Der Titicacasee im Hochland der Anden gilt als die Wiege der Inka Kultur. Zahlreiche Ruinen säumen die Ufer des höchsten schiffbaren Sees der Welt, welcher sich über die Nationalgebiete Perus und Boliviens erstreckt. Bis heute stellt der Titicacasee die Lebensgrundlage zahlreicher, vorwiegend indigener Menschen dar, die in seiner Nähe wohnen. Doch diese Lebensgrundlage ist in Gefahr: Die Wasserqualität hat sich rapide verschlechtert, sodass die einheimische Bevölkerung erkrankt; sei es durch den direkten Konsum des Wassers oder durch den Verzehr kontaminierter Fische oder Feldfrüchte. Darüber hinaus gehen ebenjene Fischbestände erheblich zurück und es wurden Massensterben des endemischen Titicaca-Riesenfrosches festgestellt. Zu allem Überfluss sinkt auch der Wasserspiegel aufgrund der allgegenwärtigen Klimakrise. Dies alles führt zu einer existenziellen Bedrohung der dort lebenden Bevölkerung. Eine Bedrohung, die einige von ihnen nicht schweigend hinnehmen wollen: Die Frauen des Titicacasees.
Im Jahre 2016 schließen sich zahlreiche Frauen an den Ufern des Titicacasees zum Netz „Mujeres Unidas en Defensa del Agua“ (deutsch.: „Vereinte Frauen zur Verteidigung des Wassers“) zusammen. Gemeinsam wollen sie den Ursachen der Verschmutzung auf den Grund kommen und sie bekämpfen, um ihre Lebensgrundlage zu sichern: Ein komplexer Prozess, bei dem zahlreiche Konzepte Paulo Freires zum Tragen kommen. Zu diesem Schluss kam auch Heinz Schulze, langjähriger Freire-Forscher und Co-Autor des Buches „Befreiung und Menschlichkeit – Texte zu Paulo Freire“, als er sich mit der Arbeit des Arbeitskreises für Entwicklungspolitik und Selbstbesteuerung (AES) auseinandersetzte, welche die Frauen dort konzeptionell unterstützte. Das Beispiel des Titicacasees zeigt eindrücklich, wie die Lehren Freires in einem widerständigen Kontext resonieren und welchen Stellenwert die Gedanken des brasilianischen Befreiungspädagogen für eine aufgeklärte Bildungsarbeit besitzen.
Freireanische Beobachtungen entlang des widerständischen Prozesses.
Erst einmal lässt sich feststellen, dass die externen Projektbegleiterinnen sich als „facilitadoras“ verstehen, also als die, die etwas erleichtern oder vermitteln und nicht als Projektleiterinnen. Sie arbeiten nach den Prinzipien der „Educación Popular“, der „befreienden Pädagogik“ nach Paulo Freire (Brasilien). Der Ausgangspunkt der Arbeit ist die Lebensrealität der Betroffenen. Diese wird gemeinsam „untersucht“ um sie verstehen und benennen zu können. Dabei gilt es, nicht bei der Ursachenforschung stehenzubleiben, sondern die Gruppe der Frauen zu befähigen, sich auf den Weg zu machen, um diese Wirklichkeit zu verändern. Es gelten Prinzipien der sozialen Gruppenarbeit wie an dem Punkt anfangen, wo die Gruppe steht und sich mit ihr in Bewegung setzen, mit den Stärken der einzelnen Mitglieder arbeiten. Auch soll der Lernprozess vom „einfachen zum komplizierten“ gehen. Es geht nicht darum, sich Wissen anzueignen, sondern auch zu lernen, „für was oder wen“ und „gegen was und wen“ lerne ich. Das bedeutet auch ein „Ver-Lernen“ von überkommenen Erfahrungen, etwa, dass Frauen das Reden und Entscheidungen-Treffen doch den Männern und Experten überlassen sollen. Die Unterstützenden sehen die Frauen nicht als „Zielgruppen“ oder Klienten, sondern als indigene (Aymara-)Frauen, als Bäuerinnen, die schon genug mit ihren Aufgaben in ihrer Familie und im täglichen Leben zu tun haben. Deshalb müssen sie ihre Teilnahme an Versammlungen oder Seminaren gut organisieren, oft auch gegen Widerstand ihrer Männer, was bedeutet, gut mit der Zeit umzugehen. Weiter ist in den Seminaren mit Techniken zu arbeiten, die den Frauen entgegenkommen.
