Die Konstruktion „der Anderen“ – ein historischer Überblick globaler Begegnungen.

Die Globalisierung und die Verbreitung des Internets haben unseren Zugang zu Wissen enorm erweitert. Dies bedeutet auch, dass uns mehr Informationen über unterschiedliche Weltregionen zur Verfügung stehen, auch zu sozialen Ungleichheiten und marginalisierten Gruppen. Wie die westlichen Gesellschaften mit und über diese Menschen sprechen bzw. welches institutionalisierte und informelle Wissen über diese Personen konstruiert wird, hat sich im Laufe der Zeit stark gewandelt. Gerade für den Nexus der Internationalen Entwicklung, die im ständigen Austausch mit Menschen im globalen Süden steht, ist die Frage nach dem Wie des Verstehens und Darstellens anderer Menschen besonders wichtig. Da die Sozialwissenschaften eine historische Verantwortung für die Kollaboration mit kolonialer Herrschaft zu tragen haben, möchte dieser Artikel den Wandel der Konstruktionen der „Anderen“ von der Zeit des Kolonialismus bis hin zu derzeit häufig rezipierten Gedanken der Post-Development-Strömung darlegen.

Die „Anderen“.

Doch wer sind eigentlich die „Anderen“? Klar ist, es handelt sich nicht um eine fixe Kategorie. Die Denkschule des Sozialkonstruktivismus geht davon aus, dass Menschen Unterschiede untereinander herstellen, um einander besser einordnen zu können. Unterscheidungen und Kategorien sind demnach wichtig, um die Wahrnehmung der eigenen Umgebung zu strukturieren und damit zu vereinfachen. Durch dieses Denken in Schubladen kann es jedoch auch zur Entwicklung von negativen Stereotypen kommen. Diese Praxis nennt man „othering“. Dabei handelt es sich um eine Strategie, die die vorherrschenden Ideen verstärkt, indem sie Individuen und Gruppen differenziert und diese anhand einer Reihe von sozial konstruierten Kategorien hierarchisiert. Die dabei getroffenen Zuschreibungen werden in gesellschaftlichen Situationen entwickelt, vermittelt und bewahrt. Dieser Prozess kreiert eine Wirklichkeit, welche jedoch nicht absolut ist, sondern sich aus unterschiedlichen sozialen Interaktionen entwickelt.

Kolonialismus – Exotisierung und Herabwürdigung.

Seit den ersten anthropologischen Forschungsexpeditionen, die vor allem in den späten Phasen der Kolonialzeit exponentiell anwuchsen, sind Berichte über nicht-westliche Kulturen fester Bestandteil der Sozialwissenschaften. Auf diese Reisen wurden meist Anthropolog*innen geschickt, um für Kolonialmächte Informationen über die eventuell zu kolonisierenden Regionen einzuholen. In einer Forschungsreise des Geographen Siegfried Genthe lässt sich eine Beschreibung der samoanischen Bevölkerung finden:

Es hat ein großes völkerpsychologisches Interesse, zu beobachten, wie ein naives Menschenkind mit dem kleinen Erfahrungskreis und spärlichem Vorrat von Anschauungsbegriffen sich einer neuen Welt gegenüber verhält, von der er trotz des Verkehrs mit den Weißen auch nicht die leiseste Vorstellung erworben hat, wie jemand, der bisher nur Kokospalmen und das blaue Meer, seine Wälder und das brandende Riff gesehen hat, sich zu Eisenbahn und wolkenkratzenden Steinhäusern, zu Luftballons und Fernsprechern stellt.

