Lassen sich Arbeit, Wirtschaft und Klimaschutz vereinen? Die Autor*innen der Broschüre „Von A wie Arbeit bis Z wie Zukunft. Arbeiten und Wirtschaften in der Klimakrise“ meinen: Ja, wenn die Gesellschaft dazu bereit ist, ihre imperiale Lebensweise zu überwinden.
Die im September 2019 vom I.L.A.-Kollektiv und Periskop herausgegebene Broschüre beleuchtet das Spannungsverhältnis von Arbeit, Wirtschaft und Klimaschutz und ist das Ergebnis eines kollektiven Arbeits- und Schreibprozesses. Im Rahmen der Schreibwerkstatt imperiale Lebensweise arbeiteten von Jänner bis August 2019 zwölf Autor*innen gemeinsam mit drei Prozessbegleiter*innen. Jede und jeder hatte die Möglichkeit eigene Interessen und Fähigkeiten einzubringen. Entscheidungen über die thematischen Schwerpunkte und die konkrete Gestaltung wurden gemeinsam gefällt.
So vielseitig die Autor*innenschaft ist, so einstimmig ist letztendlich der Appell: Schluss mit der imperialen Lebensweise! Es braucht Alternativen für eine Lebensweise, die nur existieren kann, weil sie systematisch auf billigste Arbeit und billigste Ressourcen anderswo zugreift und die Erde an ihre Grenzen stoßen lässt. Diese Lebensweise zu verändern ist jedoch schwer, weil sie fest in unserem Alltag verankert ist. Es sei kaum möglich, als Einzelperson nicht auf Kosten anderer zu leben, auch weil die Infrastrukturen und Institutionen, die uns umgeben, das Leben und Wirtschaften auf Kosten anderer Menschen fördern.
Es gibt keine Jobs auf einem toten Planeten.
In einem als „alternativlos“ propagierten neoliberalen System müssen sich nicht profitorientierte Bereiche wie Bildung, Gesundheitswesen und Klimaschutz dem Markt beugen. Sie werden der Profitlogik unterworfen und sollen zum Wirtschaftswachstum beitragen. Und so wird selbst die Klimapolitik mit neoliberalen Scheuklappen angegangen. Soziale Gerechtigkeit und Umwelt werden gegeneinander ausgespielt. Politiker*innen und Gewerkschaften verteidigen umweltzerstörende Industrien, mit dem Argument, dass sonst Arbeitsplätze verloren gehen.
Ein Paradebeispiel für eine solche Argumentation lässt sich nicht zuletzt an der Debatte um den Bau einer dritten Piste für den Flughafen Wien aufzeigen: Über die Stimmen von Klimaschützer*innen, die vor einem starken CO₂ -Anstieg warnten, Bürgerinitiativen sowie Anrainer*innen hinweg, hat der Verwaltungsgerichtshof dem Bau Anfang 2019 zugestimmt. Ein klarer Sieg für die Wirtschaftskammer, für die die 30.000 neuen Arbeitsplätze, die angeblich entstehen sollen, mehr wiegen als die ökologischen Folgen. Eine solche Argumentation ist zu kurz gedacht: Auf einem toten Planeten gibt es keine Jobs.
Arbeitszeitverkürzung als Lösung.
Klimaschutz mit Kapitalismus in Einklang bringen zu wollen ist laut dem Schreibkollektiv, als würde man mit dem Kopf gegen die Wand laufen – und die Schmerzen dann mit Aspirin bekämpfen.
Fest steht: Je schneller wir arbeiten, desto mehr Energie und Ressourcen werden verbraucht und desto schneller wird die Natur zerstört. Doch wie kann es gelingen, die Interessen von Arbeit und Umwelt zu versöhnen? Die Autor*innen selbst machen es vor: Sie wollen sich nicht vom Leistungsdruck und Effizienzgedanken der herrschenden Arbeitswelt leiten lassen und streben eine bezahlte Arbeitszeit von rund 20 Stunden pro Woche an. Bei niedrigem Gehalt fordern sie einen Lohnausgleich, um ein gutes Auskommen sicherzustellen. Eine Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich würde wegen weniger Produktion auch die Treibhausgas-Emissionen senken. Mehr noch: Durch den gewonnenen Zeitwohlstand haben Beschäftigte mehr Zeit für politisches und gesellschaftliches Engagement, Hobbies und Familie.
Neoliberale Rückschritte.
Es ist bedauerlich, dass Forderungen nach einer Arbeitszeitverkürzung 100 Jahre nach der Einführung des Achtstundentags fast revolutionär wirken. In Österreich bewegen wir uns wieder auf die Zwölf-Stunden Marke zu. Die Regierung aus ÖVP und FPÖ hat mit der Einführung des Zwölfstundentags 2018 eindrücklich bewiesen, dass sie keinerlei Interesse daran hat, einer kapitalistischen Ausbeutung ein Ende bereiten zu wollen. Letztendlich beschleunigt die Zwölf-Stunden-Regelung die Ausbeutung und Zerstörung der Erde; und damit beraubt sie uns der Grundlage für unser Leben – und unsere Arbeit.
Erfahrungen aus der Corona-Zeit.
Im Zuge der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass es möglich ist, viel zu bewegen. Es wurden Gelder freigemacht, Arbeitsschritte digitalisiert, die längst überfällige Homeoffice-Kultur etabliert. Viele haben erfahren, dass die Wirtschaft nicht komplett kollabiert, wenn sie zurückgeschraubt wird und dass Verzicht nicht gleich Verlust bedeutet. Die Hoffnung besteht, dass uns einige dieser Errungenschaften erhalten bleiben. Und dass Publikationen wie „Von A wie Arbeit bis Z wie Zukunft“ zukünftig mehr Beachtung und Gehör finden.
Sicht Selbstständiger vernachlässigt.
Aufwendige Illustrationen und wertvolle Hintergrundinformationen erleichtern das Lesen der Broschüre und zeigen historische Zusammenhänge auf. Konzepte wie das der imperialen Lebensweise und der sozial-ökologischen Transformation werden dadurch greifbarer. Das kann die Problematik über den akademischen Diskurs hinaus einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Einziger Wehmutstropfen: Wenn die Autor*innen „faire Einkommen und Sicherheit für die Beschäftigten“ verlangen, so sprechen sie meist von Arbeitnehmer*innen in Betrieben oder Beschäftigten in Gewerkschaften. Interessensvertretungen, Betriebsrät*innen und Gewerkschaften werden als Hauptakteure einer Veränderung ins Rennen geworfen, die den Beschäftigten gar zur „Befreiung aus der Unmündigkeit“ verhelfen könnten. Die Herausforderungen und Ängste von Kleinst- und Kleinunternehmer*innen, Selbständigen oder freien Dienstnehmer*innen finden in der Broschüre leider nur wenig Beachtung.
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Uni Wien und ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Foto © I.L.A.-Kollektiv und Periskop.
Weiterführende Links:
I.L.A.-Werkstatt für globale Gerechtigkeit