Kann man mit einem Theaterstück aus der frühen Neuzeit an aktuelle feministische Diskurse anschließen? Die Zeit, zu der Aphra Behn das Stück „Der Herrscher des Mondes“ verfasste, war durch die repressive Verschränkung von Patriarchat und Wissenschaft geprägt. Der wissenschaftliche Apparat wurde dabei zum Komplizen der Legitimationsbestrebungen männlicher Kontrolle über den weiblichen Körper. Die Autorin hat diese folgenschwere Verknüpfung schon in der Zeit ihrer Entstehung erkannt, und damit ein Werk geschaffen, das nun, 336 Jahre später, vom Theater der Unterdrückten (TdU) Wien zur deutschsprachigen Uraufführung gebracht wurde. Weil sich repressive Normen und Stereotype hartnäckig in der Gesellschaft verankert haben, wissenschaftliche Institutionen nach wie vor häufig durch männliche Gatekeeper blockiert werden und feministische Errungenschaften stets durch reaktionäre Gegenbewegungen („backlash“) gefährdet sind, hat Behns Kritik nicht an Schärfe verloren.
Das Theater der Unterdrückten (TdU) geht zurück auf den Regisseur und Theaterschaffenden Augusto Boal, welcher sich wiederum von den Ideen Paulo Freires inspirieren ließ. Ziel ist es, einen Raum zu schaffen, der Kunst und Selbsterfahrung auf der Bühne und im Publikum verbindet, um so gemeinsam nach Lösungen für politische und soziale Probleme zu suchen.
Das TdU Wien steht in dieser Tradition: Hier kommen Menschen zusammen, um als Künstler*innen gesellschaftliche Fragestellungen zu bearbeiten, kreative Formen der Auseinandersetzung zu finden und Lebensrealitäten zu gestalten und zu transformieren. Zuletzt geschah dies durch eine Inszenierung der Farce „Der Herrscher des Mondes“ von Aphra Behn durch die Theatergruppe Phehnix. Das Stück stammt aus dem 17. Jahrhundert und war nicht nur wegen der weiblichen Autorin seiner Zeit voraus. Behn schaffte es, zu einer Zeit in der – aufgrund patriarchaler Strukturen – kreative Berufe exklusiv von Männern ausgeübt wurden, als freie Schriftstellerin zu arbeiten und zu leben. In ihren Werken wendete sie sich gegen geltende gesellschaftliche Vorstellungen, und ihre Figuren wiedersetzten sich den Konventionen und Zwängen ihrer Zeit.
Die Intrige.
In einer Farce wird mit Absurdität und Unsinn gespielt. Die Szenen werden häufig überspitzt dargestellt und die Handlung entwickelt sich als eine Art unvorhersehbare Verkettung von Ereignissen. In der Inszenierung „Der Herrscher des Mondes“ ist der Ausgangspunkt dieser Kettenreaktion eine Intrige, welche rund um Doktor Baliardo gesponnen wird. Denn dieser meint, seine Tochter Elaria und seine Nichte Bellemante vor der Welt und deren Männern hüten zu müssen. Deshalb hält er die beiden unter ständiger Kontrolle in seinem Haus. Allerdings haben die jungen Frauen längst Verehrer gefunden zu, denen sie mithilfe des Dieners Skaramuz auch Kontakt halten können. Die Farce entfaltet sich nun, als ein Plan entsteht: Da Doktor Baliardo einer Heirat mit zwei gewöhnlichen Männern niemals zustimmen würde, wird ihm seine Leidenschaft zum Verhängnis gemacht. Der Doktor versteht sich nämlich als Mondwissenschaftler und ist fanatisch überzeugt davon, dass der Mond bewohnt wird. Deshalb versuchen die Verliebten mit der Hilfe der Diener*innenschaft Skaramuz, Harlekin und Gouvernante Mopsophil – und in zunehmend absurder Weise – dem Doktor glauben zu machen, dass der Herrscher des Mondes und der Fürst von Donnerland sich mit seiner Tochter und Nichte vermählen möchten. In seinem Größenwahn und seiner absoluten Überzeugtheit von sich selbst, die als Sinnbild für die Selbstwahrnehmung des „alten weißen Mannes“ stehen, lässt er sich nur zu gerne täuschen.