In dieser Textpassage lassen sich gleich zwei wichtige Faktoren für die Konstruktion der „Anderen“ finden. Zum einen lässt sich in diesem Zitat eine klar exotisierende Darstellung der Landschaft wiederfinden, zum anderen wird das samoanische Kind herabgewürdigt, in dem der Autor ihm abspricht, sich ausdrücken zu können und seine Vorstellungskraft als beschränkt ansieht. Außerdem kann man erkennen, dass eine starke binäre Abgrenzung zwischen den „Weißen“ und den „Anderen“ dargestellt wird. Dieses Muster lässt sich aber nicht nur in Reiseberichten finden, sondern ist generell ein essenzieller Bestandteil der Ideologie des Kolonialismus. Ganz nach dem Prinzip, die „Anderen“ müssten sich an unser Wirtschaftssystem anpassen, wurden vor allem in der letzten Phase des Kolonialismus Rohstoffindustrien und auch ein bürokratisches System aufgebaut, welches bis heute vorherrscht. Diese Konstruktionen haben also reale Auswirkungen auf das Leben des weitaus größten Anteils der Weltbevölkerung.

1970er und 1980er Jahre – Dependenz und Machtasymmetrie.

Konstruktionen können sich jedoch im Verlauf der Zeit auch verändern und sind keine starren Konzepte. Im Rahmen der Etablierung der Dependenztheorien wurde erstmalig den Stimmen der ehemalig Kolonialisierten Beachtung geschenkt. Die zentrale Annahme dieser Denkschule ist, dass fehlende „Entwicklung“ vor allem an Ausbeutungsverhältnissen, die durch den Kolonialismus etabliert wurden, läge. Diese würden durch die ungleichen Macht- und Handelsbeziehungen zwischen globalen Norden und Süden festgeschrieben. Durch den verallgemeinernden Ansatz, dass der Westen den globalen Süden ausgebeutet und in seine Unterentwicklung gezwungen habe, wird eine klare Trennlinie zwischen den beiden Sphären gezogen. Aus der Sicht des Globalen Südens wird der Westen und die Kolonialmächte verallgemeinert, um eine Abgrenzung zu erzeugen, die den Westen als fremd und die Bevölkerung Lateinamerikas, wo die Dependenztheorien entwickelt wurden, als eigen darstellt. Somit handelt es sich in der Zeit der Dependenztheorien also nicht mehr um eine rein negative Darstellung, es wird jedoch weiterhin mit einem stark dichotomen Konzept gearbeitet, welches keine Pluralität zulässt.

Seit den 1990er Jahren – das gute Leben für alle?

Und auch in den 1990ern hat sich die Konstruktion der „Anderen“ noch einmal verändert. Mit der Etablierung des Post-Development-Ansatzes, der in der Klassifizierung in „entwickelt“ und „unterentwickelt“ eine Fortsetzung des Kolonialismus sieht, wurde auch ein plurales Bild der Menschen aus dem globalen Süden gefordert. Allgemein sollen stereotype Konstruktionen „der Anderen“ im Post- Development Ansatz vermieden und damit versucht werden, die Grenzen zwischen „Eigenem“ und „Anderen“ abzuschwächen. Eine andauernde Reflexion über das Erleben der „Anderen“ soll geschaffen werden, um eine Vereinheitlichung zu vermeiden. Selbstbestimmung stellt ebenfalls ein zentrales Merkmal dar und westliche Mächte werden in Bezug auf ihre Vormachtstellung kritisch hinterfragt.

Doch wie hilft uns das?

In einer globalisierten Welt ist es wichtig, sich mit unterschiedlichen und pluralen Sichtweisen auseinanderzusetzen. Dass koloniale Stereotypen der Vision eines guten Lebens für alle nur schädlich sein können, liegt auf der Hand. Die eigene Reflektion zu diesen, sowohl in den Medien als auch in der Wissenschaft, ist daher von großer Bedeutung. Es bedarf einer umfassenden Analyse und Dekonstruktion dieser Bilder, da sie eine sehr reale Auswirkung auf das Leben marginalisierter Bevölkerungsgruppen haben. Ohne diese wird es schwer möglich sein, eine Praxis der Internationalen Entwicklung aufleben zu lassen, die es sich zum Ziel setzt, ein gutes, selbstbestimmtes Leben für alle zu generieren.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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Veröffentlicht in Entwicklungsforschung, Globale Ungleichheiten, Gutes Leben für Alle.