Buchrezension: Die Diversität der Ausbeutung – Zur Kritik des herrschenden Antirassismus.

Das Bekenntnis zu Diversität, aber auch die Verwendung nicht-diskriminierender Sprache ist heutzutage nicht nur in der Linken, sondern auch unter Liberalen weit verbreitet. Doch reicht dies, um Herrschaftsverhältnisse zu transformieren? Was ein schlagkräftiger Antirassismus braucht, wird im Buch „Die Diversität der Ausbeutung“ dargelegt.

Eleonora Roldán Mendívil und Bafta Sarbo, die beiden Herausgeberinnen des Sammelbandes, sind beide Sozialwissenschaftlerinnen, aber auch Aktivistinnen of Colour. 2016 haben sie sich durch ihr Engagement in Schwarzen bzw. migrantischen Gruppierungen kennengelernt, erzählten die beiden Deutschen bei ihrer Buchvorstellung am 31. Jänner in einem Hörsaal der Uni Wien. In diesen Gruppen, aber auch in ihrem Studium sei ihnen jedoch nur ein oberflächliches, individualistisches Verständnis von Antirassismus präsentiert worden. Bei diesem Zugang gehe es vor allem um die Sensibilisierung hinsichtlich rassistischer Stereotype und diskriminierender Sprache. Gerade im Zusammenhang mit Antirassismus habe sich auch in sich als links definierenden Organisationen ein liberaler Zugang etabliert und gleichzeitig die für die Linke wesentliche Kapitalismuskritik in den Hintergrund gedrängt. Der rein individuelle, liberale Antirassismus, wonach jede*r für ein friedliches Miteinander einfach selbst darauf achten müsse, (vor allem sprachlich) niemanden aufgrund von rassifizierten Zuschreibungen zu diskriminieren, lasse sich bequem mit der kapitalistischen Produktionsweise vereinen, so die These. Statt den Kapitalismus und den in ihm strukturell festgeschriebenen Rassismus aufzuzeigen und zu bekämpfen, verschafft der liberale Antirassismus dem Kapitalismus ein „menschliches Antlitz“, wie Christian Frings es im Vorwort des Bandes formuliert, und lässt ihn dadurch unberührt.

Die Ursprünge der Identitätspolitik.

Allgemein lässt sich Identitätspolitik als ein Zugang verstehen, der unterschiedliche, sich überlagernde Privilegien, aber auch Unterdrückungsformen innerhalb verschiedener Personen bzw. Identitäten anerkennt und in der Praxis aufgreift. Was viele (radikale) Linke nicht wissen, ist, dass der Begriff ursprünglich radikalen linken Gruppierungen aus den USA des 20. Jahrhunderts entstammt, die damals die spezifischen, sich überlagernden Diskriminierungen von Schwarzen Fabrikarbeiterinnen analysierten. Dies wird im Kapitel „Intersektionalität, Identität und Marxismus“ dargelegt. Es ging also nicht um das gleichzeitige Schwarz-Sein und Frau-Sein, sondern um das Schwarz- und Frau-Sein als Teil der Arbeiter*innen und die spezifische Ausbeutung und Diskriminierung dieser kollektiven Identität. Identitätspolitik im ursprünglichen Sinne fußte also auf einem kollektivistischen Verständnis bzw. einer marxistischen Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise, verfeinerte diese Kritik jedoch. Dass die (ökonomische) Ausbeutung Lohnabhängiger durch jene Menschen, die über Produktionsmittel verfügen, abgeschafft werden muss, war also elementarer Bestandteil dieses Kampfbegriffs, zeigte er doch die „Diversität der Ausbeutung“ innerhalb des Proletariats auf. Durch derlei historische Erklärungen ermöglichen die Autor*innen eine marxistische (Wieder-)Aneignung der Begriffe Intersektionalität und Identität.

Platter Antirassismus in der deutschsprachigen Linken.

Zurecht kritisieren Roldán Mendívil, Sarbo und die weiteren Autor*innen des Buches, dass sich das linke Verständnis von Antirassismus und gleichzeitig auch von Identitätspolitik weit von diesem ursprünglichen Zugang entfernt hat. Meist beschäftigten sich linke Gruppierungen im deutschsprachigen Raum entweder mit Marxismus oder mit Antirassismus. Selten werde beides in Kombination zur Gesellschaftsanalyse herangezogen. Werde dann aber doch einmal marxistische antirassistische Literatur rezipiert, stamme sie meist aus den USA und beschäftige sich vor allem mit Sklaverei und Plantagenwirtschaft. Dies seien jedoch spezifische Phänomene, die auf den deutschsprachigen Raum historisch nicht zutreffen und verkennen würden, dass es in Ländern wie Österreich und Deutschland eigene historisch, ökonomisch und geografisch bedingte strukturellen Rassismen gibt, die auch als diese enttarnt werden müssen.

