Klimawandel als Symptom des Kapitalismus.

Die Biologin und Aktivistin Jutta Kill sprach am 2. November im Rahmen der Dialogreihe „Gutes Leben für alle“ an der WU vor etwa 45 BesucherInnen über eine Zukunft ohne fossile Energieträger. Dabei verriet sie auch, warum sie nichts von der COP 21 in Paris erwarte, aber das gar nicht so schlimm sei.

Klimawandel aus historisch gewachsenen Machtstrukturen.

Jutta Kill (Rosa-Luxemburg-Stiftung) beschäftigt sich seit den 90ern mit Emissions- und Biodiversitätsgutschriften. Ihrer Meinung nach brauche es für ein gutes Leben für alle ohne fossile Energie ein anderes Verständnis des Problems „Klimawandel“. Dieser werde nämlich meist als ein „quantitatives Problem“ oder auch, nach Nicholas Stern, als „das größte Marktversagen, das die Welt je gesehen hat“ behandelt: Als Lösungen gelten die Verringerung von Treibhausgasen und der Emissionshandel. Kill zufolge sei der Klimawandel aber ein Symptom des Kapitalismus, der wiederum aus historischen Machtstrukturen entstanden sei.

Worum es in Paris nicht geht.

„Meine Erwartungen an Paris? – Da hab‘ ich keine“, meinte Kill. Es werde bestimmt lamentiert werden, dass die Emissionsreduzierung und das Geld nicht ausreichen. Aber Begriffe wie Macht, Konzerne und Strukturen werden voraussichtlich nicht auftauchen. Wir leben in einem Wirtschaftssystem, das von fossiler Energie abhängig sei. Es sei ein Widerspruch, dass die G7 gleichzeitig TTIP verhandle und den Ausstieg aus fossiler Energie anpeile. Wenn der Klimawandel aufgehalten werden soll, dürften nicht gleichzeitig Konzerne in ihren Rechten gestärkt werden und Kapital in Form von noch nicht geförderten Ressourcen unzugänglich gemacht werden. Mit neuen Energien im alten Kapitalismus gegen den Klimawandel vorzugehen, sei keine langfristig umsetzbare Lösung.

Die Debatte, die wir brauchen.

Vielmehr solle debattiert werden, wer entscheidet und wo und für wen Energie produziert wird. Die Förderung fossiler Energieträger bringe die Zerstörung von Land und Leben mit sich, auch das müsse in die Debatte im globalen Norden mitberücksichtigt werden: In Nigeria gebe es nach einem Ölleck vor fünf Jahren immer noch einen Ölteppich. In Indien verloren Menschen ihr Land und somit ihre Lebensgrundlage, weil sich im Boden Kohlevorkommen befanden. „Im globalen Norden kommt das Öl gesäubert von der Realität, die mit seiner Förderung in Verbindung steht“, so Kill.

Energie transformiert Gesellschaft.

Historisch gesehen hätten die bisherigen Transformationen von Energieträgern auch die Gesellschaftsformation grundsätzlich geändert. Darin sah Kill einen Grund, warum im globalen Norden die Klimakrise als ein so schwieriges Thema behandelt werde. Aber sie ermutigte: „Wir müssen uns der Herausforderung stellen, die Transformation aktiv anzugehen. Das geht nicht ohne ein Verrücken von gewachsenen Machstrukturen! Wir müssen uns diesen Fragen stellen, ohne zu erwarten, dass wir eine Lösung parat haben müssen“.

Klimawandel sei kein Mengenproblem, sondern tiefer systemisch verankert. Daher müsse man konstruktiv Transformation diskutieren. Es gäbe bereits viele Lösungsansätze, die ernst genommen werden sollten, egal wie klein und unbedeutend sie jetzt erscheinen mögen.

„Wenn wir es ernst meinen mit dem Guten Leben für alle, dann wissen wir jetzt schon, dass Paris nicht reichen wird“, so Kill weiter. Daher sollten sich Menschen zivilgesellschaftlich organisieren – und zwar am besten gleich.

Hoffnungslosigkeit ist ein Privileg der Reichen

Nach Kills Vortrag lud die Moderatorin des Abends, Alexandra Strickner (Attac, WU), das Publikum zur Diskussion ein. Auf die Frage, was genau das verursachende Problem am Klimawandel sei, benannte Kill die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Diese habe eine enorme Kapitalakkumulation erlaubt und somit Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft bewirkt. Ein gutes Leben für alle bedeute auch, Privilegien eines angenehmen Lebens in Europa aufzugeben.

Wie aber könne man Machtstrukturen ändern? Kill meinte, es ginge im globalen Norden darum, wann durch den Klimawandel bedingte Konflikte anerkannt würden. Hoffnungslosigkeit bei deren Lösung sei ein Privileg der Reichen. Und weiter: „Wenn wir nur Konflikt als möglichen Ausweg sehen, stellen wir uns der Frage gar nicht“.

Auf die Frage, welches politische Instrumentarium für eine derartige Kampagne geeignet wäre, schlug Kill die kommunale Ebene vor. „Die repräsentative Demokratie wird an ihre Grenzen stoßen“ war Kill überzeugt. Hier stellten sich die Fragen „Wie wollen wir als Gesellschaft mit dieser Debatte umgehen? Und wie wollen wir gemeinsam Zukunft gestalten?“.

Die Antworten auf all diese Fragen sollen, laut Kill, konkret gemeinsam diskutiert werden, lokal und dezentral, wie in der Agenda 21 vorgesehen. Die Dialogreihe „Gutes Leben für Alle“ bietet noch viele weitere Gelegenheiten, diese Diskussion fortzuführen.



Die Autorin studiert Socio-Ecological Economics and Policy und ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Weiterführende Links:

–    Publikationen von Jutta Kill bei der Rosa Luxemburg Stiftung: https://www.rosalux.de/publikationen/autorenprofil/profil_detail/jutta-kill.html

–    Aktiv werden: System Change Not Climate Change: https://systemchange-not-climatechange.at/

–    Dialogreihe Gutes Leben für alle: https://www.guteslebenfueralle.org/index.php?id=1

– Literaturtipp (in der C3-Bibliothek entlehnbar): Klein, Naomi (2015): Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima. Fischer: New York.

Veröffentlicht in Sozial-ökologische Transformationen, Gutes Leben für Alle, Themen.