Sie fliehen vor Gewalt, die sie ihr Leben lang begleitet hat – und setzen dabei alles aufs Spiel. Tausende Menschen aus Lateinamerika brechen jedes Jahr Richtung Norden auf, getrieben von der Hoffnung auf Sicherheit und ein besseres Leben in den USA. Migrationsbewegungen stehen dabei sinnbildlich als Ausdruck des Protests gegen die tiefen sozialen und politischen Krisen der Ausgangsländer. Doch selbst wenn der Grenzübertritt gelingt, ist das noch nicht das Ende der Reise, sondern der Beginn neuer Kämpfe für zahlreiche entwurzelte Menschen. Der guatemaltekische Maler Gustavo Juárez gibt all jenen eine Stimme, die oft unsichtbar bleiben – mit Kunstwerken, die ausdrücken, was Worte kaum fassen können.
Am 13. März 2025 fand im Frida-Kahlo-Saal des Lateinamerika Instituts (LAI) die Eröffnung seiner gut besuchten Ausstellung „Gefangen zwischen Hoffnung und Gewalt“ mit anschließender Diskussion statt. Sprecher*innen der Podiumsdiskussion waren neben dem Künstler Gustavo Juárez der Ethnologe und Lateinamerika-Forscher Georg Grünberg und Diana Ventura, Aktivistin aus Chiapas/Mexiko. Moderiert wurde die Diskussion von Berthold Molden (LAI).
Mehr als nur Schwarz und Weiß.
Juárez möchte mit seiner Ausstellung dazu anregen, über die oft unsichtbaren Aspekte der Massenmigration nachzudenken: die Verzweiflung, die humanitäre Krise, die Entwurzelung und die Erfahrungen der Post-Migration. Der bildende Künstler ist bekannt für seine Experimentierfreude mit unterschiedlichen Techniken und lebendigen Farben, doch in dieser Serie präsentiert er eine andere Herangehensweise. Die monochrom gehaltenen Malereien erzeugen eine beklemmende Atmosphäre und zeigen albtraumhafte Szenen. Zwischen den Schwarz-Weiß-Kontrasten blitzt jedoch symbolisch immer wieder Farbe auf. Sein Werk zeige nicht nur unzufriedene, sondern vor allem auch mutige Menschen, und sei als eine Hommage an eine starke und solidarische Gemeinschaft zu verstehen, so Juárez. Die Bilder sollen die Betrachtenden dazu ermutigen, genauer hinzusehen, sich kritisch mit den menschlichen Krisen im Rahmen von Migrationsbewegungen auseinanderzusetzen und ein tieferes Verständnis zu entwickeln. Zur Kontextualisierung wurde die Ausstellung mit statistischen Daten auf den Objektschildern der Exponate ergänzt, die die lebensgefährlichen Risiken der Flucht verdeutlichen.
Migration als Zielscheibe des Rechtsextremismus.
Angesichts des weltweiten Anstiegs des Rechtsextremismus sei eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Migration von großer Bedeutung, betonte die Direktorin des LAI, Andrea Eberl, in ihrer Begrüßung. Rechtsextreme Gruppierungen würden Migrant*innen als einfaches Feindbild nutzen, um ein gefährliches und irreführendes Narrativ zu verbreiten. Das Ziel der Ausstellung bestehe daher darin, Kunst und Kultur in einen soziopolitischen Kontext zu stellen.
Das Podium war sich einig, dass die Entwicklungen in Trumps zweiter Amtszeit alarmierend sind. Trotz der während seiner ersten Amtsperiode errichteten Mauer stieg die Zahl der Flüchtlinge, die die US-Grenze passierten, ab 2021, während der Präsidentschaft Bidens, massiv an. Als Reaktion darauf kündigte Trump bei seiner zweiten Amtseinführung am 20. Januar 2025 Deportationen an, und rief erneut einen nationalen Notstand an der US-Mexiko-Grenze aus. Er berief sich auf den selten angewandten Alien Enemies Act von 1798, der es dem Präsidenten erlaubt, Migrant*innen aus Ländern, die mit den USA im Krieg sind, abzuschieben. Der Moderator Berthold Molden berichtete, dass bereits über 200 Abschiebungsflüge seitdem stattfanden, und täglich bis zu 800 Einwanderer*innen oftmals willkürlich verhaftet werden. Verschärft werde die Situation durch die Deaktivierung der CBP One App, mit der Migrant*innen Termine für Asylanträge vereinbaren konnten, die nun abgesagt wurden. Derzeit sollen rund 300.000 Menschen auf der mexikanischen Seite der Grenze festsitzen. Die App, ursprünglich 2020 für Frachtkontrollen entwickelt, wurde 2023 auf die Asylantragstellung ausgeweitet. Im März 2025 wurde sie unter dem Namen CBP Home neu gestartet, um sogenannte Selbstdeportationen zu fördern.
Zwischen Angst und Widerstand an der Grenze.
