Welche Ziele verfolgt China mit Investitionen in afrikanischen Länder? Profitieren afrikanische Staaten durch diese Investitionen, und wenn ja – wie? Bei der Veranstaltung „China in Afrika – Chance oder Bedrohung“ wurden diese Fragen diskutiert und kritische analysiert.
Chinas globale Aktivitäten nehmen stetig zu. Investitionen auf dem afrikanischen Kontinent, vor allem im Bereich der Infrastruktur, lösen gemischte Reaktionen aus: handelt es sich um solide, nachhaltige Investitionen oder um eine neoimperiale Gefahr? Mit Blick auf diese Entwicklungen fand am 9. Mai 2019 in den Räumlichkeiten der Diplomatischen Akademie eine Podiumsdiskussion zum Thema „China in Afrika – Chance oder Bedrohung?“ statt. Veranstalterin war das Vienna Institute for International Dialogue and Cooperatioen (dt.: Wiener Institut für Internationalen Dialog und Zusammenarbeit, VIDC). Durch die Veranstaltung führte Moderatorin Karin Fischer (Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik an den Österreichischen Universitäten/VIDC); am Podium diskutierten Anzetse Were (Entwicklungsökonomin und unabhängige Beraterin) und Jue Wang (Politische Ökonomin und Dozentin an der Universität Leiden).
Die historische Entwicklung von Chinas Engagement in Afrika.
Wang gab dem Publikum einen Überblick über vergangene und aktuelle Aktivitäten Chinas in Afrika. In der neuzeitlichen Geschichte sei die Beziehung zwischen China und afrikanischen Staaten relativ jung. Die Verbindung begann vor etwa 50 bis 60 Jahren. Damals sei diese hauptsächlich politisch und ideologisch motiviert gewesen; China suchte vordergründig Kontakt mit sozialistischen Staaten. In diesem Kontext wurden auch die zwei wichtigsten Bahnsysteme im damals sozialistischen Tansania finanziert. „Zwischen den 1950er und den 1970er Jahren hat China jenen afrikanischen Ländern Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, die ihre politische Ideologie teilten“, erklärte Wang. In den 1980er Jahren habe sich das Verhältnis schließlich durch Chinas Interesse am afrikanischen Markt und einem Fokus auf wirtschaftliche Entwicklung verändert. Afrika hätte eine Alternative zu den westlichen Märkten geboten, wo chinesische Güter verkauft werden konnten. So habe sich eine Beziehung entwickelt, in der China aus Afrika Ressourcen importierte und nach Afrika Fertigerzeugnisse exportierte.
Niedrige Produktionskosten & steigende Investitionen.
Die letzten 15 Jahre beschrieb Wang als die dritte Phase des chinesischen Engagements in Afrika. Diese sei durch stark ansteigende Investition von Seiten Chinas gekennzeichnet. Einerseits würden chinesische Investor*innen dazu animiert werden, über die eigenen Landesgrenzen hinaus zu gehen. Andererseits gäbe es auch Druck von außen auf die chinesische Wirtschaft, international wettbewerbsfähig zu sein. Hinzu komme, dass die Produktionskosten in China in den letzten Jahren gestiegen sind; in vielen afrikanischen Ländern hingegen sind diese sehr niedrig. Auch gebe es weniger strenge Richtlinien betreffend Umweltschutz und Arbeiter*innenrechten, was dem wirtschaftlichen Interesse Chinas entspreche.
Warum funktioniert Chinas Engagement in Afrika?
Gründe, weshalb die Beziehung zwischen China und afrikanischen Staaten zu Stande gekommen ist und auch aufrecht erhalten bleibt, gibt es mehrere. Zum einen, erklärte Were, verbinde China und den afrikanische Kontinent im Vergleich zu anderen Wirtschaftsmächten wie den USA oder (west) europäischen Staaten keine koloniale Vergangenheit. Auch verfolge China keinen paternalistischen Ansatz und versuche nicht, afrikanischen Staaten „das chinesische Modell“ aufzuzwingen. Were stellte fest: „China geht es rein um die Abkommen – was viele afrikanische Akteur*innen bevorzugen“.
Hindernisse und Schwierigkeiten.
Auch wenn die Verbindung prinzipiell stabil sei, so gäbe es dennoch Probleme, merkten sowohl Wang als auch Were an. Diese seien vielfältig und beträfen die verschiedensten Bereiche. Auf der Operationalisierungsebene gibt es politische Hindernisse durch mächtige Interessengruppen, Provinzregierungen und auch sicherheitspolitische Gefahren. Auch müsse China daran arbeiten, intensiver mit der lokalen Bevölkerung zu kommunizieren, um ein besseres Verständnis der lokalen Märkte zu erlangen. Abgesehen davon erlebt die chinesische Wirtschaft selbst einen slow-down (dt.: Wirtschaftsflaute), benötigt daher weniger Ressourcen und kann weniger investieren. Were wies auch auf Probleme wie Korruption und Intransparenz hin. Es fehle an Kontrolle darüber, für was das Geld von chinesischen Investor*innen tatsächlich verwendet werde. Auch wisse die Bevölkerung häufig nicht über Abkommen und deren Auswirkungen Bescheid. Dennoch, so warnte Were, dürfe man nicht in einen „Schuldenfalle-Narrativ“ verfallen. Dabei würden westliche Staaten den afrikanischen Kontinent als von China durch Kredite in Abhängigkeit gebrachtes Opfer darstellen. Die Verantwortung und Handlungsfähigkeit afrikanischer Regierungen würden in diesem Narrativ ausgeblendet.
Historische Entwicklungen: Ausbeutung führt zu Misstrauen.
Ein weiterer Punkt, den sowohl Were als auch Wang ansprachen, ist die Unterscheidung zwischen privaten und staatlichen Akteur*innen aus China. So gebe es vor allem rund um den privaten chinesischen Sektor in Afrika viel Geheimhaltung und wenig Einblick. Finanzielle Transparenz sei dringend notwendig, Handelsabkommen sollten beispielsweise öffentlich zugänglich gemacht werden. Durch diese Undurchsichtigkeit steige die „Paranoia“ der Bevölkerung in den betroffenen afrikanischen Staaten gegenüber China. Were wies jedoch darauf hin, dass auf Grund der Geschichte von Kolonialismus, Sklaverei und Ausbeutung, generell Misstrauen gegenüber Großmächten mit plötzlichem Interesse an Afrika vorherrsche.
Eine klare Antwort darauf, ob chinesische Interessen in Afrika nun als Chance oder Bedrohung zu deuten seien, lässt sich also nicht so einfach formulieren. Bei der Veranstaltung wurden die historischen Hintergründe geklärt, mögliche Gründe für das chinesische Interesse erläutert und auch Probleme am westlichen Narrativ zum Thema aufgezeigt.
Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Fotos © Karo Pernegger
Weiterführende Links:
Videointerview mit Anzetse Were und Jue Wang