Wie feministisch sind die „Nachhaltigkeitsziele“? (I)

Warum aus feministischer Perspektive gängige Lösungsansätze das Problem verursachen und auch die Sustainable Development Goals (SDGs) nur unzureichend zu Geschlechtergerechtigkeit beitragen, analysiert Eva Lachkovics (WIDE) in diesem ersten Teil ihrer Artikelserie.Keine Frage, dass die UN Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals – SDGs), die am 1. Jänner 2016 mit einer Laufzeit von 15 Jahren (bis 2030) in Kraft getreten sind, ein Fortschritt im Vergleich zu den Millennium Development Goals (MDGs) sind – auch aus Frauensicht. In Hinblick auf Transparenz, Partizipation, Gendergerechtigkeit, Antidiskriminierung hat sich etwas getan. 500 Frauenrechts-NGOs (‚Women Major Group’) waren in die Entwicklung der Ziele eingebunden, wenn sie auch nicht in allen Punkten einig waren. Systemische Einkommensungleichheit zwischen globalem Norden und Süden wurde anerkannt und die Industriestaaten für den ungleichen Zugang zu Ressourcen verantwortlich gemacht. Die Verbindlichkeit der Ziele, ein Angelpunkt für die Ergebnisse, lässt jedoch zu wünschen übrig.

Ziel Nr. 5: „Geschlechter-Gleichheit“.

Erfreulich ist das Ziel Nr. 5: „Geschlechter-Gleichheit“ für alle Frauen und Mädchen. Hier werden Maßnahmen der Regierungen gegen Diskriminierung von Frauen und Mädchen, Gewalt an Frauen, Kinderheirat und weibliche Genitalverstümmelung gefordert. Frauen sollen vermehrt in die politischen Entscheidungen eingebunden werden. Sie sollen überall Zugang zu sexuellen und reproduktiven Gesundheitsdiensten bekommen, ebenso wie gleichen Zugang zu gut bezahlten Jobs. Die unbezahlte Arbeit von Frauen in Bereichen wie Haushalt, Kinderbetreuung, Pflege (kurz: ihre Sorge-Arbeit – sie leisten 2,5-mal so viel davon wie Männer) soll die Anerkennung und Wertschätzung erhalten, die der Wichtigkeit dieser Arbeit für die gesamte Gesellschaft entspricht.

Die in den SDGs formulierten Indikatoren für die Bewertung der Sorge-Arbeit sind allerdings unzureichend, ebenso wie die vorgeschlagenen Maßnahmen zur Umverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Notwendige Investitionen dafür werden ignoriert.

Gängige „Lösungsansätze“ verursachen das Problem.

All diese Forderungen sind jedoch längst überfällig. Denn Frauen und Mädchen sind von den ökonomischen, ökologischen und sozialen Krisen besonders negativ betroffen. Die vom aktuellen Wirtschaftssystem propagierten Lösungsansätze wie Austeritätspolitik, Privatisierung und Freihandel führen immer wieder zu Verletzungen der Menschenrechte von Frauen. Sie sind verantwortlich für einen Großteil der landwirtschaftlichen Arbeit, und Nahrungsproduktion, besitzen aber nur ganz wenig Land und sind überdimensional von Hunger betroffen. Bodenverschlechterung durch industrielle Landwirtschaft und Bergbau und damit verbundener Landraub (land grabbing) führen zum weiteren Existenzverlust für Frauen. Das Unterziel „gleichen Zugangs zu Land“, das diesen Bedingungen entgegen wirken soll, ist jedoch bedeutungslos, da es nur im Rahmen bestehender Gesetze umgesetzt werden soll.

Neue Grundsätze erfordern neue Gesetze – mit feministischer Perspektive.

Aber nur durch Gesetzesänderungen kann die Situation von Frauen und Mädchen nennenswert verbessert und das Ziel Nr. 5, sowie frauenspezifische Unterziele, erreicht werden. Frauenpolitische Unterziele sind auch in anderen SDGs formuliert: Nr. 1: Armut, Nr. 2 Hunger, Nr. 3 Gesundheit, Nr. 4 Bildung, Nr. 6 Wasser und Sanitäreinrichtungen, Nr. 10 Ungleichheit zwischen den Ländern, Nr. 17 Gerechte, friedvolle und inklusive Gesellschaften. Aber in anderen wichtigen Zielen fehlt die Einbeziehung von Frauen wie zum Beispiel bei Nr. 7 Saubere Energie, Nr. 8 Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum, Nr. 9 Industrie, Innovation, Infrastruktur, Nr. 11 Nachhaltige Städte und Gemeinden, Nr. 12 Nachhaltiger Konsum und Produktion, Nr. 13 Maßnahmen zum Klimaschutz, Nr. 15 Leben am Land, Nr. 16 Frieden, Gerechtigkeit, starke Institutionen. In all diesen Bereichen sind Wissen, Erfahrung, Lebensrealität und Einfluss von Frauen unentbehrlich für das Erreichen der Ziele.

Global-ökonomische Strukturen hinterfragen.

Die gesamte Agenda stellt leider die globalen ökonomischen Strukturen, die für Armut und Ausbeutung von Frauen verantwortlich sind, kaum in Frage, ebenso wenig das Dogma des Wirtschaftswachstums, dem sogar ein eigenes Ziel gewidmet ist. Handels- und Investitions-Liberalisierung sollen weiter vorangetrieben werden, obwohl bereits deutlich wurde, dass diesbezügliche Abkommen zwischen Staaten ungleicher Wirtschaftskraft zu ausbeuterischen Jobs für Frauen (schlecht bezahlt, schlechte Arbeitsbedingungen, keine Interessenvertretung) im Export-Sektor führen. Die kleinen und mittleren Betriebe von Frauen – wichtige Jobs für Frauen vor allem im globalen Süden – können nicht mit billigen Importen konkurrieren. Frauen bekommen nur schwer Zugang zu Krediten oder technischem und unternehmerischem Training. Eine Anpassung ihrer Betriebe an die Konkurrenz ist ihnen daher nicht möglich, ganz abgesehen von ihrer Mehrfachbelastung.

 

Zu welchen Schlüssen gelangt man, wenn man die globalen Strukturen hinterfragt? Welche Handlungsfelder gibt es, um Geschlechtergerechtigkeit auf Basis dieser Analyse anzustreben? Lesen Sie mehr im Teil 2 des Artikels von Eva Lachkovics:

Wie feministisch sind die „Nachhaltigkeitsziele“? (II)

 

Die Autorin ist Vorstandsmitglied von WIDE und den Grünen Bäuerinnen und Bauern sowie Referentin der Grünen Frauen Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weiterführende Links:

– WIDE: http://www.wide-netzwerk.at/

– Weitere Artikel die sich mit den SDGs auseindersetzen:


 

Veröffentlicht in Sozial-ökologische Transformationen, Genderungerechtigkeit, Themen.