Aphra Behn ist immer noch aktuell.
Die Geschichte dreht sich also rund um die Täuschung des Patriarchen. Aber im Kern des ganzen steckt das Streben nach Befreiung von Elaria und Bellemante: Die beiden wollen nicht länger eingesperrt und kontrolliert werden, sondern ihre Ehepartner selbst bestimmen. Dieses Motiv der Selbstbestimmung ist in mehrerlei Hinsicht spannend: Einerseits stellt es für die Entstehungszeit des Stücks eine klare und mutige Kritik der patriarchalen Strukturen dar, andererseits lassen sich solche Strukturen auch heutzutage – 336 Jahre später – immer noch deutlich erkennen. Gleichzeitig weist die Theatergruppe in ihrem Programmheft zur Aufführung darauf hin, dass auch Aphra Behn einige Ausgrenzungsmechanismen und patriarchale Muster ihrer Zeit reproduzierte. Den eigenen, kritischen Umgang damit machte das TdU transparent, indem es auf den Sitzen zu Anfang der Vorstellung eine kurze Textpassage platzierte, auf der man die einzelnen Korrekturen, wie Wortveränderungen und –auslassungen, nachvollziehen konnte.
Neben der feministischen Kritik weist die Inszenierung auch grundsätzlich herrschaftskritische Elemente auf. Die beiden Bediensteten, Harlekin und Skaramuz, stellen sich auf die Seite der von Doktor Baliardo unterdrückten Frauen: Sie helfen diesen dabei, Treffen mit ihren Verehrern zu organisieren und unterstützen sie bei der Umsetzung des gemeinsam geschmiedeten Plans. So entsteht eine Dynamik, in der die vermeintlich fixierten gesellschaftlichen Positionen und die damit verbundenen Machtasymmetrien aufgezeigt und teilweise aufgelöst werden.
Die Form der Farce dient dabei als Mittel der Unterdrückten, um sich gegen die Ausbeutung und Unfreiheit zur Wehr zu setzen. Sehr fantasievoll wird der Doktor ein ums andere Mal hinters Licht geführt. So wird zum Beispiel die Linse seines Teleskops, mit dem er den Mond betrachtet, so präpariert, dass darauf ein Mann zu erkennen ist, der auf einer Wolke sitzend den Herrscher des Mondes darstellen soll. Währenddessen erklärt dem Patriarchen ein „Gelehrter der Gesellschaft der Palaveristen“, dass nur wer reinen Herzens und Verstandes sei, in der Lage wäre, ein solches Wesen wahrzunehmen. Baliardo ist dermaßen von sich selbst und seiner Theorie vom Leben auf dem Mond überzeugt, dass er nicht anders kann, als den absurdesten Erzählungen Glauben zu schenken.
(K)ein Happy End?
Die Satire spitzt sich immer weiter zu, bis zum großen Finale. Doktor Baliardo glaubt tatsächlich, bei den beiden Verehrern, Don Cinthio und Don Charmante, handle es sich um den Herrscher des Mondes und den Fürsten von Donnerland. Zwei Übermenschliche, die um die Hände „seiner“ Elaria und Bellemante anhalten wollen. Normalerweise würde die Farce jetzt mit der Hochzeit der beiden Paare enden – der Plan ist geglückt und die Täuschung perfekt. Aber an diesem Punkt hat sich die Theatergruppe Phehnix des TdU Wien für eine Intervention in die ursprüngliche Dramaturgie entschieden: Anstelle eines klassischen Happy Ends schlüpfen einige der Schauspieler*innen aus ihren Rollen und spielen sich selbst. Denn ein solches Ende sei viel zu kitschig und werde dem Anspruch eines feministischen Theaterstücks der Gegenwart einfach nicht gerecht. Lisa Liska (Elaria) und Christina Widmann (Bellemante) stürmen von der Bühne, gefolgt von ihren Verehrern, die nunmehr wieder ihre Schauspielkollegen sind. Die Botschaft ist klar: Selbstbestimmung schön und gut, aber wenn wir uns nach über 300 Jahren immer noch mit denselben Fragestellungen beschäftigen müssen, ist es vielleicht langsam an der Zeit, das Patriarchat endgültig auf den Mond zu schießen.
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Titelbild © Marie-Luise Schmidt