Im Rahmen des „Gutes Leben für Alle“ – Kongress wurde Gilberto Ohta de Oliveira, ein Landwirt aus Brasilien eingeladen, um von seiner solidarökonomischen Initiative im Bananenanbau zu berichten. Welchen Beitrag seine Initiative zur Lebensgrundlage vieler Familien in der Region leistet und wie Solidarökonomie in der Praxis aussehen kann wurde unter den ca. 30 TeilnehmerInnen ausgetauscht.
Von 9. bis 11. Februar fand der zweite „Gutes Leben für Alle“-Kongress an der Wirtschaftsuniversität Wien statt. In Kooperation mit dem Südwind Verlag und dessen Projekt „Susy – Sustainable & Solidarity Economy“ wurde Gilberto Ohta de Oliveira, ein Landwirt aus Brasilien, eingeladen, um über seine Erfahrungen mit solidarökonomischen Wirtschaftsweisen zu berichten. Als Kleinbauer setzt er sich seit fast zwei Jahrzehnten für die Umsetzung solidarökonomischer Initiativen in der Region Vale do Ribeira ein. Das Ziel dahinter ist die Umrüstung konventioneller Betriebe auf solidarische Wirtschaftsweisen. Wie de Oliveira sein Ziel schrittweise verfolgt und was solidarökonomischer Anbau für ihn bedeutet, erzählte er den Workshop-TeilnehmerInnen in seinem Vortrag.
Aller Anfang ist schwer.
Am Anfang seiner Geschichte stand eine Vergiftung mit Düngemittel, die ihn Ende der 1990er Jahre zum Umdenken gebracht habe, leitete de Oliveira seinen Vortrag ein. Weg von der konventionellen Landwirtschaft, hin zu solidarökonomischen Wirtschaftsweisen, sei von da an seine Wegrichtung gewesen. Ungefähr zur gleichen Zeit wurde seine Region, Vale do Ribeira, die zu einer der ärmsten Regionen von Brasilien zählt, von einer schweren Krise gebeutelt. Zudem seien mit den Beschlüssen der Umweltkonferenz 1992 in Rio eine Vielzahl von gesetzlichen Verschärfungen und Repressionen auf die meist arme Landbevölkerung zugekommen. Für die Familien wurde es unter diesen Bedingungen zunehmend schwieriger, die Betriebe aufrecht zu erhalten.
Der Transformationsprozess beginnt.
Um den Lebensunterhalt der Familien weiterhin zu sichern, haben KleinbäuerInnen aus der Region eine Lokale Agenda 21 gegründet, die mit
den Zielen der globalen Agenda 21 der Vereinten Nationen in Verbindung steht. Ziel war es, die konventionell geführten Betriebe auf solidarökonomische Prinzipien umzurüsten und so das Bestehen der Betriebe weiterhin zu sichern, so de Oliveira. Angrenzende Betriebe vernetzten sich miteinander, später gründeten die Mitglieder der Agenda Kooperativen und die Dachorganisationen „Cooperagua“, deren Vorstand de Oliveira nun ist. Mittlerweile gibt es auch ein übergeordnetes Netzwerk „Sete Barras“, das die Versorgung mit Nahrungsmittelpaketen für 1800 Schulen im Bezirk Sao Paulo regelt.
Erste Erfolge in der Region.
Neben der Steigerung der Produktion zählt auch die Umverteilung von Land an 62 in der Region ansässige Familien zu einem der großen Erfolge, die de Oliveira und die Mitglieder der Kooperativen bisher erzielt haben. Ohne den Zusammenschluss der Familien und die dadurch gestärkte Interessensvertretung wäre dieser Erfolg nicht zustande gekommen, so de Oliveira. Viele Familien seien durch die Umverteilung und den Zusammenschluss zu Kooperativen vor dem wirtschaftlichen Ruin gerettet worden, betonte er.
Die solidarökonomische Praxis.
Solidarökonomische Ökonomie zeichne sich für ihn vor allem durch Selbstbestimmung, Kooperation und Solidarität im Umgang der KleinbäuerInnen miteinander aus. Das äußere sich in erster Linie durch den Fokus auf demokratische Prozesse bei der Suche nach Entscheidungen und der Organisation des täglichen Betriebs. Zwar gäbe es Entscheidungspositionen innerhalb der Netzwerke, diese würden jedoch regelmäßig wechseln. Auf diese Weise wolle man sicherzustellen, dass Entscheidung nicht immer von denselben Mitgliedern gefällt werden, so de Oliveira.
Auch die Mitsprache der Familien in Regionalentwicklungsprozessen sei eine wichtige Säule seiner Arbeit. Mit seinen Projekten verfolge er auch das Ziel, das Bewusstsein über soziale Rechte der KleinbäuerInnen zu stärken.
Vor allem aber der nachhaltige Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Region ist de Oliveira ein wichtiges Anliegen. So gilt das Tal Vale do Ribeira als eines mit der höchsten Biodiversität weltweit. Es besteht zu großen Teilen aus atlantischem Regenwald, in dem auch sehr viele
traditionelle Gemeinschaften leben. Große Teile des Regenwalds seien bereits abgeholzt, so de Oliveira. Nachhaltige Produktionsweisen und Permakultur zur Erhaltung des Regenwalds und seiner Artenvielfalt seien deshalb ein umso wichtigeres Anliegen der solidarökonomischen Initiativen.
Wissensgrundlagen und Bildung in den Kooperativen.
In der anschließenden Diskussion wurde de Oliveira nach der Rolle von indigenem Wissen in seinen Projekten gefragt. Für ihn seien die
solidarökonomischen Betriebe ein Ort der Zusammenkunft und der Auseinandersetzung mit Beziehungen, kollektivem Wissen, Normen und Werten. Er bemühe sich, indigenes Wissen verstärkt in die Alltagspraxis einzubringen, vieles sei aber bereits verloren gegangen, bedauerte de Oliveira.
Auf die Frage danach, wie Bildung in den Kooperativen vermittelt wird, betonte de Oliveira, dass es ihm vor allem darum gehe, eine junge Generation von KleinbäuerInnen mit Fertigkeiten und Wissen zum solidarischen Landwirtschaften zu versorgen. Gerade in Brasilien, einem Land, das nach wie vor von starker Landflucht betroffen ist – ca. 85 % der Bevölkerung lebt in Städten – sei es sehr wichtig, die Jugendlichen vom Abwandern in die Städte abzuhalten und Leute, die bereits in die Städte gegangen sind, aufs Land zurückzuholen, so de Oliveira.
Zum Abschluss wurden noch einmal zentrale Werte und Themen der Solidarökonomie auf Flipcharts gesammelt und besprochen. Festgehalten
wurde, dass solidarökonomische Initiativen soziale Inklusionsansprüche mit Nachhaltigkeit und Umweltschutz verbinden. Für die Zukunft der (Land-) Wirtschaft bedeute die Solidarökonomie Entwürfe abseits von konventionellen Konzepten, die sowohl der Umwelt, als auch den Menschen zugutekommen.
Die Autorin war Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at