Covid-19 und nachhaltige Entwicklung: verträgt sich das?

Die Folgen der COVID-19 Pandemie wirken weit über den gesundheitlichen Bereich hinaus. Welchen Einfluss hat diese Krise auf die Erreichung der nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO (SDGs) und was lässt sich daraus lernen?

Zur gemeinsamen Erörterung dieser Fragen lud das Paulo Freire Zentrum im Rahmen des zweiten Global Inequality Talk am 14. April 2021 zur Diskussion mit Katharina Kreissl (Paris Lodron Universität Salzburg), die zu sozialen Ungleichheiten forscht und Karin Kuranda (AG Globale Verantwortung), die als Koordinatorin von SDG Watch Austria die Umsetzung der SDGs beobachtet. Moderiert wurde das Webinar von Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum).

Globale Ungleichheiten in Zeiten der Pandemie.

Eine zu Beginn des Talks gezeigte Grafik verdeutlichte, dass die COVID-19 Pandemie maßgeblich zur Verstärkung globaler ökonomischer Ungleichheiten beigetragen hat. 2010 besaßen die ärmsten 50 Prozent der Weltbevölkerung so viel wie die 388 reichsten Personen. 2021 müssen nur noch die sechs reichsten Menschen für diesen Vergleich herangezogen werden. Während die Verschärfung der ökonomischen Ungleichheiten empirisch als gesichert gilt, eröffnet der Blick in die Zukunft Raum für Diskussionen. Das zeigte auch das Ergebnis der Umfrage unter den Teilnehmenden des Webinars: 17 Prozent waren sich sicher, dass die SDGs trotz COVID-19 Krise erreicht werden könnten. Beinahe die Hälfte entschied sich für „zum Teil“ oder „wohl kaum“, während ein Drittel die Meinung vertrat, dass die SDGs noch nie realistisch gewesen und auch ohne Covid-19 nicht erreicht worden wären.

Die Einschätzungen der Expertinnen stehen nur teilweise in Einklang mit diesen Einstellungen. Beide teilten nicht die Meinung der Teilnehmenden, dass die SDGs nie realistisch gewesen wären und betonten, dass die Pandemie das Erreichen wesentlich herausfordernder, aber nicht unmöglich mache. Die Pandemie verschärfe bestehende Ungleichheiten und könne „die Fortschritte, besonders bei Armut und Hunger, der letzten Jahre wieder umkehren. Und das ist natürlich sehr schlecht“, so Kuranda. Die Zahlen zu extremer Armut würden zum ersten Mal seit 1980 wieder ansteigen.

Welche Faktoren lassen COVID-19 derart desaströs in unterschiedlichen Bereichen wirken? Auf der Ebene der Finanzierung würden bestehende ökonomische Ungleichheiten zu ungleichen Zugängen zu Impfstoffen beitragen und damit ungleiche Voraussetzungen für unterschiedliche Staaten und Weltregionen für die Zukunft schaffen. Während Länder des Globalen Nordens über genügend staatliche Mittel für finanzielle Unterstützungsmaßnahmen ihrer Bürger*innen verfügten, hätten Regierungen des Globalen Südens weniger Möglichkeiten zur Verfügung. Dadurch sinke dort die Einkommens- und Jobsicherheit und verschärfe globale und nationale wirtschaftliche Differenzen. Im Bildungsbereich tragen Probleme beim Distance-Learning sowie hohe Drop-Out-Quoten im Globalen Süden zu Ungleichheiten bei, die sich über mehrere Generationen ziehen werden, so Kuranda.

Verschärfung von Bildungsungleichheiten in Österreich.

Katharina Kreissl betonte, dass die Unterscheidung zwischen vertikalen und horizontalen Ungleichheiten nicht übersehen werden dürfe. Während erstere materielle Ungleichheiten bezeichne, beschreibe die horizontale Ungleichheit jene, die beispielsweise entlang von Geschlecht, race oder sexueller Orientierung entstehen. Der Lockdown verschärfte beide Formen von Ungleichheit, betonte Kreissl und analysierte die Situation im Bildungsbereich: Jene Schüler*innen, die adäquaten Wohnraum, technische Ressourcen und die Unterstützung der Eltern zur Verfügung hatten, hätten weniger Probleme gehabt im Distance-Learning einen Lernfortschritt zu erzielen. Ähnliche Tendenzen seien bei Vermögensungleichheiten zu beobachten: „Das sind ganz krasse ökonomische Ungleichheiten, die jetzt immer weiter ausgebaut werden und deren Auswirkungen wir auch in Österreich in den nächsten Jahren noch stark zu spüren bekommen werden“, so Kreissl.

Lehren aus der Pandemie.

Im zweiten Teil des Talks wurden die Expertinnen gebeten, etwaige positive Auswirkungen der COVID-19 Pandemie herauszuarbeiten. Karin Kuranda betonte drei Aspekte: Erstens hätten 2020 die finanziellen Mittel für die Unterstützung des Globalen Südens zugenommen. Dies sei positiv zu beurteilen, schaffe aber trotzdem keine langfristigen Perspektiven. Zweitens befürwortete sie den entstandenen Fokus auf den Gesundheitsbereich, der in den SDGs weniger beachtet werde. Drittens fördere die Pandemie Programme für den Aufbau von Resilienz und bereite die Menschen besser auf andere Krisen vor. Katharina Kreissl bezog sich in ihren Ausführungen auf den Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und der Klimakrise: Sie verortete eine Diskrepanz zwischen jenen Bevölkerungsgruppen, die die Klimakrise hauptsächlich verursachen und jenen, die die Konsequenzen tragen, und betonte: „Diese Wechselwirkung und Verflechtung (zwischen sozialen Ungleichheiten und Klimawandel, Anm.), wird systematisch eigentlich fast nie miteinander zusammen gedacht und ich halte das aber eigentlich für extrem notwendig.“ Das Beispiel des Corona bedingten Krisenmanagements der Regierung zeige, wie der Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und der Krise für die Bevölkerung sichtbar gemacht werden kann. Nationale Kampagnen, wie „Schau auf dich, schau auf mich“, würden die enge Verbindung zwischen dem individuellen Einzelschicksal und dem Verhalten der Anderen darstellen. Dadurch sei deutlich geworden, dass der Ausschluss bestimmter Gruppen oder Länder ein Problem für die Gesamtbevölkerung sei. Dies trage zur klaren Artikulation des Zusammenhangs zwischen Krise und sozialer Ungleichheit bei und sei auch für den Umgang mit der Klimakrise notwendig, so Kreissl.

Trotz der zusätzlichen Herausforderung, die die COVID-19 Krise für das Erreichen der SDGs mit sich bringe, könne die Krise auch als Chance für die Zukunft gesehen werden. Zum Abschluss des Webinars wurde nochmals die zu Beginn durchgeführte Umfrage gestartet. Das Ergebnis fiel deutlich optimistischer aus: Mehr als 50 Prozent der Teilnehmenden sind sich sicher, dass die SDGs gänzlich oder teilweise erreicht werden können.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Weiterführende Links:

Veranstaltungsreihe Global Inequality Talks
Österreichische Entwicklungstagung
Aufzeichnung der Veranstaltung

 

Titelbild © Marco Verch, Global Health, Pixabay License

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Globale Ungleichheiten.