Zu Beginn ging es zunächst darum, dass die Frauen über ihre Realität sprechen. Ausgehend von der Realität wurde versucht, diese zu „verstehen“, um wiederum zu versuchen, sie zu verändern. Dies basiert auf dem Prinzip der „Educación Popular“: Praxis – Reflexion – bessere Praxis. Hierbei wurde deutlich: Viele Frauen leiden unter Gewalt, sowohl physischer als auch psychischer Natur. Wenn die Frauen erlittene physische oder sexuelle Gewalt bei der Polizei anzeigen wollen, werden sie nicht selten „nach Hause geschickt“. Im Diskussionsprozess wurde deutlich, dass sie unter anderen auch unter einer ökonomischen Gewalt leiden. Der aktuell wichtigste Wunsch für den Bildungsprozess war, dass sie ihre Vorstellungen in die Diskussion um die Zukunft des Titicacasees besser einbringen können und innerhalb ihrer eigenen Kultur und darüber hinaus als indigene Frauen respektiert zu werden. Dafür benötigen sie weitere Kenntnisse, damit sie ihre Vorstellungen in öffentlichen Versammlungen mit Politiker*innen und Expert*innen verständlich vorbringen können.
Bewusstseinsbildende Arbeit in den Gemeinden.
Im folgenden Bewusstseinsbildungsprozess wurde herausgearbeitet, vertieft und begründet und was von allen in der Gruppe als wichtig angesehen wurde, wurde festgehalten und nun in die Gespräche und Versammlungen eingebracht. Dazu gehörten vermeintliche Binsenweisheiten wie: Es ist richtig davon zu sprechen, dass Wasser der Ursprung des Lebens und nicht einfach etwas zum Benutzen ist. Denn Wasser ist ein gemeinschaftliches Gut und ein wichtiges Element für die Aymara-Kultur und die Entwicklung der Dorfgemeinschaften. Sauberes und genügendes Wasser ist für alle überlebenswichtig. Die durch vergiftetes und ungenügendes Wasser entstehenden Probleme betreffen besonders die Frauen, sowohl auf dem Land wie in den Städten am See wie Puno, weil sie für die Ernährung in den Familien „zuständig“ sind.
In einem weiteren Schritt ging es darum, gemeinsam die Ursachen für die bedrohliche Situation zu untersuchen nach dem Prinzip: Vom Einfachen, Sichtbaren zum Komplizierten. Also mit dem vorhandenen Wissen der Frauen anzufangen und darauf aufzubauen. Schrittweise wurde erarbeitet und falls erforderlich von Expertinnen ergänzt: Die Vergiftung des Sees entsteht zum großen Teil über die Zuflüsse aus den höher gelegenen (Gold)-Minen. Diese arbeiten unter anderem mit dem hochgiftigen Quecksilber, das über die Ablagerung in den Pflanzen in die Fische und darüber in die Menschen, die diese Fische essen gelangt. Dieses Wissen brachte den Frauen eine große Aufmerksamkeit ein, besonders die Information, dass das Gift schlimm für die Männer ist, weil deren Zeugungsfähigkeit dadurch beeinträchtigt werden kann. Weitere Ursachen für die Verschmutzung sind, dass die städtische Bevölkerung zum Teil ihren Müll am und im See entsorgt, dass der Einsatz von Pestiziden letztendlich auch im See landet, dass auch Hotels und Touristen den See als Müllhalde benutzen. Und es wurde deutlich, dass „alle“ ihren Anteil am Problem haben, weil sie für ihre Einkäufe oft Plastiktüten benutzen. Das alles vermüllt die Strände. Die Rückmeldungen der Frauen waren sehr positiv, weil sie erreichten, dass jetzt deutlicher über die Ursachen gesprochen wurde. Doch das Ziel des Projektes sollte ja die Beseitigung der Probleme und nicht deren Konstatierung sein. Hier hilft die freireanische Erkenntnis: Ohne Kenntnisse (von der Sache) etwas zu machen ist purer Aktionismus und ohne Praxis ist es ein Bla-Bla-Ismus.
Vom Lernen und Ver-Lernen.
Um richtig agieren zu können, so die Konzeption des Seminars, ist es auch wichtig zu wissen, wer wofür „zuständig“ ist. Und so muss ver-lernt werden zu glauben, was die jeweiligen Vertreter, sei es Bürgermeisteramt, Bergbau und Bewässerungsministerium, Regionalregierung oder Nationale Regierung sagen, die gerne behaupten, dass immer andere Stellen zuständig sind und sich so aus der Verantwortung stehlen. Das genau zu verstehen ist nicht einfach und stellt an diejenigen, die das verständlich erklären schon große Anforderungen. Es muss so erarbeitet und auch festgehalten werden, dass die Frauen es, wie sie es sagten, „intus“ haben.
