Sohn des „politischen“ Malers Walter Solón Romero Gonzáles wurde Pablo Solón bereits früh mit den massiven sozialen Verwerfungen seines Heimatlandes Bolivien konfrontiert und engagierte sich später jahrelang in Gewerkschaften, Studierenden- und Indigenenbewegungen, kulturellen und Menschenrechtsorganisationen. Mit der Machtübernahme des „links-indigenen“ Präsidenten Evo Morales trat Solón 2006 in den Staatsapparat ein und wurde vier Jahre später zu Boliviens Vertreter bei den Vereinten Nationen ernannt. In dieser Tätigkeit machte er sich durch seine radikale Position bei der Klimakonferenz von Cancún und zahlreiche weitere Initiativen einen Namen als unermüdlicher Anwalt für die Rechte der Natur. Seit 2012 ist er Vorsitzender der in Bangkok ansässigen NGO Focus on the Global South, wo er die Nachfolge des bekannten Globalisierungskritikers Walden Bello antrat. Die 1995 gegründete Organisation hat sich ganz dem Kampf gegen eine neoliberale Globalisierung verschrieben und fördert zugleich die globale Vernetzung kritischer Bewegungen, wie etwa in den großen Weltsozialforen. Darüber hinaus beteiligt sich Pablo Solón führend an der Plattform „Systemic Alternatives“, die sich der Debatte um Alternativen zum gegenwärtigen Gesellschaftssystem verschrieben hat.
Genozid und Ökozid
„Das kapitalistische System verübt einen nie dagewesenen Genozid und Ökozid […]. Heute reicht es nicht mehr aus, Diktatoren oder Regierungen zu stürzen. Heute müssen wir das System ändern, um das Leben zu retten“ – so Pablo Solón auf seinem Webblog „Hoy es Todavía“. Der umtriebige Aktivist möchte die „großen Probleme“ der Gegenwart an der Wurzel packen. Seine vielfältigen Tätigkeiten kreisen um die Frage, wie gewalttätige Konflikte, Ungleichheit und Umweltzerstörung überwunden und sozial gerechte, solidarische sowie ökologisch nachhaltige Alternativen zum gegenwärtigen Gesellschaftssystem entwickelt und durchgesetzt werden können.
Pablo Solón wendet sich gegen technologische Lösungsversuche „von oben“, wie etwa das prominente Konzept der „Green Economy“. Diese tasteten den kapitalistischen Wachstumszwang nicht an und bewirkten keine Veränderung des problematischen Naturverhältnisses unserer Gegenwartsgesellschaft. Fundamentale Umbrüche können laut Solón nicht von internationalen Organisationen verordnet werden, sondern müssten von den Menschen ausgehen. Dementsprechend gelte es, die weltweit und tagtäglich auftretenden lokalen Kämpfe um Veränderung zu vernetzen und gemeinsam mit WissenschafterInnen und EntscheidungsträgerInnen in breite Dialoge um „systemische Alternativen“ zu bringen.
Buen Vivir
Eine solche Alternative stellt das aus Lateinamerika stammende Konzept des Buen Vivir, des „guten Lebens“ dar, das Pablo Solón auf der Entwicklungstagung vorgestellt hat. Nachdem die großen Versprechen der Moderne für die Mehrheit der LateinamerikanerInnen in den vergangenen Jahrzehnten kapitalistischer Entwicklung nur Abhängigkeit, Ungleichheit und Umweltzerstörung brachten, wurden Ende des vergangenen Jahrhunderts zunehmend Zweifel am „westlichen“ Gesellschaftsmodell laut.
Ein Teil dieser Kritik vereinte sich unter dem Schlagwort Buen Vivir, das es in den Andenländern Ecuador und Bolivien bis in die Verfassung geschafft hat. Das Buen Vivir versteht sich als umfassender Gegenentwurf zum „westlich-modernen“ Entwicklungsmodell, greift dabei aber nicht auf die großen kritischen Entwürfe aus Europa zurück, sondern basiert wesentlich auf lokalen indigenen Praktiken und Sichtweisen. Statt des individuellen Strebens nach „immer mehr“, steht im Zentrum dieses Konzepts ein ganzheitliches „gutes Leben“ in Harmonie mit den Mitmenschen und der natürlichen Umwelt. Die Menschen werden hier nicht als Krone der Schöpfung, sondern als Teil eines größeren, allumfassenden Ganzen, der Pachamama („Mutter Erde“ oder „Mutter Kosmos“) verstanden, in der alles Existierende organisch miteinander verbunden ist. Demnach würden alle Lebewesen des Kosmos (zu denen auch die Natur gehört) einander ergänzen. Die Entfaltung des/der Einen fördert zugleich auch die Entfaltung des/der Anderen, weshalb ein gutes Leben nur durch Respekt, Zusammenarbeit und Solidarität mit Mensch, Tier und Natur gelingen kann. Dementsprechend wird das Buen Vivir nicht als neues Entwicklungsschema für alle Welt propagiert. Seine ProponentInnen folgen vielmehr der Vision einer dialogischen Koexistenz vielfältigster Gesellschafts- und Lebensentwürfe.
Dabei ist auch das Konzept selbst umstritten und keineswegs eindeutig. Vor allem in Ecuador und Bolivien, wo das Buen Vivir per Verfassung zum Staatsziel erhoben wurde, ist dessen konkrete Ausdeutung und Umsetzung Gegenstand heftiger politischer Auseinandersetzungen. Die progressiven Regierungen unter Rafael Correa und Evo Morales sehen darin eine alternative Form von Entwicklung. Es gehe darum, die natürlichen Ressourcen der Länder zu nutzen, um Wachstum und „Modernisierung“ voranzutreiben und tatsächlich allen BewohnerInnen ein gutes Leben in materiellem Wohlstand zu ermöglichen. Demgegenüber nützen kritische Intellektuelle, soziale Bewegungen und Betroffene von der extraktivistischen Naturausbeutung, das Buen Vivir, im oben beschriebenen Sinne, als umfassenden Alternativentwurf, mit dem die zerstörerischen und kolonialen Implikationen des Konzepts „Entwicklung“ überwunden werden sollten.
Pablo Solón wird auf der Entwicklungstagung diese und andere Kritiken am Konzept „Entwicklung“ diskutieren und in die Debatten um die nächste große Entwicklungsagenda sowie neue Formen globaler Verantwortung einbringen.
Weiterführende Links:
Pablo Solóns Webblog „Hoy es Todavía“: https://pablosolon.wordpress.com/
Focus on the Global South: https://focusweb.org/
Systemic Alternatives: https://systemicalternatives.org/
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at