Buchrezension: „Macht Sprache“ von Lucy Gasser und Anna von Rath.

Wie verändert sich gesellschaftliches Zusammenleben, wenn wir anfangen, Sprache nicht nur als neutrales Werkzeug, sondern als Trägerin von Macht zu begreifen? Das 2024 erschienene Buch „Macht Sprache – Ein Manifest für mehr Gerechtigkeit“ von Lucy Gasser und Anna von Rath widmet sich genau dieser Frage. Es verknüpft alltagsnahe Beispiele mit begründeter gesellschaftskritischer Analyse und zeigt auf, wie Sprache soziale Ausschlüsse (re)produziert – und gleichzeitig auch ein Werkzeug für Veränderung und gesellschaftliche Transformation sein kann. Dabei geht es nicht nur um „politisch korrekte“ Begriffe, sondern um die tiefgreifende Frage, wie durch Sprache Weltbilder gefestigt und Identitäten und Machtverhältnisse stabilisiert oder infrage gestellt werden (können).

Engagement und Inklusion.

Sprache ist ein Werkzeug des Ausschlusses wie auch des Zugangs. Diskriminierung wird nicht nur durch das Handeln von Individuen normalisiert, sondern auch durch die Nutzung und den Missbrauch von Sprache in Gesellschaften. „Macht Sprache“ fordert dazu auf, sich bewusst mit den eigenen sprachlichen Gewohnheiten auseinanderzusetzen. Hierzu gehört nicht nur die Reflexion über das generische Maskulinum oder rassistische Begriffe, sondern auch die Anerkennung und persönliche Reflexion von Privilegien, die in den uns vertrauten Begrifflichkeiten verborgen sind. Die Autorinnen weisen darauf hin, dass Sprache nicht neutral ist und dass unser Wortschatz oft nicht nur Vorurteile widerspiegelt, sondern auch Machtstrukturen aufrechterhält.

Postkoloniale Perspektiven und die Verstrickung von Sprache und Macht.

Ein zentraler Aspekt von „Macht Sprache“ ist die kritische Auseinandersetzung mit postkolonialen Strukturen, die sowohl in der Sprache als auch in gesellschaftlichen Machtverhältnissen verankert sind. Die Autorinnen arbeiten heraus, wie koloniale Denkmuster noch immer tief in unseren Begrifflichkeiten und Institutionen verwurzelt sind. Besonders in Hinblick auf Rassismus, aber auch auf die Konstruktion von „Normen“ und „Abweichungen“, lässt sich eine deutliche Linie zu kolonialen Klassifikationen ziehen. Diese diskursive Ordnung hat nicht nur die Hierarchisierung von „Kulturen“ und „Völkern“ zur Folge gehabt, sondern auch dazu beigetragen, dass die Geschichte der Kolonisierten, ihre Sprache und ihre kulturellen Praktiken marginalisiert oder vollkommen aus dem dominanten Diskurs ausgeschlossen wurden.

Im Kontext der postkolonialen Theorie ist es wichtig zu verstehen, dass Sprache nicht nur ein Werkzeug der Repräsentation, sondern auch ein Werkzeug der Macht ist, das jahrhundertelange koloniale Unterdrückung weiterführt. Begriffe wie „wild“, „primitiv“ oder „barbarisch1 als Beschreibung nicht-europäischer Gemeinschaften haben koloniale Hierarchien aufrechterhalten, die „den Westen“ als überlegen und „die Anderen“ als minderwertig darstellten. Diese Dichotomien existieren auch heute noch in vielen Aspekten der Gesellschaft: in der Sprache, die wir verwenden, in den Witzen, die wir machen und in den Vorstellungen von „Normalität“ und „Abweichung“, die bis heute in unserer Gesellschaft verankert sind. Gasser und von Rath schlagen vor, die kolonialen Spuren in unserem Sprachgebrauch nicht nur zu ergründen versuchen, sondern aktiv an ihrer Dekonstruktion zu arbeiten. Sie zeigen auf, wie wichtig es ist, dass wir Veränderungen in der Art und Weise, wie wir über „die Anderen“ sprechen, selbst in die Hand nehmen, um historische und gegenwärtige Diskriminierungen zu benennen und zu hinterfragen.

