
Wie kann in unserer globalen, verflochtenen Welt zukunftsfähig gewirtschaftet werden? Andreas Novy, Richard Bärnthaler und Veronika Heimerl nahmen sich die eigene Lehrveranstaltung an der Wirtschaftsuniversität Wien sowie die immer deutlicher werdende Klimakrise zum Ausgangspunkt für ihre Überlegungen zu einer tiefgreifenden Transformation unserer Wirtschaft. In ihren Vorlesungen, sowie diesem darauf aufbauenden Buch, beschäftigen sie sich mit der Frage, „wie Klimakrise, Globalisierung und zunehmende Ungleichheit unser aller Leben, aber auch unternehmerisches Handeln beeinflussen.“ (S. 5). Den Autor*innen zu Folge sei es notwendig, über den Tellerrand hinaus zu blicken, und Zusammenhänge zwischen einzelnen Phänomenen zu erkennen. Zukunftsfähiges Wirtschaften bedeutet für sie nicht nur nachhaltiges Handeln, sondern auch die Entwicklung von Verantwortungsbewusstsein und Gerechtigkeit.
Es braucht eine Transformation.
Laut Novy et al. befinden wir uns aktuell in einer Vielfachkrise – einer Krise der Umwelt, Wirtschaft, Globalisierung und Gesellschaft. Demnach wäre eine umfassende Transformation nötig, um den enormen Herausforderungen entgegen treten zu können. Sie identifizieren dabei drei potenzielle Ausprägungen von Transformation: Das Konzept der spontanen Transformation geht davon aus, dass sich die notwendigen Veränderungen automatisch – im Sinne der unsichtbaren Hand des Marktes – ergeben werden. Eine geplante Transformation hingegen setzt auf gezielte Maßnahmen. Das Zusammenspiel von Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft, Mechanismen wie Ge- und Verbote sowie die Förderung nachhaltiger Technologien wären hier entscheidend. Als letzte Option betrachten die Autor*innen die Transformation auf Grund einer eintretenden Katastrophe. Da der Handlungsspielraum von Akteur*innen zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon sehr eingeschränkt ist, besteht hier die Gefahr, dass Ungleichheit-schaffende Strukturen verstärkt werden. Außerdem verweisen Novy et al. auf den Unterschied zwischen ¬pragmatischen und radikalen Auffassungen von Transformation. Während pragmatische Ansätze für ein grünes, nachhaltiges Wirtschaftswachstum plädieren, fordern radikale Ansätze – wie etwa Initiativen zu ‚Degrowth‘ – eine Abkehr vom Wirtschaftswachstum. Lediglich spezifische Branchen, wie die Energiegewinnung aus erneuerbaren Quellen, der Bildungs- und Gesundheitssektor sowie bisher benachteiligte Weltregionen, sollten weiterwachsen. Zwar nehmen die Autor*innen keine klare Position zu den vorgestellten Ansätzen ein, betonen aber die Unvereinbarkeit der kapitalistischen Produktionsweise mit einer tiefgreifenden Transformation. Sie sehen dabei vor allem den Wachstumszwang, der dem Kapitalismus eingeschrieben ist, als problematisch.
Umwelt- und Generationengerechtigkeit.
Hier kommt auch das Argument der Gerechtigkeit ins Spiel. Seit dem öffentlichen Auftreten von Bewegungen wie ‚Fridays for Future‘ wird vermehrt über Umwelt- und Generationengerechtigkeit gesprochen. Während sich letztere darauf bezieht, dass wir nicht auf Kosten nachkommender Generationen leben sollen, betont der Aspekt der Umweltgerechtigkeit vor allem die Nord-Süd Dimension. Ein Ansatz dazu, der im Buch vorgestellt wird, ist Degrowth: Ein Schrumpfen nicht-nachhaltiger Wirtschaftsstrukturen im Globalen Norden wird dabei als Verpflichtung im Sinne der Klimagerechtigkeit und als Verantwortung gegenüber den Ökonomien des Globalen Südens aufgefasst. Laut den Autor*innen geht es dabei nicht nur um das Wirtschaftswachstum, sondern auch um den ressourcenintensiven Lebensstil des Globalen Nordens, wobei beides auf der Ausbeutung des Globalen Südens basiert. Verantwortung zu übernehmen bedeute in diesem Kontext die bewusste Wahl nachhaltiger Lebensformen und Praktiken. Doch die Möglichkeiten individuellen Handelns sind meist durch das Fehlen von Alternativen eingeschränkt. So argumentieren sie, dass beispielsweise plastikfreies Einkaufen für viele Menschen keine Option sei, da es schlichtweg an Angebot fehle.
