COVID-19 in Brasilias Favelas: Die Gemeinschaft mobilisiert sich online und offline.

Weniger als 20 Kilometer entfernt vom Palacio Alvorada, dem Wohnsitz des brasilanischen Präsidentens, liegt die Cidade Estrutural. Eine Favela in der Hauptstadt Brasilia mit mehr als 36.000 Einwohner*innen und extrem niedrigen Entwicklungsindikatoren im Bereich der Beschäftigung, Gesundheit und Bildung. Während 2019 das Durchschnittseinkommen im Plano Piloto, dem geplanten Teil der Stadt und Zuhause der meisten Regierungsbeamt*innen, um die 15.600 Reals lag, verdienten Bewohner*innen der Cidade Estrutural nicht mehr als 2.400 Reals.

Das Aufkommen der COVID-19 Pandemie hat vielen der dort ansässigen Familien selbst dieses Einkommen massiv reduziert. Laut offiziellen Zahlen von 2018 sind mindestens 44,78% der Menschen informell beschäftigt und 25% arbeitlos, diese Zahl ist bereits in den ersten Monaten der Pandemie auf über 30% angestiegen. Der Grossteil der Familien in Cidade Estrutural und viele andere Favelas sind in ähnlichem Maße von der Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen betroffen. Das schränkt traditionelle und informelle Unterstützungsmechanismen zwischen Familien und Bewohner*innen, die die Funktionsweise von Favelas im ganzen Land charakterisieren, massgeblich ein.

Erschwerter Zugang zu Noteinkommen.

Die wenigen formalisierten Hilfsleistungen wie Lebensmittelpakete und Geldtransferleistungen der Regierung, die während der Pandemie geschaffen wurden, wurden entweder nach kurzer Laufzeit wieder abgeschafft oder der Zugang war schwierig. Die Barrieren zur Auszahlung der neu geschaffene Renda Emergencial (dt.: Noteinkommen) von 600 Reals sind zahlreich für die Mehrheit der Familien in der Cidade Estrutural. Die Familie muss unter anderem gesetzlich registriert sein, die Begründung dafür, dass ihnen die Leistung zusteht, muss behördlich angenommen werden und jede Familie braucht ein funktionierendes Smartphone und das technische Wissen, um die notwendige App zu installieren und zu bedienen. Ein Prozess, der aufgrund des komplexen Registrierungsformulars, bis zu einem Tag dauern kann.

Cidade Estrutural ist neben den Stadtvierteln Itapoã und Paranoá eines der drei Zielgebiete der Solidaritätsinitiative Entre Nós (dt.: Zwischen uns). Entre Nós ist ein Netzwerk, das von fünf Frauen in Brasilia gemeinsam mit lokalen Partner*innen geschaffen wurde, um besonders benachteiligte Familien jedes Monat mit Lebensmittelpaketen, einem Biokisterl und Hygieneprodukten zu versorgen. Die Frauen sind Teil eines grösseren Online-Netzwerks “Lindeusas do Cerrado” von Frauen, das sich über eine WhatsAppgruppe organisiert. Die Gruppe, mit mittlerweile mehr als 190 Teilnehmerinnen, entstand vor einigen Jahren als Initiative einer Handvoll Freundinnen in Brasilia, um sich als Frauen in unterschiedlichen Bereichen gegenseitig zu unterstützen. Die Frauen nutzen die Intelligenz und das Engagement der Gruppe, um sich bei Fragen (zum Beispiel zu guten Ärzt*innen, Geschäften mit veganen Produkten, Jobangeboten, etc.) zu helfen, sowie politischen Widerstand gegen die derzeitige Regierung zu organisieren.

Solidarische Unterstützung in schwierigen Zeiten.

