Seit dem Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine ist bei Lebensmitteln eine massive Teuerung zu beobachten. Woran liegt das? Sind Krieg und Pandemie tatsächlich die Hauptverantwortlichen für die drohende Ernährungskrise? Im ie.talk „War, Ukraine and food: a global crisis“ beleuchtete A. Haroon Akram-Lodhi, Professor für Internationale Entwicklung an der Trent University (Kanada), die Verbindungen zwischen dem Welternährungssystem, dem Krieg und der Pandemie. Dabei zeigte er auf, dass die aktuellen Herausforderungen bei der Versorgung der Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln Teil einer strukturellen Krise sind, die einer dringenden Lösung bedarf.
Krieg in der Ukraine: Ursache oder Lupe?
Akram-Lodhi begann seinen Vortrag mit der These, dass die derzeitige Lebensmittelteuerung nicht primär durch die Situation in der Ukraine verursacht, sondern durch den Krieg nur verschärft wurde. Auch wenn Studien von Oxfam International zeigten, dass circa 1 Milliarde Menschen derzeit an Hunger und Armut leiden würde, gäbe es nichtsdestotrotz kein Produktionsproblem, da seit den 1970er Jahren genug Nahrung für die weltweite Bevölkerung vorhanden sei. Laut „The Economist food index“ seien die Lebensmittelpreise seit den 1970er Jahren jedoch nicht mehr stabil, sondern steigen drastisch. 2022 seien sie schließlich so hoch wie nie, da der Krieg in der Ukraine die weltweite Lebensmittelversorgung unterbricht und dadurch ein Versorgungsschock entstehe. Dieser betreffe jedoch nicht nur die Lebensmittelverfügbarkeit, sondern wirke sich auch auf zahlreiche Produktionsfaktoren in der Landwirtschaft aus: Treibstoffe, Dünge- und Futtermittel, die Verfügbarkeit von Krediten und Arbeit, so Akram-Lodhi.
Lebensmittelverfügbarkeit.
Die Lebensmittelverfügbarkeit ist vor allem durch den Handel mit Nahrung beeinflusst. Akram-Lodhi führte aus, dass die Ukraine circa 75% ihrer Fläche für den Anbau von Lebensmitteln verwende. Durch den Krieg sei der Anbau zu einer kritischen Zeit gestoppt worden, so dass weder genug angebaut noch genug geerntet werden könne. Hinzukommt, dass die Ukraine und Russland zusammen ein Viertel des weltweiten Weizenbedarfs anbauen, dieser jedoch auch nicht über die sonst üblichen Seewege in der Ukraine exportiert werden können. Die Infrastruktur der Häfen ist aufgrund des Krieges zerstört und es befinden sich auch keine Schiffe dort.
Ganz nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage werden Lebensmittel auch aufgrund des geringen Angebots und der im Vergleich dazu erhöhten Nachfrage teurerer. Das hat ebenso enorme Auswirkungen auf die bereits bestehenden globalen Ungleichheiten, da im globalen Norden Lebensmittel nur zu etwa 20 Prozent zur Zusammensetzung des Verbraucherpreisindices beitragen, während es in Afrika südlich der Sahara 40 Prozent sind. Durch die Steigerung der Lebensmittelpreise könnten sich die Menschen vor allem im globalen Süden selbst Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten. Dadurch komme es zu Aufständen und Rebellionen aufgrund der Nahrungsmittelunsicherheit (engl. food riots), wie bereits 2007/2008 durch die Weltwirtschaftskrise, jedoch derzeit mit viel höheren Todeszahlen.
Treibstoffe.
Aber auch Treibstoff spielt eine wichtige Rolle in dem Nexus von Krieg und Lebensmittelunsicherheit. Durch den Krieg steigen die Triebstoffpreise an, was auch Produktion und Export von Lebensmitteln verteuert. Jedoch gebe es noch einen weiteren wichtigen Punkt, betonte Akram-Lodhi. In den USA und der EU kam es zu einer vermehrten Verbreitung von Biokraftstoff. Dieser wird aus Ölsaaten hergestellt, für die landwirtschaftliche Flächen zur Verfügung gestellt werden müssen. Im Ausgleich dafür wird jedoch weniger Getreide als Nahrungsmittel angebaut.
Dünge- und Futtermittel.
