In Teil III wird deutlich: Das „Funktionieren“ des aktuellen Weltsystems hängt von der Aufrechterhaltung der Geschlechterrollen ab. Und selbst vermeintlich progressive Agenden wie die SDGs oder die „neutrale“ Wissenschaft reproduzieren top-down-Strukturen. Daraus folgt: Transformation erfordert Umverteilung von Macht.
Frauenpolitische Rückschritte.
Vielleicht spiegelte die aus Bangkok angereiste Anwältin Tessa Khan (Umweltanwältin, Bangkok) dies aber durchaus wider, die in ihrem Beitrag zur feministischen Dimension der Transformationsdebatte ebenfalls die SDGs im Prinzip ignorierte – und dies, obwohl sie an den Verhandlungen beteiligt war. Sie sieht in den SDGs weiterhin eine, von DiplomatInnen entwickelte, top-down-Agenda, der jegliches ownership der Graswurzel-Ebene fehle. Sie forderte als Rechtsanwältin, die mit den sozial ungleichen Folgen des Klimawandels befasst ist, eine radikale Umverteilung von Macht. Denn aufgrund der Geschlechterungleichheit seien Frauen, v.a. im ländlichen Gebieten, ungleich mehr vom Klimawandel betroffen als Männer. Das Funktionieren des aktuellen Weltsystems hänge ganz wesentlich von der Perpetuierung dieser Geschlechterungleichheit ab. Ohne die meist unbezahlt bleibende Care-Arbeit vieler Frauen würde das System schnell kollabieren. De facto haben Weltwirtschaftskrise wie auch Klimakrise zu einer Verstärkung der Geschlechter-Stereotypen geführt – in dem Sinn, dass Frauen noch stärker als ohnehin bereits in den Bereich der Care-Ökonomie abgedrängt werden. Wer wirklich eine sozial-ökologische Transformation wolle, müssen Frauen die Kontrolle über Entscheidungsstrukturen geben. Die auf ihre key-note folgende Podiumsdiskussion mit Bea Rodrigez Labajos aus Barcelona und Ulli Gelbmann aus Graz vertiefte den Einblick in die Widersprüche des Systems.
Geschlechterrollen und kapitalistische Expansion.
Mit dem von Brand und Novy angeführten Theoretiker Karl Polanyi kann argumentiert werden, dass Frauen vom Kapitalismus als ein Feld betrachtet werden, auf dem die weitere Expansion des Systems betrieben werden kann – entweder durch Produktivmachung und insofern Einbezug ins monetäre ökonomische System, oder aber durch die Nutzung von Frauen als günstige Ressource für Care-Arbeit, was die Expansion anderer, formell-ökonomischer Sektoren erst im gewünschten Ausmaß möglich mache. Im Forum 4 zu „Extraktivismus und Care-Arbeit“ hat die Südafrikanerin Donna Andrews genau dies noch weiter ausgeführt und mit konkreten Erfahrungen ihrer Arbeit in Südafrika ergänzt.
Insofern wurden auch in diesem, frauenpolitisch orientierten panel, wichtige Beiträge zu Schritt 1 des Tagungskonzeptes geleistet, also weitere Analysen, die die Debatte um die gender-Dimension erweiterten und vertieften. Hierbei konnte durchaus gezeigt werden, dass sich die Grenzen zwischen Nord und Süd stark verändert haben, da sich die globalen Interdependenzen deutlich intensiviert haben. Gerade in vermeintlich „zurückgebliebenen“ Regionen der Erde erfahren Frauen sehr konkret die Folgen transnationaler sozial-ökologischer Transformationen, dies aber nur selten in positiver Hinsicht. Hier lässt sich eine „Entwicklung der Unterentwicklung“ im Sinne A.G. Franks beobachten, eine Peripherisierung ganzer Regionen, sozialer Gruppen und Verdrängung von Frauen in stereotype Geschlechterrollen.
Für ein neues Narrativ und eine neue Forschung.