Im März 2020 brachte Lara Montenegro die Idee der Solidaritätsiniative in das Netzwerk. Nach wenigen Wochen fanden sich vier weitere Frauen – Isadora Lacava, Daniela Metello, Amanda Olalquiaga und Sarah Habersack – die sich aktiv an der Umsetzung und Ausgestaltung beteiligen wollten. Darüber hinaus wurden die Lindeusas do Cerrado die zentrale Multiplikatonsplattform für Spendenaufrufe, für die Sichtbarkeit von Entre Nós und für emotionale Unterstützung in schwierigen Momenten.
Die wichtigsten Ziele der Initiative Entre Nós sind, die Familien zu erreichen, die sonst keinen Zugang zu anderen Hilfsleistungen haben, die Umsetzung über lokale Partner*innen zu organisieren, die den lokalen Kontext gut kennen und so viele zusätzliche positive Wirkungen wie möglich zu erzielen. So wurde eine Kooperation mit lokalen landwirtschaftlichen Kleinbetrieben der brasilianischen Landlosenbewegung eingegagen, um Kisterl mit biologisch angebauten Obst und Gemüse von ihnen zu bestellen und einen fairen Preis zu zahlen. Bei monatlichen Tombolas zur Spendenmobilisierung werden Produkte von lokalen Restaurants, Künstler*innen und kleinen Geschäften als Preis ausgeschrieben. Das fördert die Sichtbarkeit der Betriebe und Personen, die über die letzten Monaten mit schweren Verlusten zu kämpfen hatten und fördert den Konsum von nachhaltigen Produkten.

Dialog und Zusammenarbeit schaffen sichere Räume.

Abgesehen von dem Beitrag, den Entre Nós zur Existenzsicherung von mittlerweile 330 Familien leistet, verstehen die Aktivistinnen die vernetzte Arbeit als Chance, wichtige Kooperationen aufzubauen, Frauen aus Cidade Estrutural, Itapoã und Paranoá bei der politischen Artikulation zu unterstützen und Basis für neue Ideen für eine solidarische und gerechte Gesellschaft zu sein. Über die letzten Monate ist sowohl eine Kooperation mit der Architekt*innengewerkschaft Brasilias für die Verbesserung der Wohnbedingungen in den Favelas entstanden, sowie eine Zusammenarbeit mit dem Ambulatorio Trans, einer medizinischen und sozialen Anlaufstelle für Transgender Personen, um diese ebenfalls mit Paketen der Grundversorgung zu unterstützen.

Die Ideen entstehen aus Dialog, Austausch und Vernetzung zwischen Frauen über soziale Medien, werden von Entre Nós und der wachsenden Zahl an Partner*innen augegriffen und versucht gemeinsam umzusetzen. Vor dem Hintergrund der politischen Situation Brasiliens und der anhaltenden Pandemie sind solche Netzwerke, die sichere Räume des Gesprächs, der gegenseitigen Unterstützung und des Aktivismus bieten, wichtiger denn je.

Wer das Netzwerk Entre Nós unterstützen möchte, um die Arbeit die nächsten Monate fortsetzen zu können, kann eine Spende direkt an das österreichische Konto der Initiative überweise. Die internationalen Spenden werden von Sarah Habersack organisiert.

Die Autorin ist Aktivistin des Solidaritätsnetzwerks Entre Nós. In Brasilien arbeitet sich als Beraterin für nachhaltige Stadtentwicklung bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH. Sie hat internationale Entwicklung studiert und einen Master in Organisationsentwicklung und Coaching. Am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn arbeitete sich als Projektmitarbeiterin im Paulo Freire Zentrum im Projekt Ungleiche Vielfalt. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Entre Nós – Sarah Habersack
IBAN: AT50 2011 1296 2157 6800
BIC: GIBAATWWXXX (Erste Bank Sparkasse)
Verwendungszweck: „Solidarität mit Brasilien“

Weiterführende Links:

Video über Entre Nós
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Fotos © Gabriela Biló

Veröffentlicht in Gutes Leben für Alle, Genderungerechtigkeit.