Was kann getan werden, um tradierte Rollenbilder aufzubrechen? Woran liegt es, dass die Umsetzung des SDG Ziels Nummer5 – Geschlechtergleichheit zu scheitern droht? Diesen Fragen widmete sich der sechste Global Inequality Talk am 27. Oktober 2021. Moderator Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum) leitete die Diskussion mit Henrike Brandstötter und Claudia Thallmeyer.
Henrike Brandstötter ist Nationalratsabgeordnete und entwicklungspolitische Sprecherin der NEOS für Gendergerechtigkeit im österreichischen Parlament. Claudia Thallmeyer arbeitet beim Entwicklungspolitischen Netzwerk für Frauenrechte und feministische Perspektiven WIDE zum Thema Nachhaltige Entwicklung und Frauenrechte.
SDG 5 – Mehr als ein Impuls?
„Es fehlt aus guten Gründen die Hoffnung, das Sustainable Development Goal (SDG, dt.: Nachhaltiges Entwicklungsziel) Nummer Fünf zu erreichen“, antwortet Henrike Brandstötter auf die erste Frage des Webinars. Moderator Gerald Faschingeder wollte sowohl von den Teilnehmenden als auch den Diskutantinnen wissen, obdiese die Durchsetzung von Geschlechtergleichheit im Rahmen des SDGs 5 als realistisch bewerten. Auch Claudia Thallmayer sieht die Umsetzung der Vorgaben nicht als gegeben an, mangle es doch an fehlenden internationalen Rahmenbedingungen. Zwar einigten sie sich darauf, dass die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen einen wichtigen globalen Impuls darstellen würden, im österreichischen Parlament sei davon aber erst jüngst etwas zu spüren, so Brandstötter.
Ohne Verantwortung keine Veränderung.
„Die SDGs gibt es bereits seit 2015, und doch fühlte sich bis zuletzt im Parlament kaum jemand dafür zuständig, darin enthaltene Ziele und Maßnahmen umzusetzen“, sagt Brandstötter. Ein Widerspruch in sich, denn für eine effektive Umsetzung brauche es Gesetze, die im Parlament selbst verabschiedet werden, fordert Brandstötter. Durch die Folgen der Corona-Pandemie wurde das Ziel global noch weiter zurückgeworfen, sowohl auf wirtschaftlicher als auch sozialer Seite. Thallmayer bewertet diese aktuellen Entwicklungen, wie UN-Women und andere Agenturen der Vereinten Nationen, als einen „enormen Backlash“ (dt.: Rückschlag). Von fehlender öffentlicher Unterstützung über die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Lockdown-Maßnahmen bis hin zu Kindern, die vor geschlossenen Schulen stehen – gerade Frauen, Mädchen und weitere benachteiligte Gruppen träfen diese Bedingungen in vielen Ländern stark. Thallmayer berichtet von zahlreichen ungewollten Schwangerschaften und fehlendem Zugang zu Familienplanungsprogrammen. So seien Mädchen oder Frauen nicht mehr finanziell abgesichert, wenn sie durch die Covid-19-Pandemie ihren Arbeitsplatz verlieren.
Tradierte Rollenbilder aufbrechen.
„Frauen verbringen dreimal mehr Zeit mit Care-Arbeit als Männer“ gibt Gerald Faschingeder zu bedenken und stellt eine Frage in den virtuellen Raum: „Was kann getan werden, um tradierte Rollenbilder aufzubrechen?“ Gerade durch die Folgen der Lockdown-Maßnahmen haben sich diese Rollen weiter verfestigt – vor allem im Privaten. „Frauen, die auf die Kinder während des Home-Schooling aufpassen, Influencerinnen, die Häkeln und Stricken als Teil der Haushaltstätigkeit ansehen – und nicht als Business“: Für Henrike Brandstötter bringen diese Rollenbilder Verluste für die Emanzipation mit sich, rauben (Karriere-)Chancen und können in der Konsequenz zu Altersarmut führen. Dies zeigt sich schon jetzt: Frauen sind häufiger von Altersarmut betroffen, weil sie in ihren Berufen weniger verdienen, und gerade im Verborgenen viel unbezahlt oder unterbezahlt arbeiten. Gemäß Thallmayer muss Gleichberechtigung strukturell ermöglicht werden, um den Stellenwert gesellschaftlicher Arbeit aus dem Verborgenen ins Öffentliche zu holen. Wie aber kann das gelingen? Thallmayer spricht sich für eine Arbeitszeitverkürzung aus und sieht die Verantwortung speziell bei den Männern, sich mehr im Haushalt einzubringen. Für den Globalen Süden bedeute das, öffentliche Strukturen besser auszubauen und Projektfinanzierungen in diesen Ländern nicht zu kürzen, sondern zu verstärken. Da nicht zuletzt die neoliberale Politik des Globalen Nordens die betroffenen Staaten geschwächt habe, indem beispielsweise Zölle wegfielen, verortet Thallmayer die Verantwortung bei den Industrieländern. Diese sollen ärmere Staaten beim Aufbau eines Sozialsytems unterstützen oder dabei helfen, den Zugang zu sozialer Sicherung für alle voranzutreiben.
