Prunk und Elend des Roma-Diskurses

Ein Kommentar von Katrin Aiterwegmair.

Am 8. April, dem internationalen Tag der Roma, widmete sich eine Diskussionsveranstaltung im Parlament den Aktivitäten und Herausforderungen bezüglich der Inklusion der Roma in Österreich. Im Zentrum der Diskussion von Regierungs- und NGO-VertreterInnen stand der Zugang zu Beschäftigung und Bildung, aber auch die Notwendigkeit gegen Anti-Ziganismus vorzugehen.Zu der Veranstaltung lud Nationalratspräsidentin Barbara Prammer ein. In ihrer Vertretung sprach der zweite Nationalratspräsident Karlheinz Kopf einleitende Worte, in denen er eine Kultur der Vielfalt begrüßte, und klarstellte, dass die Ziele von Chancengleichheit und Gerechtigkeit Inklusion und Integration bedürfen. Sozialminister Hundstorfer setzte fort und deklarierte, dass sein oberstes Ziel die Arbeitsmarkt-Integration von Jugendlichen sei, die über einen Pflichtschulabschluss verfügen. Denn Zugang zum Arbeitsmarkt bedeute Teilhabe am täglichen Leben. Bildung sei der Schlüssel für die Integration am Arbeitsmarkt, ergänzte Jürgen Schick vom Bildungsministerium.

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Sabrina Kopf, Rudolf Sarközi, Andrea Härle, Jürgen Schick; Foto: Katrin Aiterwegmair

Erfolgreiche Bildungsmaßnahmen: „THARA“ und Romano Centro

Von erfolgreichen Maßnahmen, die einen Ausweg aus dem Teufelskreis aus Armut, mangelnder Bildung und Arbeitslosigkeit bieten können, berichteten Andrea Härle vom Romano Centro und Usnija Buligovic vom THARA-Projekt der Volkshilfe. THARA e Romengo than ist eine arbeitsmarktpolitische Initiative, die Roma darin unterstützt, Zugang zur Gesellschaft und zum Arbeitsmarkt zu finden, erklärte Buligovic. Dies geschehe vor allem mittels Berufs- und Bildungsberatung und Sensibilisierungs-Workshops. Andrea Härle vom Romano Centro begnügte sich nicht damit, die erfolgreichen Fördermaßnahmen für Roma anzuführen, die von ihrem Verein angeboten werden, sondern sie thematisierte auch die strukturelle Ungleichheit: „Unser Schulsystem baut darauf auf, dass zuhause gelernt wird. Bildung wird vererbt.“ 52 % der in Österreich lebenden Roma würden maximal über einen Pflichtschulabschluss verfügen, das sind fünf Mal so viel als die Mehrheitsbevölkerung. Das Romano Centro biete daher Lernhilfen und SchulmediatorInnen an. Die MediatorInnen seien selbst aus der Volksgruppe und fungierten als Brücke zwischen Elternhaus und Schule. Probleme von Roma-SchülerInnen würden etwa oft auf ihre kulturelle Identität reduziert werden, gab Härle zu Bedenken. Da es den Kindern und Jugendlichen schade, würden ihnen die Eltern sehr oft verbieten, ihre Volkszugehörigkeit zu erwähnen. Doch eine positive Selbst-Identifikation sei äußerst wichtig für die Lernfähigkeit und Lebensqualität. Empowerment der Roma wurde von allen Podiumsgästen als zentrales Ziel angesehen.

Anti-Ziganismus und Empowerment

Rudolf Sarközi, Obmann des Kulturvereins österreichischer Roma, merkte kritisch an: „Es hilft uns nichts, wenn die Regierung den Tag der Roma begrüßt“. Er wolle Abstand von der Bildungsdiskussion nehmen und forderte ein, den internationalen Tag der Roma als Tag gegen Anti-Ziganismus zu verstehen. Härle, Buligovic, Sarközi und Schick waren sich darin einig, dass Handlungsfelder zur Inklusion der Roma keinesfalls nur in Fördermaßnahmen für Roma gesucht werden können, sondern besonders auch in Sensibilisierungsmaßnahmen für die Mehrheitsbevölkerung, die Roma ausgrenzen. Buligovic forderte eine konkrete Anti-Ziganismus-Strategie und eine Selbstvertretung der Roma auf allen politischen Ebenen.

Die Kluft zwischen Rhetorik und Realität

Die Veranstaltung hinterlässt bei mir Irritation ob des widersprüchlichen Bildes: Im prunkvollen Parlamentssaal feiern Politiker in ihren Reden die kulturelle Vielfalt und Chancengleichheit, während engagierte Vereine hartnäckig versuchen, durch das Drehen von kleinen Schrauben Diskriminierung zu vermindern und die Möglichkeiten für einige Menschen zu erhöhen. Es wird von Chancengleichheit und Empowerment geredet, während vielen in Österreich lebenden Roma Grundrechte verwehrt werden. Die heiße Luft der Rhetorik trifft auf Lebensrealitäten in struktureller Ungleichheit. Dazwischen breitet sich ein ein tiefer Graben aus, gefüllt mit Widersprüchen und Ungenanntem. Wer sind eigentlich die Menschen, über die wir reden? Die Volksgruppe der Roma ist differenziert und nicht pauschal zu betrachten. Ist Sarközi als in Österreich gebürtiger Rom wirklich repräsentativ für die Mehrheit der Roma in Österreich, die Migrationshintergrund hat?

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Foto: Katrin Aiterwegmair

Leerstelle: Strukturelle Diskriminierung

Es wurde zwar über Vorurteile gesprochen und dabei der Anschein vermittelt, sie könnten durch Bewusstseinsbildung aufgehoben werden. Aber Diskriminierung hat für Menschen mit Migrationshintergrund System. Sie wird in eiserne Gesetze gegossen und von kühlen BeamtInnen und PolitikerInnen vertreten, die immun gegen Sensibilisierungsmaßnahmen sind. Es sind Gesetze, die Menschen kriminalisieren, erniedrigen, entmutigen, an ihrem Selbstwert zehren. Minister Hundstorfer sieht viel Empowerment in der Community vorhanden – eine optimistische, aber meinen Erfahrungen nach nicht ganz realitätsnahe Perspektive. Ich habe eine andere gewonnen, vor allem dank der Zusammenarbeit mit dem Verein Im.Ausland, durch die ich Menschen kennenlernen durfte, die mir einen Einblick in ihre Lebenswelt erlaubten. Einige davon saßen nur wenige Meter vor dem Podium im prächtigen Prunksaal des Parlaments. Die PolitikerInnen-Rhetorik wirkt für mich wie ein Schlag in ihre von Frustration gezeichneten Gesichter. Ihre Lebensrealitäten finden keinen Ausdruck, nicht einmal am Tag der Roma. Sie werden erstickt von der wohlmeinenden, aber abgehobenen heißen Luft, und erschlagen von der harten Keule von Justiz und Bürokratie. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Ent-Mächtigung wirkt die Beschwörung der Er-Mächtigung im Parlament zynisch. Was ist an diesem Ort anders am Tag der Roma? Es wird von der Band Amenza ketane mit Gabriele Stojka traditionelle Roma-Musik großartig vorgetragen. Ist Musik noch immer das einzig anerkannte Sprachrohr der Roma?

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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