Potentiale einer sozialökologischen Infrastruktur.
Novy et al. sehen den Ausbau einer sozialökologischen Infrastruktur als vielversprechenden Ansatz, um das Verhalten von Gesellschaften im Globalen Norden zu ändern. Dabei handle es sich um nachhaltige, allen Bevölkerungsgruppen zugängliche Infrastrukturen, wie etwa öffentliche Verkehrsmittel oder leistbare, nachhaltige Energieversorgung. Das Schaffen dieser Infrastrukturen könne, so die Autor*innen, Alltagspraktiken langfristig verändern. So würden beispielsweise viele Pendler*innen auf das Auto verzichten, wenn öffentliche Verkehrsmittel ausreichend ausgebaut wären. Zudem verweisen Novy et al. auf das Konzept der Common Goods (dt.: Gemeingüter), der Kreislaufwirtschaft und der Shared Economy (dt.: Ökonomie des Teilens), welche einen nachhaltigeren Umgang mit Ressourcen fördern könnten.
Alles nur Wunschvorstellung?
Der Blick in die Zukunft ist dann doch eher negativ: „Es ist zu befürchten, dass es bei der derzeitigen Konzentration von wirtschaftlicher, politischer und medialer Macht schwer bleibt, nachhaltige und gerechte Rahmenbedingungen für eine zukunftsfähige Wirtschaftsweise zu schaffen.“ (S. 184) Vor allem die mächtigen Sektoren der Fossil- und Finanzwirtschaft würden vom Status Quo profitieren. Auf dem Weg hin zu einer Energie- und Mobilitätswende, sowie der Stärkung einer sozial gerechten Realwirtschaft, müsse man demnach mit großem Widerstand rechnen. In anderen Worten: Wenn sich die Machtverhältnisse nicht ändern, so die Autor*innen, werden faire Besteuerung (etwa durch eine adäquate CO2-Steuer), als auch Gesetze und Maßnahmen zur Einschränkung nicht nachhaltiger Konzerne und Praktiken, unrealistische Wunschvorstellungen der Zukunft bleiben.
Das Buch als Ermächtigung zum kritischen Denken.
Novy et al. formulieren weder Patentrezepte, noch Prognosen für eine nachhaltige Zukunft. Sie zeigen lediglich verschiedene Optionen auf. Eines ist aber klar: Für sie ist eine Transformation unabdingbar – wie diese konkret aussehen mag, geschweige denn eingeleitet werden soll, bleibt aber offen. Ziel des Buches scheint zu sein, Leser*innen Zusammenhänge zwischen einzelnen Phänomenen aufzuzeigen, sowie zum kritischen Denken anzuregen. So schreiben die Autor*innen auch im ersten Kapitel: „Noch vor 200 Jahren wäre die Forderung, den Sklavenhandel abzuschaffen, als unrealistisch abgewiesen worden. Noch vor etwas mehr als 100 Jahren verhaftete die britische Regierung Frauen für deren Forderung nach ihrem Wahlrecht. Und heute wird die Forderung aktiver Klimapolitik oft als unrealistische, wirtschaftsfeindliche Utopie, als Wunschtraum interpretiert. So wie in der Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei und der Frauenbewegung braucht es auch heute Pioniere des Wandels, die mit Lösungen für die aktuellen Herausforderungen experimentieren.“ (S. 16)
Keines der im Buch beschriebenen Leitbilder bietet die ‚ultimative‘ Lösung. Aber womöglich ist genau dies der Punkt: Neue, konstruktive Verknüpfungen zwischen den einzelnen Ansätzen zu schaffen. Nur so kann man den komplexen Problemen der genannten Vielfachkrise gerecht werden, und zukunftsfähige Entscheidungen treffen. Wer sich von dem Buch klare Wegweiser erwartet, könnte jedoch enttäuscht werden. Viel mehr bietet „Zukunftsfähiges Wirtschaften“ einen Überblick – von Grundtheorien der Wirtschaft, der Umweltbeeinflussung- und Zerstörung durch Menschen, bis hin zu Gesellschafts- und Weltordnungen.
Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an office@pfz.at.