Welche Rolle kommt in diesen vergeschlechtlichen Transformationsprozessen den Wissenschaften zu? Die Entwicklungstagung versteht sich als ein Ort des Dialoges zwischen Wissenschaft und sogenannter Praxis, zwischen der Welt der Unis und der NGOs bzw. generell der Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit und der Entwicklungspolitik. Die Notwendigkeit, die Grenzen zwischen diesen Bereichen zu weiten und schließlich auch zu überwinden, stand im Zentrum der key-note von Ulli Vilsmaier von der Leuphana-Universität in Lüneburg. Ihre Kernthese war, dass die anstehende sozial-ökologische Transformation eine transformierte Forschung benötige. Forschung sollte nicht schlicht neue Erkenntnisse verfolgen, sondern die gesellschaftliche Transformation anstreben. Forschung sollte insofern selbst zur transformativen Praxis werden. Hier präsentierte Vilsmaier gewissermaßen eine roadmap für den Umbau des Wissenschaftsbetriebes im Hinblick auf Gesellschaftsgestaltung: Wissensproduktion heute solle nicht nur „robust“ im Sinne der konventionellen wissenschaftlichen Kriterien sein, sondern auch in sozialer und kultureller Hinsicht.
Die angestrebte große Transformation, ein positiver Gegenentwurf zu Polanyis pessimistischer Analyse der „Großen Transformation“ bei der Durchsetzung des Kapitalismus, benötige ein neues Narrativ. Es gelte, und hier spielte Vilsmaier auf Freire an, die „Welt lesen zu lernen und sich in ihr einzuschreiben“. Hier geht es um eine Öffnung des Forschungsbegriffes auf durchaus radikale Weise – wie es Felix Guattari mit seiner Formel des „allgemeinen Rechts der Menschen auf Forschen“ bereits auf den Punkt gebracht hatte.
Das Echo dazu kam sogleich im Beitrag der südafrikanischen Forscherin und Aktivistin Donna Andrews, die zunächst die ungeheure Kraft der Ideen ansprach. Aus ihrer Sicht sei eine radikale Transformation ohne Kritik von Sexismus und Rassismus undenkbar. Im Kern gehe es aber auch um die binäre Beziehung zwischen Menschen und nicht-Menschlichem, wie sie ein Teil der feministischen Theorie kritisiert. Die akademische Forschung heute verberge kaum ihren neoliberalen Charakter. Sie sei eine entbettete Wissenschaft – auch hier wieder eine Korrespondenz zu Polanyi, der die Entbettung der Ökonomie aus ihren sozialen Bezügen kritisierte. Die Verwobenheit von Forschung, Universitäten und profitorientierten Konzerne sei nicht zu übersehen, und dies strukturiere auch die binäre Ordnung, mit der Wissenschaft die Welt zu erfassen suche.
Das Wissen der Graswurzelwissenschaft.
Einer transformativen Forschung könne es hingegen nicht um die Ergebnisse gehen, sondern um das konkrete Tun, das Handeln. Es gehe weniger um die richtigen Antworten, als darum, die richtigen Fragen zu stellen. Wir Menschen seien zutiefst mit allem Leben verbunden und verwoben; die epistemische Trennung müsse insofern aufgehoben und überwunden werden. „I am nature, we are nature“, brachte dies Donna Andrews auf den Punkt. Soziale Basisbewegungen seien es, die diese Verbundenheit und Verwobenheit aufzeigten, damit eine andere, alternative Art des Wissens praktizierten. Diese Forschung von unten richte sich gegen die entfremdenden Konzepte der westlichen Wissenschaft. Hier werde eine Forschung praktiziert, die mit den Menschen gehe, nicht vor ihnen.
Diese beiden Plädoyers für ein neues Narrativ, auch ein neues wissenschaftliches Narrativ können durchaus als eine Antwort auf die Frage nach den roadmaps für die sozial-ökologische Transformation verstanden werden – freilich in einem ganz anderen Sinn als erwartet. Es geht hier um den Kampf um das Wissen, um die Wissensformen, insofern um das Seinsverständnis der Menschen und der Menschheit. Das neue Narrativ müsste, soweit wurde bei aller Offenheit klar, jenseits der SGDs liegen.
Aus welchen Quellen sich eine neues Narrativ nähren und von welchen AkteurInnen es getragen werden könnte, ist schließlich Thema von Teil IV der Synthese. Hier geht’s zu Teil IV.
Der Autor ist Direktor des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
– Zur Seite der Entwicklungstagung: www.entwicklungstagung.at
– Zu weiteren Artikeln über die Tagung: https://www.pfz.at/list193.htm
Fotos: Fabian Franta © Paulo Freire Zentrum