Globale Gerechtigkeit: Was heißt das? Im Kontext der Klimakrise und angesichts der enttäuschenden Ergebnisse der COP26 Klimakonferenz sind wir gezwungen, uns dieser Frage zu stellen. Es geht um Klima- und Generationengerechtigkeit. Wer sind die Verursacher *innen und wer die Leidtragenden von Umweltbeeinflussung und -zerstörung? Wie steht es um den Ressourcenverbrauch? Soziologin Karin Fischer und Philosoph Georg Stenger unternahmen beim Philosophikum der Entwicklungspolitischen Hochschulwochen 2021 in Linz einen Versuch, sich diesen grundlegenden Debatten anzunähern.
Die Wurzeln der Ungleichheit.
Lange Zeit waren Fragen nach Gerechtigkeit auf den Nationalstaat begrenzt. Menschen sind jedoch zunehmend global vernetzt, und Gesellschaft muss als Weltgesellschaft gedacht werden. Ungleichheiten sowie Ungerechtigkeiten vermitteln sich, wenn auch nicht immer direkt erkennbar, über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Karin Fischer verweist dabei auf globale Produktionsnetzwerke und die ungleiche internationale Arbeitsteilung. Während der Globale Norden davon profitiert, steht diesem die Ausbeutung des Globalen Südens gegenüber. Dabei stellt sich die Frage, weshalb und wann diese Ungleichheit schaffenden Strukturen entstanden sind. Kann eine Begründung im Kolonialismus liegen? „Die Weltungleichheitsordnung ist historisch zumindest teilweise auf Raub, Plünderung, Genozide und Versklavung zurückzuführen. Und wenn diese nicht alles erklären, dann doch einiges, warum heutige arme Länder arm geblieben sind.“, so Karin Fischer. Georg Stenger sieht folglich in post- und dekolonialen Kritiken das Potential, ein globales Verständnis von Gerechtigkeit zu schaffen.
Was bedeutet Gerechtigkeit?
Laut Georg Stenger ist Gerechtigkeit untrennbar mit anderen Grundbegriffen wie Gleichheit, Fairness, Solidarität und Moral verbunden. In der Praxis kann dabei die Deckung von Grundbedürfnissen als potentieller Ansatz gelten. „Jedem Individuum auf dieser Welt, als Mitglied der Menschheit, kommt das Recht zu, dass dessen Grundbedürfnisse gedeckt sind.“ erklärt Karin Fischer in Referenz auf den kenianischen Philosophen Odera Oruka. Auch ökologische Gerechtigkeit spielt hier eine zentrale Rolle: Der hohe Ressourcenverbrauch des Globalen Nordens entzieht den Menschen des Globalen Südens ihre Lebensgrundlage. Auch die Lasten der Umweltnutzung und -zerstörung sind ungleich verteilt. Die Folgen des Klimawandels betreffen primär Länder des Globalen Südens, welche nicht über genügend finanzielle Mittel verfügen, um diese Entwicklungen abzuschwächen und sich zu schützen. Es geht also nicht nur um die Befriedigung von Grundbedürfnissen, sondern auch um das Ermöglichen von Lebenschancen.
Alternative Ansätze.
Karin Fischer verweist hier auf das lateinamerikanische Konzept des Buen Vivir (dt.: Gutes Leben). Dieses alternative Entwicklungsmodell stellt westlich geprägte Vorstellungen von Fortschritt, Wachstum und Wohlstand in Frage. Vielmehr gehe es um ein soziales und ökologisches Gleichgewicht: Alle Menschen sollen in Würde und Einklang mit der Natur leben können. Natur wird dabei als Subjekt gesehen, dem, genauso wie den Menschen, Rechte zu kommen. Georg Stenger betont hier Überschneidungen mit Fridays for Future, welche ebenfalls die Subjektivität der Natur hervorheben. Karin Fischer verweist zudem auf das Konzept der Common Goods (dt.: Gemeingüter), welches erstmals in den 70er Jahren formuliert wurde. Meere, Biodiversität und Wälder werden demnach als Gemeingüter definiert. Anstatt von Konzernen oder einzelnen Nationalstaaten, sollte die Verwaltung und Bewirtschaftung der Common Goods von der UN übernommen werden. Ziel dabei ist es, die Ressourcen der Markt- und Profitlogik zu entziehen und sie im Sinne eines globalen Gemeinwohls zu nützen.
Zusammenarbeit ist gefordert.
Rohstoff- und Ressourcenabbau im Globalen Süden geht meist mit weitreichender Umweltzerstörung, sowie Gewalt und der Vertreibung lokaler Bevölkerung einher. Es gibt zahlreiche lokale Bewegungen, welche gegen Ausbeutung und Zerstörung ankämpfen. Dem gegenüber stehen De-Growth (dt.: Wachstumsrückgang) Bewegungen im Globalen Norden. Unter De-Growth versteht man eine Reduzierung des Wirtschaftswachstums, um einen gesellschaftlichen und ökologischen Kollaps zu verhindern. Laut Karin Fischer wäre es von großer Bedeutung, die beiden Bewegungen zu verbinden. Eine Reduzierung von Wachstums- und Konsumzwang im Globalen Norden würde zu einer Verminderung des Rohstoff- und Ressourcenabbaus im Globalen Süden führen. Zudem würde das Spannungsfeld von über- und unterkonsumierenden Gesellschaften, und damit einhergehen ungleichen ökologischen Fußabdrücken, aufgelöst werden.
Verzicht als Bereicherung.
Die Konzepte Buen Vivir und De-Growth zeigen die Notwendigkeit zur Überwindung der ressourcenintensiven Lebensweisen im Globalen Norden auf. Fairness im Ressourcenverbrauch und Solidarität zwischen Menschen, sowie auch der Natur gegenüber, sind dabei zentrale Leitmotive. Neben einer Veränderung der internationalen Produktionsbedingungen ist eine generelle Reduktion des Konsums reicher Nationen gefordert. Karin Fischer betont, dass weniger Konsum jedoch nicht gleichbedeutend mit weniger Lebensqualität sein muss, ganz im Gegenteil. Das Wohlbefinden kann erhöht werden, indem überflüssige Aufgaben sowie Arbeitsstress wegfallen, und sich Menschen vom materiellen Überfluss befreien. Auch Georg Stenger hält ein Umdenken und Hinterfragen von westlichen Konsum- und Lebensweisen für notwendig. Wie kann so eine Transformation erreicht werden? Es gehe um einen Wertewandel. Anstelle von Verzicht müsse mit positiven Zielen geworben werden. Die Verantwortung dürfe jedoch nicht alleinig bei den Konsument*innen liegen, vielmehr sei hier die Politik gefragt. Jene müsse die dafür notwendigen strukturellen Veränderungen einleiten und die globale Dimension nationalstaatlichen Handelns mitbedenken, erklärt Karin Fischer. Die Klimakrise und die COP26 Weltklimakonferenz sollten als Anlass dienen, die globalen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten aufzubrechen. Denn so lange der Globale Süden seiner Ressourcen beraubt wird, und Profitlogik wirtschaftliches und politisches Handeln dominiert, sind weder globale Gerechtigkeit, noch substanzielle Fortschritte bei der Bekämpfung der Klimakrise zu erwarten.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
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