Ein weiterer relevanter Punkt in Bezug auf den Postkolonialismus ist die Frage der Identität und Zugehörigkeit. Besonders in Hinblick auf Begriffe wie „Schwarz“, „Indigene“ oder „People of Colour“ verweist das Buch auf die kolonialen Ursprünge dieser Klassifikationen und deren fortwährende Auswirkungen auf die Gesellschaft und das individuelle Leben. Das Konzept der Intersektionalität, das im Buch immer wieder thematisiert wird, verdeutlicht, wie verschiedene Dimensionen der Unterdrückung – etwa durch Rassismus, Sexismus oder Klassismus – zusammenwirken und komplexe Identitäten formen. In diesem Zusammenhang fordert „Macht Sprache“ zu einer postkolonialen Reflexion auf: Wer definiert diese Identitäten? Welche Sprache wird genutzt, um sie zu benennen? Und wie kann eine Sprache entwickelt werden, die den komplexen, vielfältigen Lebensrealitäten gerecht wird, ohne sie zu simplifizieren oder zu exotisieren?

Die Macht der Sprache.

Ein tiefgreifenderer Blick auf das Transformationsverständnis der Autorinnen zeigt: Transformation wird bei Gasser und von Rath nicht nur als struktureller Wandel gedacht, sondern als ein zutiefst relationaler Prozess, der in der Auseinandersetzung mit konkreten sozialen Realitäten und Machtverhältnissen verankert ist. In Abgrenzung zum „Bankier-Konzept“ der Bildung, mit dem Paulo Freire Kritik an den vorherrschenden Bildungsprozessen übte, in denen Lernende als passive Behälter betrachtet werden, in die Lehrende Wissen „einzahlen“, anstatt einen dialogischen, kritisch-reflektierenden Lernprozess zu fördern, betonen Gasser und von Rath die Notwendigkeit gemeinschaftlicher Lern- und Erkenntnisprozesse.

Dabei wird Sprache zur Schlüsselressource: Sie ist nicht bloß Trägerin von Bedeutungen, sondern ein Raum, in dem Weltbilder entstehen, verhandelt und verändert werden. Analog zu den Prinzipien transformativer Forschung verbinden die Autorinnen Erkenntnisgewinn mit Handlungsperspektiven – und genau hier zeigt sich die politische Kraft des Sprachbewusstseins: Wer sich mit Sprache kritisch auseinandersetzt, entwickelt nicht nur ein tieferes Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge, sondern erschließt auch neue Wege der Selbstermächtigung und kollektiven Veränderung. In diesem Sinne ist die Transformation, von der in „Macht Sprache“ die Rede ist, nicht nur ein theoretisches Konzept, sondern ein praktisches Projekt sozialer Gerechtigkeit.

Der Zusammenhang zwischen der Selbstermächtigung der Unterdrückten und der Notwendigkeit, Sprache als Werkzeug zu begreifen, das die eigenen Erfahrungen und Identitäten repräsentiert, zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch. „Macht Sprache“ fordert dazu auf, die bestehenden Machtverhältnisse zu hinterfragen, in denen Sprache als Werkzeug der Unterdrückung fungiert. Sprache kann also aktiv zur Befreiung genutzt werden.

Fazit: Ein Aufruf zur Sprachbewusstheit und zur Veränderung.

„Macht Sprache“ ist ein Werk mit starkem Praxisbezug, das zur Reflexion und zum Handeln anregt. Es fordert uns auf, unsere Sprachgewohnheiten zu hinterfragen, Privilegien zu erkennen und die Rolle von Sprache in der Aufrechterhaltung von Machtstrukturen zu verstehen. Dabei wird die enge Verknüpfung von Sprache, Macht und Gesellschaft deutlich, die im postkolonialen Kontext ebenso wie im Bereich der sozialen Gerechtigkeit eine zentrale Rolle spielt. Das Buch liefert nicht nur eine theoretische Auseinandersetzung mit diesen Themen, sondern auch praktische Hinweise, wie wir unsere Sprache ändern können, um Diskriminierung und Ausschluss zu vermeiden und eine inklusivere Gesellschaft zu fördern.

 

1Die durchgestrichenen Begriffe „wild“, „primitiv“, „barbarisch“ stehen exemplarisch für kolonial geprägte Sprache, die Machtverhältnisse reproduziert. Das Durchstreichen dient nicht der Verharmlosung, sondern soll – wie von den Autorinnen des Buches beschrieben – eine kritische Distanz zu verletzenden Begriffen markieren. Die Schreibweise macht sichtbar, dass diese Worte nicht unkommentiert übernommen, sondern in ihrer diskriminierenden Wirkung reflektiert und zurückgewiesen werden. Es handelt sich dabei um eine Übergangslösung im Sinne einer diskriminierungssensiblen Praxis.

 

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Bibliographische Informationen:

Lucy Gasser und Anna von Rath (2024): Macht Sprache. Ein Manifest für mehr Gerechtigkeit. Berlin: Ullstein.

Weiterführende Links:

Zum Buch auf der Website der C3-Bibliothek.

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