Reflexionen zu Kristina Lunz‘ „Empathie und Widerstand“: Denkanstöße aus Paulo Freires Pädagogik der Unterdrückten.

Können jene Menschen, die von Ungerechtigkeit profitieren, bei deren Überwindung nützlich sein? Oder verhindern sie am Ende echte Befreiung? Das im Oktober 2024 erschiene Buch Empathie und Widerstand von Kristina Lunz setzt sich intensiv mit den Themen Feminismus, Solidarität und gesellschaftlicher Wandel auseinander. Mit einer Mischung aus persönlicher Reflexion, politischer Analyse und moralischer Argumentation bietet die Autorin eine nachdenkliche Perspektive auf die Rolle von Empathie und Solidarität im Kampf für Gerechtigkeit. Ein besonders aufschlussreicher Abschnitt des Buches ist die Reflexion über die Kritik an Benjamin von Stuckrad-Barre[1] und dem breiteren Kontext der Einbindung von Männern*[2] in feministische Bewegungen. Ihre Thesen werfen dabei ein Spannungsverhältnis auf, das sich mit Paulo Freires Verständnis von Unterdrückung und Befreiung kontrastreich diskutieren lässt.

Engagement und Inklusion.

Kristina Lunz betont im Kapitel zu „Widerstand“, dass gesellschaftlicher Wandel nicht allein durch die Betroffenen von Ungerechtigkeit herbeigeführt werden kann und sollte. Ihr zentrales Argument, dass der Kampf für Gerechtigkeit auch jene einbeziehen muss, die nicht direkt benachteiligt sind, richtet sich gegen eine übermäßig exklusive Form der politischen Praxis. Lunz schreibt: „Wenn der Kampf für Gerechtigkeit immer nur von denen geführt wird und geführt werden darf, die selbst von Unrecht betroffen sind, dann wird es sehr schwierig, einen dauerhaften gesellschaftlichen Wandel durchzusetzen.“ (S. 74)

Dieser Gedanke erfüllt sie mit Besorgnis: Radikale Exklusivität in sozialen Bewegungen könnte kontraproduktiv wirken, da sie potenzielle Verbündete abschreckt und notwendige Solidarität untergräbt. Insbesondere im Kontext feministischer Kämpfe – ein Bereich, den sie aus eigenem Engagement kennt – könnten Männer* den Eindruck gewinnen, ihr Einsatz für Gleichberechtigung sei unerwünscht. Ihre Perspektive ist deshalb pragmatisch: Um nachhaltige Veränderungen zu bewirken, braucht es ein breites Bündnis, das über die Grenzen direkter Betroffenheit hinausgeht.

Paulo Freires Befreiungspädagogik: Befreiung aus den eigenen Reihen.

Demgegenüber steht das Verhältnis von Unterdrückung und Befreiung bei Paulo Freire: Er betont, dass wahre Befreiung nur aus den Reihen der Unterdrückten selbst kommen kann und sieht die Unterdrückten als aktive Gestalter*innen ihres eigenen Befreiungsprozesses. Damit vertritt Freire die Auffassung, dass diese Befreiung der Unterdrückten ein Akt der Selbstbefreiung und der vollständigen Humanisierung sei, die den Unterdrückten vorenthalten wurde. Wenn privilegierte Gruppen versuchen, die Führung in Befreiungsbewegungen zu übernehmen, kann dies paternalistische Strukturen[3] verfestigen.

Der Konflikt: Inklusion versus Selbstbestimmung.

Hier zeigt sich eine Divergenz zwischen Lunz und Freire: Während Lunz auf eine inklusive Praxis drängt, die auch privilegierte Verbündete aktiv einbezieht, bleibt Freire skeptisch gegenüber der Rolle solcher Allianzen. Die Sorge von Lunz, dass der Ausschluss nicht direkt Betroffener den Wandel behindern könnte, steht Freires Überzeugung gegenüber, dass ‚echte‘ Transformation nur dann stattfinden kann, wenn sie von den Unterdrückten selbst ausgeht. Für Freire ist dies nicht nur eine Frage der Effektivität, sondern auch eine der Authentizität: Nur die Unterdrückten verstehen die Tiefe ihrer Unterdrückung und können ihre Befreiung sinnvoll gestalten.

Lunz sieht eine Gefahr in der Isolation und Fragmentierung sozialer Bewegungen. Wenn nur diejenigen aktiv werden dürfen, die unmittelbar betroffen sind, könnten strukturelle Veränderungen sich festfahren. Ihre Position basiert auf einer realistischen Einschätzung der Machtverhältnisse: In einer patriarchalen Welt haben Männer oft Zugang zu Ressourcen, Netzwerken und Plattformen, die feministische Anliegen voranbringen könnten. Indem sie diese Ressourcen für emanzipatorische Kämpfe zur Verfügung stellen, können sie als Verbündete agieren, ohne den Raum der Betroffenen zu dominieren.

Ein differenzierter Blick.

Die Spannung zwischen diesen Positionen lädt zu einer differenzierten Auseinandersetzung ein. Aus freireanischer Sicht könnte Lunz vorgeworfen werden, dass ihre Position riskant ist, da sie potenziell die Autonomie der Unterdrückten untergräbt. Dies wäre ein direkter Widerspruch zu Freires Ziel, die Selbstbestimmung der Unterdrückten zu fördern.

