„Muslimisch, deutsch… na klar!“ Antimuslimischer Rassismus und wie wir ihm begegnen können.

Was ist antimuslimischer Rassismus? Wie äußert er sich in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen? Wie beeinflusst er das Leben von Betroffenen? Und auf welche Weise können wir ihm entgegenwirken? Diese Fragen diskutierte Jule Wagner, Bildungsreferentin für Antidiskriminierung bei ZEOK e.V. aus Leipzig im Rahmen der Infoveranstaltung „Muslimisch, deutsch… na klar!“. Die Veranstaltung fand am 13. November 2024 in der Johanniter Akademie Leipzig statt.

Was ist antimuslimischer Rassismus?

Es existieren verschiedene Begriffe für das Phänomen, welches sich gegen Muslim*innen richtet sowie gegen muslimisch gelesene Personen, also Personen, die aufgrund ihres Aussehens, Namens oder Verhaltens von anderen als Muslim*innen wahrgenommen werden, auch wenn sie es möglicherweise nicht sind. Hierzu zählen Islamophobie, Islam- oder Muslim*innenfeindlichkeit sowie antimuslimischer Rassismus. Diese Begriffe bringen verschiedene Aspekte desselben Phänomens zur Geltung.

„Islamophobie“ meint ein auf den Islam bezogenes Gefühl von Furcht, das über ein als normal geltendes Maß hinausgeht. Gegen die Verwendung des Begriffs spricht, dass er irreführenderweise nahelegt, es handele sich hier nur um übertriebene Angstgefühle und nicht um folgenreiche Abneigungen. Das Konzept der Islam- oder Muslim*innenfeindlichkeit hebt persönliche Einstellungen hervor und nimmt zur Kenntnis, dass diese sich in Diskriminierung äußern können. Es werden weder gesellschaftliche Machtverhältnisse noch soziale Strukturen hinterfragt, die diese Einstellungen unterstützen. Vor diesem Hintergrund spricht Jule Wagner sich dafür aus, den Begriff „Rassismus“ zu verwenden, denn er ordnet anti-muslimische Haltungen als ein historisch gewachsenes und in der Gesellschaft verankertes Phänomen ein. In Bezug auf die Ablehnung von Muslim*innen orientiert sich der von Wagner verwendete Ansatz am von Étienne Balibar beschriebenen Phänomen eines „Rassismus ohne Rassen“. Dabei werden nicht biologische Merkmale wie die Hautfarbe, sondern kulturelle oder soziale Eigenschaften wie Sprache und Religion herangezogen, um Unterscheidungen zu treffen.

Auf welchen gesellschaftlichen Mechanismen beruht antimuslimischer Rassismus?

Rassismus funktioniert über verschiedene gesellschaftliche Mechanismen, darunter Othering, Essentialisierung, Exotisierung und Dämonisierung. Ziel des „Othering“ ist es, Menschen in Gruppen einzuteilen, diese Gruppen wertend – als besser oder schlechter – voneinander abzugrenzen und damit zu rechtfertigen, dass ihre Mitglieder ungleich behandelt werden. Hierzu wird ein Merkmal, etwa die Religion, ausgewählt, um Personen einer „anderen“ Gruppe zuzuordnen und von der „eigenen“ Gruppe zu trennen. Das Merkmal wird auch dazu benutzt, alles, was Personen aus der „anderen“ Gruppe machen, mit diesem Merkmal zu erklären, und ihnen negative Eigenschaften zuzuschreiben. Dadurch wertet sich die WIR-Gruppe auf, während sie die „andere“ Gruppe abwertet. Auf dieser Grundlage rechtfertigen Personen aus der einen Gruppe die Benachteiligung von Personen aus der „anderen“ Gruppe.

Bei der „Essentialisierung“ werden Menschen auf ein Merkmal reduziert, häufig jenes, das genutzt wird, um sie der „anderen“ Gruppe zuzuordnen. Alle weiteren Aspekte Ihrer Identität werden ausgeblendet, insbesondere solche, die sie voneinander unterscheiden oder mit Personen aus der „eigenen“ Gruppe verbinden. Auch „Exotisierung“ und „Dämonisierung“ betonen das Anderssein. Personen werden auf ihre „Fremdheit“ reduziert und als besonders geheimnisvoll, interessant oder gefährlich dargestellt.

Wie äußert sich antimuslimischer Rassismus im gesellschaftlichen Diskurs?

Viele Medien und medienwirksame Personen wie Politiker*innen verwenden, ob bewusst oder unbewusst, rassistische Mechanismen und Narrative, wenn sie über Muslim*innen sprechen. Besonders seit dem Attentat auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 prägt die Idee der „Islamisierung“ zunehmend öffentliche Debatten. „Islamisierung“ bezeichnet einen Prozess, in dem angeblich islamische Werte und Praktiken zunehmend verschiedene soziale und politische Bereiche beeinflussen. Der Islam wird in diesem Zusammenhang herangezogen, um zahlreiche gesellschaftliche Phänomene zu erklären. Jule Wagner nennt beispielhaft  „die Unterdrückung der Frau“, „Parallelgesellschaften“ und „Bedrohung durch Gewalt“ als häufig auftauchende Narrative im öffentlichen Diskurs.

