Geschlechtsspezifische Unterschiede sind bisher in internationalen Klimadebatten nur am Rande berücksichtigt worden. In der von CARE Österreich und dem Klimabündnis organisierten Veranstaltung diskutierten ExpertInnen über Klimawandel und Klimapolitik aus einer weiblichen Perspektive.
Frauen sind unterschiedlich von Auswirkungen des Klimawandels betroffen und tragen anders als Männer zu Klimawandel bei. Obwohl viele Frauen diese Realität täglich erleben, hat sich ihre Perspektive in internationalen Klimadebatten bisher kaum durchgesetzt.
Wie müssen geschlechtergerechte Strategien zur Anpassung an den Klimawandel aussehen? Welche Maßnahmen würde eine von Frauen und Männern gleichermaßen gestaltete Politik der Emissionsreduktion umfassen? Die im Vorfeld zur Weltklimakonferenz in Cancun im Dezember 2010 organisierte Veranstaltung gab Raum zur Debatte aktueller frauenspezifischer Herausforderungen in der internationalen Klimapolitik.

Klimaschutz ist nicht geschlechtsneutral, stellte Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek in ihrer Begrüßung bei der Veranstaltung am 18. November im Haus der Europäischen Union fest. Da Frauen in vielen Ländern die Hauptverantwortung für die Versorgung der Familie tragen und umweltbewusster denken, müsse Klimapolitik da eine Veränderung des Lebensstils angestrebt wird Hand in Hand mit Gleichstellungspolitik gehen.
Auch weil Frauen in höherem Ausmaß von Klimaveränderungen betroffen seien, müssten sie als Expertinnen in internationalen Klimaverhandlungen viel stärker vertreten sein, forderte Heinisch-Hosek. Robert Thaler, Leiter der Abteilung Mobilität im Lebensministerium, unterstrich ebenfalls geschlechtsspezifische Rollen, sowohl in der Verursachung des Klimawandels als auch im Hinblick auf Lösungsansätze: So würden Männer im Durchschnitt mehr Emissionen verursachen, da sie längere Strecken in größeren Autos zurücklegten, während Frauen eher zu Lebensstiländerungen bereit wären, ganz im Gegensatz zu den technologieorientierten Lösungsansätzen, zu denen Männer tendieren.
Anpassen oder System wechseln?
Über Erfahrungen von Frauen in der Anpassung an den Klimawandel berichtete Seema Gaikwad von CARE Bangladesh. Durch seine geographische Nähe zum Himalaya, die ebene Landschaft und den breiten Küstenstreifen sei Bangladesh besonders stark von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen, so Gaikwad. Die schwierigen klimatischen Bedingungen, denen Bangladesh bereits jetzt ausgesetzt ist, werden sich voraussichtlich zukünftig deutlich verschlechtern:
Ein Anstieg des Sommermonsuns und Gletscherschmelze im Himalaya werden zum Anschwellen der Flüsse in der gesamten Region führen und weitere Überflutungen mit sich bringen; durch den Anstieg des Meeresspiegels wird sich die Küstenlinie um ca. 10 Prozent ins Landesinnere verschieben und zu einem Verlust von rund 18 % der gesamten Landesfläche führen; Trockenheit im Winter und ein prognostizierter Temperaturanstieg werden die Landwirtschaft stark beeinträchtigen.
Klimaveränderungen bestimmen den Alltag in Bangladesh bereits heute dramatisch was dazu führte, dass Bangladesh als erstes Land weltweit über einen nationalen Aktionsplan zur Klimawandelanpassung verfügt. Damit dieser auch für Frauen wirksam ist, müsse es jedoch mehr Information über die spezifischen Auswirkungen auf die Armutssituation von Frauen geben, erklärte Gaikwad.
Von schwimmenden Plattformen und Genderblindheit
CARE versucht durch Anpassungsprojekte auf die Herausforderungen zu reagieren: In überschwemmten Gebieten wird auf schwimmenden Plattformen Gemüse angebaut, statt Hühnern werden Enten gezüchtet und die Wohnflächen der Häuser werden um mehrere Meter angehoben. Aber wie lange sollen sich die Menschen in Bangladesh noch anpassen, wie viele Meter müssen sie ihre Häuser weiter anheben, fragte Gaikwad. Sie forderte als einzige Möglichkeit, um die Auswirkungen des Klimawandels einzudämmen, konsequente Emissionsverringerung weltweit ein, wobei die EU beim kommenden Klimagipfel mit einem klaren Bekenntnis zu radikalen Emissionsverringerungszielen vorangehen sollte.
Klima- und Genderexpertin Ulrike Röhr ist in einem internationalen Netzwerk von Frauenorganisationen tätig, das schon lange die Berücksichtigung von Gender in der Klimapolitik einfordert. Die Gender-Dimension in der Klimapolitik ortete Röhr vor allem in der fehlenden Teilhabe von Frauen an gesellschaftspolitischen Entscheidungsprozessen, ihrem fehlenden Zugang zu Ressourcen sowie Rollen- zuweisungen und unterschiedlichen Verantwortlichkeiten.
Auch sie unterstrich die Grenzen von Anpassung und betonte, dass für Länder des Südens eine kohlenstoffarme Entwicklung oberstes Ziel sein sollte. Der Klimapolitik im Norden warf Röhr weitgehende Genderblindheit vor sowohl im Sinne der unterschiedlichen Auswirkungen auf Frauen als auch der Wahrnehmung von klimarelevantem Verhalten. Röhr zitierte den Stern-Report, in dem Klimawandel als das größte Marktversagen der Geschichte bezeichnet wird. Eine nachhaltige Klimapolitik, so Röhr, müsse mutige und grundlegende Fragen, etwa wie wir leben wollen und wer plant, stellen. Seema Gaikwad wies in diesem Zusammenhang auf das Beispiel Bhutans hin: Dort wird erfolgreiche Politik nicht am Wirtschaftwachstum, sondern am Grad der Zufriedenheit der Bevölkerung gemessen.
Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.
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