Kinder als Ursache des Gender Pay Gap
(dt.: Geschlechtsspezifisches Lohngefälle).
Der Gender Pay Gap ist zwar gesunken – aber er ist immer noch da, kritisiert Brandstötter. Vor allem aber sei problematisch, dass Frauen allein durch die Geburt ihrer Kinder benachteiligt würden, indem sie im Vergleich zu kinderlosen Frauen weniger verdienen. Heißt das in der Konsequenz, dass Kinder zum Gender Pay Gap führen? Und spiegelt diese Behandlung nicht eine „extrem verknöcherte Rollenbildung“ wider, wie Brandstötter diese nennt? Für die NEOS-Abgeordnete müssen Rollenbilder schon ganz früh aufgebrochen werden. Dazu zählt auch, dass Männer Väterkarenz nehmen, das Geld aufgeteilt wird und die Arbeitszeitreduktion von beiden Elternteilen in Anspruch genommen werden sollte. Außerdem sollten auch Mädchen in den MINT-Fächern (Zusammenfassende Bezeichnung für die Bereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) gefördert werden, sowohl in Österreich als auch in der Internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Thallmayer kritisiert die bescheidenen bilateralen finanziellen Mittel als zu gering und verweist auf internationale Organisationen, die gerade im Bereich der Frauenförderung viel getan haben. Die ADA (Austrian Development Agency, dt.: Österreichische Entwicklungsagentur) sollte bei sich selbst anfangen, etwas zu ändern, so Brandstötter. Dass in der ADA die Geschäftsführung zu 100 Prozent männlich sei, sieht sie als Versagen und fordert, „wenn die ADA ernst genommen werden möchte, dann ist ein eigener Reflexionsprozess notwendig“.
„Frau sein ist kein Konzept.“
„Frauen sind politisch“, betont Brandstötter und appelliert an Frauen, sich politisch zu engagieren und dort einzubringen, wo Entscheidungen getroffen werden. Ihr ist die Politik zu männlich und sie sieht es als Aufgabe, dass politische Berufe das tradierte Rollenbild überwinden. Auch für Frauen und Menschen mit nicht-binärer Geschlechtsidentität soll die Politik als attraktives Betätigungsfeld gelten. Für Thallmayer ist es unumstritten, dass die sogenannte Frauenquote wichtig für relevante Führungspositionen sei. Für sie hat die Quote aber auch die Aufgabe, Diskriminierungen abzuschaffen. Frauen müssen wirklich gehört werden und zwar nicht nur im Rahmen von sogenannten „Purplewashing“-Strategien(dt.: „Purpur“ und „Waschen“). Beim Purplewashing wird kritisiert, dass viele Unternehmen nach außen eine genderfreundliche Position einnehmen, diese intern aber nicht umgesetzt wird. „Frau sein ist kein Konzept“, macht Brandstötter deutlich. Das Ziel sollte sein, mit Diversität zu besseren Entscheidungen zu kommen. Ihr ist es wichtig, dass die Quote dabei nicht als Patentrezept angesehen wird, um das Problem der mangelnden Frauenbeteiligung zu lösen. Frauen nicht nur als Repräsentationsfigur einzusetzen, sondern einen strukturellen Wandel voranzutreiben, das fordert Thallmayer auch stellvertretend für viele Frauenrechtsorganisationen.
Raus aus den Echokammern!
Wie können wir in unserem eigenen Bereich mehr Verständnis für Geschlechtergerechtigkeit schaffen? Dieser Frage hat sich Brandstötter persönlich angenommen. Sie möchte jedoch nicht nur mit Personen aus dem gleichen Kreis zustimmend diskutieren, sondern auch außerhalb ihrer Bubble (dt.: Blase) auf Verständnis stoßen – nur wie? Auf jeden Fall müssten die tradierten Geschlechterrollen aufgebrochen, neue Handlungsoptionen geschaffen und die Vorteile von Geschlechtergerechtigkeit aufgezeigt werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass dem ersten Schritt noch viele weitere folgen. Keine Frau gleicht der anderen und genau das sollte Anlass genug sein, das Bild der Frau zu dekonstruieren.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.