Buchrezension: Post-Wachstum und Gegen-Hegemonie – Ein Plädoyer für das Gute Leben für Alle und Alternativen zur imperialen Lebensweise.

„Post-Wachstum und Gegen-Hegemonie. Klimastreiks und Alternativen zur imperialen Lebensweise. Mit einem Beitrag zur Corona-Krise“ lautet der Titel von Ulrich Brands neuem Buch, das im Sommer 2020 im VSA Verlag erschienen ist und beschäftigt sich mit Fragen danach, wie ein gutes Leben für alle trotz Krise möglich gemacht werden könnte,

Auf 254 Seiten gliedert sich das Werk in vier Abschnitte mit diversen Unterkapiteln. Das Buch beginnt mit dem bereits im Titel angekündigtem „Beitrag zur Corona-Krise“, in dem auch vom sogenannten „Corona-Kapitalismus“ die Rede ist. Dazu schreibt Brand, dass „es bei jeder Krise verschiedene Optionen oder Formen gibt, sie zu bearbeiten, die sich auf die kapitalistische Produktions- und Lebensweise auswirken und sie verändern“. Aktuell zeigt sich, dass selbst in Zeiten der Krise und im Versuch der Bewältigung dieser, Kapital und wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen. Brand analysiert auch den autoritären Grünen Kapitalismus und argumentiert, wie man diesem entgegenwirken könne. Denn der Grüne Kapitalismus sei „gegenwärtig an den Interessen der Finanzmärkte und Großunternehmen ausgerichtet“ und werde aktuelle Machtverhältnisse – wie auch der auf fossilen Energieträgern basierende Kapitalismus – eher verfestigen als die dominierende Produktions- und Lebensweise infrage zu stellen. Grüner Kapitalismus baut auch auf Ungleichheiten auf und beutet Arbeiter*innen aus, wenn auch mit einem umweltfreundlicheren Anstrich.

Im ersten Teil des Buchs greift Brand ein unter anderem von ihm geprägtes Konzept auf: die imperiale Lebensweise und die sozial-ökologische Transformation hin zu einer solidarischen Lebensweise. Darauf folgt eine Abhandlung zu Wachstumskritik. Hier wird auch auf die Rolle von Gewerkschaften eingegangen und ein konkretes Beispiel anhand der Arbeit der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Deutschen Bundestags analysiert. Der dritte Abschnitt beschäftigt sich allgemeiner mit Demokratie und Lernprozessen in der Krise der neoliberalen Globalisierung und erörtert die Möglichkeiten und Grenzen von Bildung und Global Governance (dt.: globale Strukturpolitik) als Wege aus der Krise. „Post-Wachstum und Gegen-Hegemonie“ endet mit einem regionalen Schwerpunkt zu Lateinamerika.

Wege aus der Krise.

Was in allen Abschnitten des Buches ersichtlich wird, ist die multiple Krise, in der sich die Menschheit befindet. Diese Krise umfasst nicht nur ökonomische Aspekte, sondern ebenso ökologische, soziale und politische. Erfahrungen aus diesen Krisen bieten aber auch Boden für Lernprozesse, die zu potentiellen Lösungen führen können. Brand geht dabei insbesondere auf die Rolle von Bildung und von Global Governance ein.

Für eine emanzipatorische Globale Bildung statt Bildung für den Standort.

Bildung wird in verschiedenen (gesellschaftlichen) Problemlagen gerne als Universallösung herangezogen. Doch ist es tatsächlich so einfach? Und: ist Bildung gleich Bildung? Brand widerspricht, auch das Konzept Bildung müsse differenziert betrachtet werden. Denn „aktuell handelt es sich weniger um eine empathisch verstandene und auf Mündigkeit und Handlungsfähigkeit zielende Bildung, als um Bildung für den Standort und um eine neuerliche Stärkung einer zentralen Funktion von Bildung: der Reproduktion der hierarchischen kapitalistischen Sozialstruktur entlang von Klassen, Geschlechtern und Ethnien“. Jedoch bestehe Hoffnung auf Veränderung und es gebe durchaus Spielräume für die Stärkung von emanzipatorischen und kritischen Ansätzen, die einen Gegenpol zum Verwertbarkeitsnarrativ von Bildung bilden könnten. Brand bietet dazu auch konkrete Ideen: Er plädiert dafür, auf Ansätze wie „Globales Lernen“ zurückzugreifen. Diese orientieren sich am Subjekt, an inhaltlichen Fragen und entsprechenden Kompetenzen wie auch an Werten. Damit, so Brand, „können insbesondere Globalisierungs- und Nachhaltigkeitsfragen breit aufgenommen werden, ohne dass die Lernenden von der Komplexität der Dinge überwältigt und letztlich reflexions-und handlungsunfähig gemacht werden.“

Global Governance als Möglichkeit einer nachhaltigen Demokratisierung.

Im zweiten Kapitel zu Demokratie und Lernprozessen in der Krise geht Ulrich Brand auf das Potenzial von Global Governance für die Demokratisierung von internationalen Beziehungen und für eine stärkere Fokussierung auf Nachhaltigkeit ein. Zum Begriff an sich schreibt Brand: „Global Governance reagiert in den meisten Beiträgen, um es auf einen Nenner zu bringen, auf die Frage nach staatlicher (nicht nur nationalstaatlicher) Steuerungsfähigkeit in Zeiten der Globalisierung“. Global Governance habe das Potential, als Tür zu neuen Denk- und Diskussionsräumen zu fungieren und somit alternativlos gerahmte gesellschaftliche Annahmen über Politik im weiteren Sinne, inklusive Rolle und Anliegen verschiedener Akteur*innen (wie etwa der Zivilgesellschaft), diskutierbar zu machen. Dennoch sei man noch mit Hindernissen konfrontiert, so Brand: „Das Anliegen von Global Governance, politische Steuerung zu verbessern und Ordnung zu schaffen, ist Teil des Problems, solange die herrschaftliche neoliberal-imperiale Ordnung nicht thematisiert wird“.

In „Post-Wachstum und Gegen-Hegemonie“ nimmt sich Ulrich Brand also der Frage an, wie Gesellschaft, Arbeit, Politik und das Verhältnis zwischen Natur und Menschen so transformiert werden können, um zukunftsfähig zu sein. Diese Thematik ist so dringend wie komplex: Detailliert und mit fachlicher Expertise werden den Leser*innen die Auswüchse der multiplen Krise, ihre Auslöser, Auswirkungen und auch historische und theoretischen Grundlagen nähergebracht. Das Werk ist umfangreich aber klar und nachvollziehbar strukturiert, Argumentationslinie und Gedankengänge des Autors sind klar nachvollziehbar. Brand beschreibt nicht nur Zustände,, sondern skizziert auch Lösungswege und (Hypo)thesen für die Zukunft.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

 

Weiterführende Links:

Buch „Post-Wachstum und Gegen-Hegemonie. Klimastreiks und Alternativen zur imperialen Lebensweise. Mit einem Beitrag zur Corona-Krise“ im VSA Verlag

Interview mit Ulrich Brand

 

Foto © VSA Verlag

Veröffentlicht in Sozial-ökologische Transformationen, Buchrezensionen, Gutes Leben für Alle.