Auf der anderen Seite liefert Lunz eine wichtige Ergänzung zu Freires Theorie: Während Freire in erster Linie auf den Prozess der Bewusstwerdung und Selbstermächtigung setzt, verweist Lunz auf die pragmatischen Zwänge moderner Gesellschaften. Solidarität, argumentiert sie, ist nicht optional, sondern eine Notwendigkeit. Dabei betont sie die Rolle von Empathie als verbindendes Element, das die Kluft zwischen Betroffenen und Nicht-Betroffenen überbrücken kann. Anlehnung nimmt sie dafür an der irischen Aktivistin Alibhe Smyth[4], die festhält, dass es bei einer Kampagnenstrategie entscheidend sei, eine Verbindung zu den Menschen herzustellen, deren Einstellung man ändern wolle (S. 122).

Ein Zusammendenken der beiden Positionen von Lunz und Freire könnte in der Vorstellung resultieren, dass privilegierte Verbündete sich zwar solidarisch engagieren, dabei jedoch darauf achten, dass sie die Autonomie der Unterdrückten nicht gefährden. Dies erfordert ein hohes Maß an Reflexion und Demut, wie es auch Lunz in ihrem Buch beschreibt. Sie plädiert nicht für eine dominante Rolle privilegierter Gruppen, sondern für eine unterstützende – eine Haltung, die durchaus mit Freires Forderung nach Solidarität als einem Akt der Liebe vereinbar ist. Denn im Kampf um ihre Befreiung müssen die Unterdrückten ihr eigenes Vorbild sein, ist Freire überzeugt.

Eine notwendige Debatte.

Das neue Buch von Kristina Lunz liefert einen sehr persönlichen Beitrag zur Diskussion über die Dynamik sozialer Bewegungen und die Rolle von Privilegierten in Kämpfen für Gerechtigkeit. Der Dialog zwischen den beiden Perspektiven offenbart keine einfache Lösung, sondern vielmehr die Notwendigkeit, ständig nach einer Balance zwischen Inklusion und Selbstbestimmung zu suchen. Was bedeutet es also am Ende, wenn sowohl die Fähigkeiten und Ressourcen der Unterdrückten selbst, als auch die Unterstützung von Privilegierten im Kampf für gesellschaftlichen Wandel wichtig sind – und wie kann dieses Gleichgewicht in einer fairen und offenen Bewegung umgesetzt werden?

Kristina Lunz erinnert die Lesenden daran, dass gesellschaftlicher Wandel auf Solidarität und Empathie angewiesen ist, während Paulo Freire danach strebte, dass die Unterdrückten zu Subjekten ihrer eigenen Geschichte werden. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung und gemeinsam könnten sie eine effektive Grundlage für nachhaltige Veränderung bieten. Wie wäre es also, wenn wir Solidarität und Empathie als Werkzeuge verstehen, um Räume zu schaffen, in denen Unterdrückte ihre eigene Stimme erheben und ihre Befreiung gestalten können? Vielleicht liegt der Schlüssel in einer Praxis, die Empathie als Brücke und Autonomie als Ziel sieht. Doch wie können wir sicherstellen, dass diese Balance in der Realität nicht zugunsten von paternalistischen Strukturen kippt? Was bedeutet das für unser eigenes Handeln in den Kämpfen für eine gerechtere Welt?

 

[1] Die Kritik an Benjamin von Stuckrad-Barre richtet sich einerseits darauf, dass er als Mann für die Offenlegung eines Machtmissbrauchsskandals gefeiert wurde, während betroffene Frauen oft weniger Beachtung finden, und andererseits darauf, dass er jahrelang von seiner Nähe zu Axel Springer und Mathias Döpfner profitierte, bevor er sich öffentlich dagegen wandte.

[2] Unter „Mann“ versteht die Kristina Lunz eine männlich sozialisierte Person, die in patriarchalen Strukturen oft privilegiert ist.

[3] Paternalistische Strukturen bei Paulo Freire bezeichnen hierarchische Systeme, die durch Kontrolle und Abhängigkeit kritisches Denken und Autonomie unterdrücken, was er durch dialogische, emanzipatorische Pädagogik in seinen Überlegungen zu überwinden versucht.

[4] Ailbhe Smyth ist eine irische Akademikerin, Feministin und LGBTQ-Aktivistin. Sie war Mitbegründerin und Direktorin des Women’s Education, Resource and Research Centre (WERRC) am University College Dublin. Smyth engagierte sich maßgeblich in der Bewegung zur Legalisierung von Abtreibungen in Irland und war Co-Direktorin der „Together for Yes“-Kampagne, die erfolgreich für die Aufhebung des achten Verfassungszusatzes (und damit für die Legalisierung von Abtreibungen) eintrat.

 

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Bibliographische Informationen:
Kristina Lunz (2024). Empathie und Widerstand. Berlin, Deutschland: Ullstein Verlag.
Zum Buch auf der Website der C3-Bibliothek.

Veröffentlicht in Paulo Freire, Buchrezensionen, Gutes Leben für Alle, Genderungerechtigkeit.