
„Trotzdem zuhause“ von Tupoka Ogette ist ein außergewöhnlich mutiges Buch über gesellschaftliche Realitäten in Deutschland, erschienen im Frühjahr 2026. Es ist das Memoir einer Frau, die sich selbst als Brückenmensch beschreibt. Genau diese Brückenposition macht das Buch so eindringlich und gleichzeitig so schmerzhaft. Tupoka Ogette, heute Vermittlerin für Rassismuskritik, erzählt sehr persönlich; oft so schonungslos, dass spürbar wird, wie schwer ihr das Erzählen mitunter fiel. An manchen Stellen ringt sie sichtbar mit den Worten, weil das Erlebte so traumatisch war, dass es kaum in eine Form zu bringen ist. Dieses Ringen wird nicht versteckt, sondern zu einem Teil des Buches. Während des Lesens wird greifbar, wie eine Autorin sich ihrer eigenen Geschichte annähert, ohne sie zu glätten.
Ein Mikrokosmos hinter der Wohnungstür.
Die Geschichte beginnt im Leipzig der 1980er-Jahre, in einem Mikrokosmos: „Hinter der schweren Wohnungstür im zweiten Stock verändert sich alles, der Ton, die Farben, die Luft“ (S. 51). In diesem, ihrem Mikrokosmos darf Tupoka einfach Tupoka sein, wird anerkannt, wertgeschätzt, gesehen. Tupoka Ogette wächst als Tochter einer weißen, queeren Mutter und eines Schwarzen Vaters aus Südtansania in der DDR auf. Der Vater arbeitet im Stahlwerk; mit der zynischen Annahme konfrontiert, „dass er und seine Landsleute ‚die Hitze besser vertragen würden‘“ (S. 26). Schon hier zeigt sich ein Grundmotiv des Buches: Der Rassismus dieser Zeit ist nicht laut, er ist alltäglich, normalisiert, in jeden Atemzug eingewoben. Ogette beschreibt eindrücklich, wie sie schon als Kind außerhalb ihres Mikrokosmos lernte, sich kleinzumachen, zu lächeln und zu funktionieren. „Wer aushält und lächelt – auch dann, wenn andere ihren Dreck auf dir auskippen-, darf am Ende mitspielen“ (S. 72). Es ist eine bittere Bilanz, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht: die Strategien, die sich ein Schwarzes Mädchen aneignen muss, um in einer überwiegend weißen Umgebung zu überleben. Die Umgebung, die außerhalb ihres sicheren Mikrokosmos liegt.
Doch dieses Leipzig der Kindheit ist nicht nur ein Ort der Bedrohung von außen, sondern ebenso ein Ort tiefer Bindung. Ogette schreibt mit großer Wärme über ihre Mutter und ihre Großeltern: über eine weiße, queere Mutter, die ihre Tochter mit allem ausstattet, was sie geben kann, auch wenn ihr selbst das Vokabular für die rassistischen Erfahrungen des Kindes fehlt; über Großeltern, die einen sicheren Raum bilden, ein Refugium innerhalb des Mikrokosmos. Diese Beziehungen sind das emotionale Rückgrat des Buches. Sie machen deutlich, dass die Frage nach ihrem Zuhause für Ogette nie eine Frage der Liebe war, sondern eine Frage der gesellschaftlichen Strukturen, die sich zwischen liebevolle familiäre Beziehungen und ihren Platz in dieser Welt geschoben haben.
Zwischen den Welten.
Nach der Wende kommt der nächste Bruch: Berlin. Hier ist sie doppelt markiert, als Schwarze junge Frau und als DDR-Flüchtling. Sie sucht ihren Platz „bei den Anderen“, weil es für Kinder wie sie, Schwarz und deutsch, schlicht keine etablierten Räume gibt. Eine Reise nach Tansania mit ihrer Mutter schenkt ihr den anderen Pfeiler ihrer Brückenidentität und gleichzeitig die schmerzliche Erkenntnis, dass auch dort nicht dieses, nicht ihr Zuhause liegt. Diese Heimatlosigkeit, die nichts mit fehlender Liebe oder fehlender Zugehörigkeit zu tun hat, sondern mit den Strukturen einer rassistischen Gesellschaft, ist eine der stillsten und stärksten Beobachtungen des Buches.
Schuldzuweisungen nach innen.