Die Produktion von Düngemitteln für die Landwirtschaft ist eng an die Verfügbarkeit von Erdgas gekoppelt. Der Gaspreis ist enorm gestiegen, so dass auch die Preise der Nebenerzeugnisse wie beispielsweise Stickstoffdünger steigen. Dies wirkt sich wiederum auf die Produktionskosten der Lebensmittel und somit auch auf die Konsumierenden aus. Auch andere Düngemittel, die normalerweise zu einem großen Teil in Russland und Weißrussland produziert werden, sind durch den Exportstopp bzw. die Sanktionen teurer geworden. Ein Drittel der Düngemittel der EU wurde vor dem Krieg aus Russland importiert und steht nun nicht mehr zu Verfügung. Laut Akram-Lodhi wird dies folgenschwere Auswirkungen auf unser zukünftiges Agrarsystem haben. Auch China nehme in diesem Spannungsfeld eine wichtige Rolle ein, da das Land durch die Lockdowns in der Pandemie und teurere sowie in geringerem Umfang vorhandenere Düngemittel viel höhere Importe an Lebensmittel verzeichnen werde. Allein aufgrund der Anzahl an in China lebenden Menschen würden die globalen Lebensmittelpreise durch diese Entwicklung stark ansteigen, so Akram-Lodhi. Doch nicht nur die Verfügbarkeit von Lebensmitteln sowie der Export spielen eine wichtige Rolle. Hinzukommt, dass 40% des weltweit angebauten Getreides als Futtermittel für Tiere eingesetzt wird. Durch die Steigerung des Preises für Futtermittel werden auch die Preise für Fleisch mitziehen.
Finanzsektor und Arbeit.
Zu all den produktionsbedingten Faktoren kommt zusätzlich die Finanzialisierung von Lebensmitteln und Agrikultur, also die zunehmende Bedeutung der Kredit- und Kapitalmärkte in diesem Bereich. Nach der Finanzkrise 2008 wurden große Summen in den Erwerb von Agrarland durch Finanzmarktakteur*innen investiert und der Börsenhandel ausgeweitet. Der Finanzsektor wurde im Zuge des Krieges in der Ukraine bereits beschuldigt, am Anstieg der Lebensmittelpreise durch spekulatives Verhalten beteiligt zu sein. Abschließend ist es auch noch wichtig, sich anzusehen, wie sich der Krieg in Bezug auf die Arbeitskräfte im Ernährungssystem auswirkt. Viele der in der Landwirtschaft tätigen Personen kommen aus der Ukraine. und können nun nicht mehr arbeiten, da sie ihr Land verteidigen müssen.
„War, what is it good for? It‘s good for business.”
(dt. Krieg, wozu ist er gut? Er ist gut fürs Geschäft.“)
Wie die Ausführungen Akram-Lodhis zeigen, ist das derzeitige Welternährungssystem von großer Instabilität geprägt, die innerhalb von nur zwei Monaten enorme Schwierigkeiten hervorgebracht hat. Das liege vor allem daran, dass jedes Land importabhängig sei und das weltweite System nicht die nötige Redundanz und damit einhergehende Resilienzen besäße, um ungewohnte Zustände auszugleichen. Die Globalisierung stehe im Kampf mit dieser Redundanz, da eine Absicherung die Wettbewerbsfähigkeit mancher Länder verringern würde. Das derzeitige Welternährungssystem sei durch die Lebensmittelkommodifizierung und die damit einhergehenden „Supermarketization“ gekennzeichnet. Ebenso dominierten transnationale Lebensmittelfirmen den Markt. Diese könnten auch als die Gewinner dieses Kriegs betitelt werden. Akram-Lodhi stellt daher in seinem Vortrag fest: „War, what is it good for? Its good for business”. Zusätzlich sei klar, dass die Homogenisierung der Ernährungsweisen mit dem zusätzlichen Anstieg des Fleischkonsums der letzten Jahre überall auf der Welt den Monopolstatuts einiger weniger Firmen noch weiter zuspitzen würde.
Wie soll es weiter gehen?
Neben der von Akram-Lodhi bereits kritisierten Instabilität des Welternährungssystems fördere dieses laut dem Entwicklungsforscher auch noch die Klimakrise und sei zudem für den sich verschlechternden Gesundheitszustand der Weltbevölkerung verantwortlich. Der Angriffskrieg auf die Ukraine sei mit Sicherheit nur der Auslöser für diese Krise gewesen, jedoch nicht deren Ursache. Akram-Lodhi appellierte abschließend, dass wir ein neues Welternährungssystem bräuchten, das leistbare Nahrungsmittelverfügbarkeit für alle Menschen sichern könne. Der dafür nötige, nachhaltige Umbau sei jedoch nur durch eine Abfolge von vielen kleinen Schritten durchführbar.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
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