Der Ethnologe Grünberg weiß aus persönlicher Erfahrung durch seinen letzten USA-Aufenthalt von der spürbaren Atmosphäre der Unsicherheit in der Grenzregion zu berichten. In Nogales, einer Grenzstadt in Arizona an der Grenze zu Mexiko, fühlten sich die Straßen wie leergefegt an, da viele Menschen mit lateinamerikanischen Wurzeln aus Furcht vor anlasslosen Verhaftungen nicht mehr hinaus gehen. Die angespannte Lage in der Stadt verdeutlicht die Auswirkungen der aktuellen Grenzpolitik auf das tägliche Leben der Bewohner*innen. Trotz der dominierenden repressiven Haltung der Republikaner*innen gebe es aber auch Stimmen des Widerstands. Grünberg berichtete von leisen, aber wachsenden Gegenbewegungen, die sich gegen die strikte Grenzpolitik stellten. Besonders in den Südstaaten, deren Wirtschaft stark auf migrantische Arbeitskräfte angewiesen ist, rege sich stiller Protest gegen die restriktiven Maßnahmen aus Washington DC.
Krisendynamiken und Gewalt im Süden Mexikos.
Über die Migrationsdynamik weiter südlich, in Mexiko, berichtete die Aktivistin Diana Ventura. Im Süden Mexikos, an der Grenze zu Guatemala, ist die Region Chiapas von einer anhaltenden Krise betroffen. In dieser Region streben zwei Drogenkartelle nach ökonomischer Kontrolle über das Gebiet, und setzen dabei häufig brutale Methoden ein, einschließlich Entführungen von Menschen, die als Geiseln genommen und zwangsrekrutiert werden. Bewaffnete Gruppen belagern Gemeinden und blockieren Straßen, zudem kommt es zu zahlreichen Vertreibungen und Ermordungen. Diese Eskalation werde durch das Verhalten der mexikanischen Regierung begünstigt, die oft nicht ausreichend gegen diese kriminellen Strukturen vorgehe, erzählt Ventura. Internationale NGOs warnen zunehmend vor der Gefahr eines möglichen Bürgerkriegs in der Region.
Ventura erklärte, dass diese Lage für die aus Guatemala kommenden Flüchtlingskarawanen besonders dramatisch ist, da sie auf ihrem Weg in die USA durch diese gefährlichen Zonen ziehen müssen. Immer wieder werden Migrant*innen von lokalen Banden oder Narcos entführt, was die Reise in den Norden zu einem lebensgefährlichen Unterfangen macht. Zusätzlich kommen neue Herausforderungen auf die Region, wie auch die Migrant*innen, zu. Große Infrastrukturprojekte, wie der Tren Maya (Dt: Maya-Zug) bringen neue physische Grenzen mit sich und erschweren die Mobilität weiter. Auch die Zapatistische Befreiungsarmee kritisiert das Mega-Projekt und fürchtet, dass dadurch die Vertreibung von Indigenen legitimiert werden könnte.
Solidarität als gesellschaftliche Gegenkraft.
Trotz der lebensgefährlichen Umstände erfahren viele Flüchtende auf ihrem Weg auch Momente der Solidarität – ein Aspekt, den die Ausstellung ebenso hervorheben möchte. Denn auch in extremen Situationen gibt es zwischenmenschlichen Zusammenhalt. Grünberg regt dazu an, die Flüchtlingskarawanen als eine kraftvolle soziale Bewegung zu begreifen. Sie machten deutlich, dass die Regierungen oftmals nicht in der Lage sind, für das Wohl der Menschen zu sorgen, weshalb die Flucht eine Form des kollektiven Protests darstelle. Auch der Künstler Juárez, der selbst 2013 legal nach Österreich migriert ist, unterstützt diese Interpretation. Protestmärsche galten in Lateinamerika schon immer als wichtiges politisches Ausdrucksmittel. Schon in der Frühphase der Kolonialisierung erhoben sich indigene Völker gegen europäische Mächte. Es folgten die Unabhängigkeitsbewegungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts, später die Guerillakämpfe der 1970er Jahre sowie die Volksaufstände und Anti-Regimeproteste der vergangenen Jahre. Immer wieder haben Menschen an nahezu allen Ecken des Kontinents gegen politische Unterdrückung und soziale Missstände aufbegehrt.
Die Ausstellung und die Diskussion im LAI zeigen eindrucksvoll, dass Migration weit mehr ist als ein politisches Reizthema – sie ist Ausdruck von Hoffnung, Überlebenswillen und der Suche nach Würde. Gerade in Zeiten wachsender Abschottung und rechter Hetze ist es umso wichtiger, den Blick für die menschlichen Geschichten hinter den Statistiken zu schärfen. Gustavo Juárez’ Bilder und die Berichte aus den Durchzugs- und Grenzregionen machen deutlich: Migration ist eine globale Realität, der wir uns mit Empathie und Verantwortung stellen müssen. Der Abend endete mit der klaren Botschaft, dass Solidarität der stärkste Gegenentwurf zu Gewalt ist – und Kunst ein eindrucksvolles Mittel, um diese sichtbar zu machen.
Die Ausstellung ist noch bis zum 10. April 2025 im Frida-Kahlo-Saal des LAI zu sehen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Das Titelbild zeigt den Grenzzaun in Nogales, Arizona ©
Weiterführende Links:
Zur Website des Künstlers Gustavo Juárez
Weitere Veranstaltungen im LAI und Informationen zur Ausstellung