Wie Rassismus die Macht der Vielen untergräbt.

Genau diese bisherige Leerstelle der europaspezifischen, marxistischen Antirassismus-Theorie versuchen die Autor*innen anhand erster konkreter Punkte zu füllen. Sie betonen dabei, dass moralische Argumente für Antirassismus zwar nachvollziehbar sind, im Kampf für den Sozialismus – und das ist ihre letztliche Forderung – jedoch wenig nützen. Ein schlagkräftiger Antirassismus müsse so gelebt werden, dass die Lohnabhängigen sich nicht spalten lassen, sondern gemeinsam Druck aufbauen. Als Beispiele für diese Spaltung nannte Sarbo im Vortrag, dass etwa Leiharbeiter*innen bzw. aus dem (EU-)Ausland kommende Arbeitskräfte als Rival*innen und „Lohndrücker*innen“ der autochthonen Arbeiter*innen stilisiert würden. In der gewerkschaftlichen Praxis habe sich dieser Rassismus teilweise fest etabliert. Dass manche Gewerkschaften in ihrer Arbeit zwischen den zu vertretenden, „einheimischen“ Arbeiter*innen und den „feindlichen“, „fremden“ Arbeiter*innen unterscheiden würden, führe dazu, dass kein flächendeckender Streik mehr organisiert werden könne. Und dies schwäche letztlich die Macht aller Lohnabhängigen.

Selektive Aushöhlung von Arbeitsrechten.

Mit diesen strategischen Anweisungen gab Sarbo das Fazit von Celia Boualis Beitrag im Buch zu „rassistisch segmentierte[n] Arbeitsmärkte[n] im Kontext EU-interner Migration“ wieder. Darin erläutert Bouali, wie sich die Europäische Union strategisch zum Zwecke der Kapitalakkumulation zeitlich und Branchen-mäßig begrenzt ausländischer Arbeitskräfte durch gesetzliche Neu- oder Übergangsregelungen bedient. Diesen wenigen Menschen wird also nur höchst prekäre Beschäftigung geboten. Hinzu komme, dass Unternehmen in Mittel- und Westeuropa die Arbeitsrechte von Arbeitskräften aus Südost-/Osteuropa regelmäßig und bewusst (!) missachten würden, um sich einen wirtschaftlichen Vorteil zu verschaffen.

Theoretische Weiterentwicklung.

Hier wird bereits in Ansätzen ersichtlich, warum es Rassismus innerhalb der EU bzw. für die (west‑)europäische Kapitalakkumulation „braucht“. Fabian Georgi nähert sich diesem Zusammenhang auf einer theoretischen Ebene. Am Beispiel Rassimus ergänzt Georgi in seinem Beitrag gängige historisch-materialistische Herrschaftsdefinitionen. Laut ihm bestehe Herrschaft nicht nur aus der privilegierten Bedürfnisbefriedigung der Herrschenden durch Ausbeutung bzw. Aneignung fremder Bedürfnisse und der „hierarchisierte[n] Ausgrenzung vom Genuss des gesellschaftlichen Mehrprodukts“, sondern auch aus der symbolisch-diskursiven Abwertung unterdrückter Gruppen zu psychologischen Zwecken. Die zuvor beschriebene ökonomische Überausbeutung von migrantischen bzw. süd-/südosteuropäischen Personen muss also legitimiert werden, indem ihnen der Status von Menschen bzw. Menschen mit gleichberechtigten Bedürfnissen (zumindest teilweise) abgesprochen wird. Der ökonomische Rassismus bzw. die rassistische Überausbeutung jener Personen braucht also auch einen kulturellen Rassismus als Legitimation.

Fazit.

Wie diese Ausführungen zeigen, ist diese wie auch jede andere sozialwissenschaftliche Theorie politisch. Im Gegensatz zu neoliberalen bzw. neoklassischen Theoretiker*innen inszeniert sich die Autor*innenschaft von „Die Diversität der Ausbeutung“ jedoch nicht als apolitisch, was die Lektüre sehr erfrischend macht. Wie viele ihrer Vorgänger*innen in marxistischer Tradition liefern ihre Ausführungen nicht nur Interpretationen über die Welt, sondern zeigen auch konkrete Handlungsstrategien auf, um das vorherrschende System zu überwinden. Allerdings ist das Buch nicht nur geeignet für marxistische oder antirassistische Aktivist*innen, sondern auch sehr zu empfehlen für all jene, deren Kritik an der Ausrichtung der EU bis dato vielleicht eher verhalten oder mit Blick auf die EU-Außengrenzen eher moralischer Natur war. Der Sammelband bietet eine ausgezeichnete Grundlage, dieses berechtigte Unrechtsempfinden stärker analytisch zu fundieren.

 

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Zum Buch beim Verlag Dietz Berlin

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