Übergriffe und schlechte Behandlung von Frauen werden der „anderen“, d.h. der muslimischen Gruppe zugeschrieben. Die „eigene“ Gruppe präsentiert sich im Gegensatz dazu als fortschrittlich. In Bezug auf „Parallelgesellschaften“ wird nur die Gruppe der Muslim*innen als Problem dargestellt. Dass die Gesellschaft sich aus vielen verschiedenen Gruppen zusammensetzt, wird ignoriert. Außerdem werden Muslim*innen oft in Zusammenhang mit (Clan)-Kriminalität gebracht. Kriminalität wird dabei kulturell und religiös erklärt, um sie auf eine „andere“ Gruppe zu verlagern und die „eigene“ Gruppe zu entlasten.

Welche Folgen hat antimuslimischer Rassismus für Betroffene?

Rassistische Mechanismen schlagen sich nicht nur in den Medien, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen nieder – sowohl auf zwischenmenschlicher als auch auf institutioneller Ebene. Muslimisch gelesene Personen erleben Nachteile in Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen, sowie auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Die Chancen von Frauen mit Kopftuch etwa stehen im Vergleich zu Frauen ohne Kopftuch bei einem Bewerbungsgespräch rund viermal schlechter. Im schlimmsten Fall jedoch werden Muslim*innen nicht nur benachteiligt, sondern verbal und physisch angegriffen.

Für alle Menschen, besonders aber für Kinder und Jugendliche kann es sehr verletzend sein, wenn man ihnen das Gefühl gibt, nicht dazuzugehören. Oft empfinden sie starken Druck, sich zu erklären und zu rechtfertigen; gleichzeitig erfahren sie Abwertung und Gewalt. Die Reaktionen sind unterschiedlich, einige ziehen sich zurück, andere begegnen Ausgrenzung und Feindseligkeit mit Wut und Aggressionen.

Wie können wir antimuslimischem Rassismus entgegenwirken?

Offen über Rassismus zu sprechen ist nicht immer leicht. Nahezu jeder Mensch trägt rassistische Denkmuster in sich. Laut Jule Wagner kommt es darauf an, deren Skandalisierung zu überwinden. Um Rassismus entgegenzuwirken, müssen wir ihn anerkennen. Entscheidend ist auch, dass nicht die Absicht, sondern die Wirkung von Handlungen zählt; denn trotz guter Absichten, können wir andere mit bestimmten Aussagen und Verhaltensweisen verletzen und ihnen schaden. Es ist wichtig, Betroffenen zuzuhören, ihren Erfahrungsberichten zu glauben und ihre Selbstbeschreibungen ernst zu nehmen.

Jule Wagner spricht sich dafür aus, mit rassismuskritischer Auseinandersetzung bei Pädagog*innen anzusetzen. Die Bildungsarbeit von ZEOK adressiert diese Multiplikator*innen und legt den Fokus auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen. Es geht darum, Orte zu schaffen, an denen sie Unterstützung finden, vor Rassismus geschützt werden, sich sicher fühlen und mit anderen Betroffenen sprechen können. In Workshops setzen sich Schüler*innen und Lehrkräfte mit ihren eigenen Bildern und Vorstellungen auseinander. Sie reflektieren, wie diese Bilder wirken und welche Effekte sie auf sich selbst und auf andere Menschen haben können. Auch Unterrichtsmethoden werden kritisch hinterfragt. Außerdem zielen die Aktivitäten an Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen darauf ab, für mehr Bildungsgerechtigkeit zu sorgen.

Neben Workshops vor Ort bietet ZEOK einen interaktiven E-Learning-Kurs an. Der Kurs eignet sich sowohl für das Selbststudium als auch für den Ausbildungskontext. Er besteht aus vier Modulen und dauert etwa sechs bis acht Stunden. Die ersten drei Module behandeln allgemeine Aspekte von (antimuslimischem) Rassismus, während Modul vier sich speziell an pädagogische Fachkräfte richtet. Alle Einheiten können flexibel absolviert werden. Am Ende erhalten Teilnehmende eine Bescheinigung. Zusätzlich steht online, auch ohne Anmeldung zum Kurs, eine große Sammlung an Lernressourcen zur Verfügung.

 

Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Titelbild © ZeOK e.V.

Weiterführende Links:

E-Learning-Kurs zum Thema Antimuslimischer Rassismus (ZeOK e.V.)

Erklärvideo zum Thema Antimuslimischer Rassismus (ZeOK e.V.)

Video zu Erscheinungsformen und Folgen von antimuslimischem Rassismus aus der Perspktive einer Betroffenen.

Website des Vereins ZeOK e.V.

Bestandsaufnahme zu Muslimfeindlichkeit in Deutschland: Abschlussbericht des Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit 2023.

 

 

Veröffentlicht in Globale Ungleichheiten, Gutes Leben für Alle.