Besonders erschütternd sind die Kapitel, in denen Tupoka Ogette über die ihr angetane sexualisierte Gewalt schreibt. Ogette erzählt, wie aus liebevollen Männern in ihrer Umgebung plötzlich „notgeile, bedrohliche Gestalten“ (S. 143) wurden, sobald ihr Körper sich durch die Pubertät veränderte. Sie nennt es heute „Geilheit gepaart mit einer Art kolonialer Neugier“ (S. 143), ein Begriff, der schmerzhaft präzise das Zusammenspiel von Sexismus und Rassismus benennt, das sie als Kind erfuhr, ohne es deuten zu können. Sie schildert Missbrauch in der Kirche und beim Theater. Es gab damals keinen gesellschaftlichen Diskurs über Consent (Dt.: in etwa Zustimmung, Einwilligung), also stellte sie sich selbst infrage. Mit Blick auf diese Erfahrungen mahnt und referenziert sie dabei gleichzeitig auf das von Gisèle Pelicot geprägte Zitat „Die Scham muss die Seite wechseln“.
Ihr Weg führt weiter über eine frühe Mutterschaft, hineingeboren aus einer gewaltvollen Beziehung mit einem Mann, dann durch ein Magisterstudium in Frankreich und schließlich in das unfreiwillig aufgenommene Leben und die Arbeit, für die Tupoka Ogette heute steht. Doch das Buch ist kein triumphales Werden-Narrativ. Ogette weigert sich, ihr Leben als Aufstiegsgeschichte zu verkaufen. Sie zeigt stattdessen, wie hoch die Kosten dieses Weges waren. Und sie sind es weiterhin: „Ich habe mir die Schuld gegeben für Ausschluss und Gewalt, die ich erlebte“ (S. 243), schreibt sie. Deshalb habe sie begonnen, sich selbst und vor allem ihren Körper dafür zu verachten. Es hat lange gedauert, bis sie verstand, dass „Gefallen wollen, um zu überleben“ eine Traumareaktion war, keine Schwäche, kein Charakterfehler (S. 216).
Die mühsame Arbeit am eigenen Ich.
So sehr „Trotzdem zuhause“ ein Buch über Rassismus, sexualisierte Gewalt und Heimatlosigkeit ist, so sehr ist es auch ein Buch über Liebe, Mutterschaft, Resilienz und Selbstermächtigung. Ogette erzählt von der Liebe ihrer Mutter und ihrer Großeltern, von der Liebe zu den eigenen Söhnen, die sie als junge, verletzte Frau und doch mit einer Klarheit großzog, die aus dem eigenen Schmerz erwuchs. Sie zeigt, wie aus der frühen, in Gewalt hineingeborenen Mutterschaft eine eigene Sprache der Zugehörigkeit entsteht; eine, die sie ihren Kindern weitergeben kann, ohne Erfahrungen der Unterdrückung zu beschönigen. Und sie schreibt davon, wie sich Selbstermächtigung nicht als Befreiungsschlag manifestiert, sondern als langsame, oft mühsame Arbeit an sich selbst, am eigenen Vokabular, an der eigenen Wahrnehmung. Resilienz ist hier kein Trostwort. Sie ist die Summe aus erlebter Liebe, gefundener Sprache und der Weigerung, sich weiter selbst die Schuld zu geben.
Das Unbenannte benennen.
Was dieses Buch von vielen anderen Erinnerungstexten unterscheidet, ist die Art, wie Ogette das Politische und das Persönliche ineinander verschränkt. Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen Begriffsklärung, (politisch aufgeladene) Begriffe wie „Freiheit“ werden kurz definiert und dann mit der eigenen Erfahrung verknüpft. Das gibt dem Buch eine fast pädagogische Tiefe, ohne je belehrend zu werden. Es zeigt, wie Erfahrung erst durch Sprache greifbar wird; und wie Sprache, die fehlt, Erfahrung in den Körper sinken lässt. Dass Ogette ihre eigene Sprache erst mühsam finden musste, weil ihr als Kind und Jugendliche niemand ein Vokabular für das gab, was ihr widerfuhr, ist eine der zentralen Botschaften.
„Trotzdem zuhause“ ist ein Buch, das wehtut. Und es ist gleichzeitig ein Buch, das tröstet, weil es zeigt, dass das, was Einzelne erleben, einen Namen und strukturelle Wurzeln hat und nicht in individueller Schuld begründet ist. Ogette schreibt selbst, dieses Buch werde „auf die ein oder andere Art ein Spiegel sein für einige, ein Fenster für andere“ (S. 10). Diese Doppelfunktion gelingt ihr eindrücklich. Es ist ein Buch, das man schnell lesen kann und das doch lange nachwirkt, weil das Gelesene Raum braucht. Eine klare Leseempfehlung, gerade auch für weiße Leser*innen, die bereit sind, sich nicht nur zu informieren, sondern auch berühren und in Frage stellen zu lassen.
Noch in eigener Sache: Ich selbst schreibe aus einer weißen Perspektive. Vieles, was Ogette schildert, habe ich nie selbst erlebt und werde es nicht erleben. Was ich tun kann, ist lesen, zuhören und die Sprache, die sie zur Verfügung stellt, dort einzusetzen, wo ich Rassismus begegne.
Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
Das Buch „Trotzdem zuhause“ beim Penguin Verlag München