Gut ist es, wenn die Frauen in einem späteren Seminar sagen: Wir haben uns in einigen Diskussionen mit öffentlichen Vertretern gut einbringen können. Sie gaben sich nicht mehr mit abspeisenden Antworten zufrieden. Und mit diesen ganzen bisherigen Kenntnissen konnten die Frauen auch in Gesprächen mit ihren Familien und Nachbar*innen gute Gespräche führen und diese motivieren, sich selbst mehr in die Diskussion einzubringen. Auch waren solche Erfahrungen wichtig, um sich als Gruppe gut zu entwickeln, zu merken, dass sich ihr Engagement lohnt, und sie konnten neue Frauen motivieren mitzumachen. Bei Versammlungen und Eingaben wurden unter anderem folgende aus diesem Wissen hervorgegangenen Forderungen eingebracht: Die Regionalregierung muss endlich zuverlässige Wasserproben an verschiedenen Stellen veranlassen, um zum Beispiel das Argument des Bergbausektors zu entkräften, es sei alles im zulässigen Bereich. An die lokale Politik ging die Aufforderung, sich bei der nationalen Regierung dafür einzusetzen, ihre Verpflichtung gemäß des Wassergesetzes einzulösen und an die Provinzverwaltung, eigene Dekrete zu verabschieden, damit die Hotels den Müll nicht einfach im See entsorgen, und dass die Vorschriften auch kontrolliert, umgesetzt und gegebenenfalls Strafen verhängt werden.
Die letzten Seminartage im Jahr 2024.
Zentrale Aspekte, welche die Frauen im Rahmen des Seminars für sich entdeckten, waren weiterhin aktiv zu sein, um die Gewalt gegen Frauen einzudämmen; nicht „nur“ gegen den Machismus (Patriarchat) zu sein, sondern diese Vorstellungen zuhause mit ihren Söhnen und Töchtern zu leben. Auch wurde festgehalten, den Klimawandel nicht nur „festzustellen“, sondern die Landwirtschaft mehr in Richtung ökologische Landwirtschaft umzustellen. Das heißt: mehr auf die Ernährungssicherheit achten und nicht auf eine Produktionssteigerung mit allen möglichen Chemikalien. Auch dafür ist eine gute Wasserqualität unabdingbar. Darüber hinaus müssen die Anstrengungen für ein sauberes Wasser als interkulturelle Aufgabe gesehen werden und nicht als Stadt-gegen-Land oder Land-gegen-Stadt-Kampf. Eine zentrale Rolle spielen auch die Rechte der Natur. Das heißt, dass der Titicacasee eine eigene „juristische Person“ wird, ein Objekt mit eigenen Rechten und – zum Beispiel durch die Bevölkerung des Titicacasees – selbst klagen kann. So etwas haben zum Beispiel die Frauen des Kukama-Volkes für ihren Fluss Marañon (Zufluss zum Amazonas) erreicht. Mit diesem Ansatz kann das Anliegen des sauberen Titicacasees in Peru und in anderen Ländern, wo es ähnliche Versuche gibt, bekannter gemacht werden. Auch geht es um eine bessere Bildung für die Kinder, die Stärkung der kulturellen Identität und ein wirklich nachhaltiges Wirtschaften. So können das Engagement für eine Verbesserung der schlimmen Situation in einen größeren Zusammenhang gestellt werden.
Am 28. April 2025 hat die Regierung nun beschlossen, den Titicacasee als Rechtssubjekt anzuerkennen. Mit diesem bahnbrechenden Erfolg wurde eine wichtige Brücke zwischen der indigenen Kosmoversion der Pachamama und der westlich geprägten Rechtsprechung geschaffen. Oder um es mit den Worten Paulo Freires zu sagen: Das westliche, „moderne Denken“, dass der See nur eine „Sache“ sei, wurde bis zu einem gewissen Grad wieder „verlernt“.
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Das Titelbild zeigt zwei Frauen der „Mujeres Unidas en Defensa del Agua“ wie sie am Ufer des Titicacasees eine Wasserprobe durchführen, um die Wasserqualität in ihren Gemeinden zu gewährleisten. © Sally Jabiel von LatinClima