Buchrezension: Alle_Zeit. Eine Frage von Macht und Freiheit. – Teresa Bücker.

Haben wir wirklich Alle_Zeit oder kennen wir vielleicht eher dieses Gefühl, dass die Zeit einfach nicht auszureichen scheint? Der Tag füllt sich rasch mit zahlreichen Dingen, die wir erledigen sollen oder wollen, und nicht selten resultiert daraus eine unbefriedigende Zeitknappheit. Im Gespräch mit der Familie, Freund_innen, Arbeitskolleg_innen oder Bekannten fällt allerdings oft auf, dass sich dieses Phänomen nicht nur auf das eigene Empfinden beschränkt. Die meisten Menschen berichten davon, wie beschäftigt sie in letzter Zeit sind, dass im Moment einfach viel los ist, oder sie mal wieder keine Zeit dafür gefunden haben, genau das zu tun, worauf sie eigentlich Lust hatten. Obwohl Zeitknappheit derart präsent ist, wird sie dennoch viel zu selten als ein verhandelbares Thema wahrgenommen.

Teresa Bücker möchte genau das ändern und geht in ihrem Buch Alle_Zeit den Fragen nach, welche Zeitkultur sich in unserer Gesellschaft etabliert hat und welche Problemfelder sie darin erkennt. Daran anschließend beschreibt sie eindrücklich eine Vision einer neuen Zeitkultur, die zu mehr sozialer Gerechtigkeit führen kann.

Für ihr Buch Alle_Zeit hat sie den NDR-Sachbuchpreis erhalten. Im Allgemeinen beschäftigt sie sich mit gesellschaftspolitischen Themen aus einer feministischen Perspektive.

Eine verdichtete Zeitkultur – Warum die Zeit niemals reicht.

Warum haben wir also oft das Gefühl, dass wir nicht genug Zeit haben? Auf der Suche nach Antworten befasst sich Teresa Bücker in ihrem Buch unter anderem mit dem Freizeitverhalten in unserer Gesellschaft. Dabei bezieht sie sich auf eine Studie der Soziologinnen Tally Katz Gerro und Oriel Sullivan. Die Ergebnisse der empirischen Untersuchung zeigen, dass es in industrialisierten Gesellschaften zwei verschiedene Gruppen gibt, die sich in ihren Verhaltensweisen, wie sie ihre freie Zeit nutzen, deutlich unterscheiden. Während erstere ihre Zeit besonders dicht mit Konsumtätigkeiten füllt, wechselt die zweite Gruppe deutlich weniger häufig ihre Beschäftigungen und geht diesen eher zu Hause nach. Zur ersten Gruppe zählen meist Menschen ohne Care-Pflichten (zu Deutsch: Fürsorgepflichten), da sie mehr ungebundene Zeit haben, um neue Dinge auszuprobieren. Zudem spielen die finanziellen Möglichkeiten einen entscheidenden Faktor, wie abwechslungsreich die Freizeit gestaltet werden kann. Denn Sport, Kulturveranstaltungen, Restaurants und Bars könnten recht kostspielig werden, vor allem wenn man mehreren von diesen Freizeitaktivitäten nachgehen möchte.

Die unterschiedliche Freizeitgestaltung führt Teresa Bücker zu dem Schluss: „Zeitknappheit kann ein Klassenphänomen sein“. Zu den klassischen Statussymbolen wie etwa Kleidung oder Autos reihe sich nun der Umgang mit Zeit ein. So entstehe eine sogenannte „soziale Norm des Beschäftigtseins“. Meistens seien diejenigen, die viel auf der Arbeit beschäftigt sind, auch oft in ihrer freien Zeit vielseitig verplant. Was daraus resultiert, sei, dass Zeit abgewertet würde, die nicht absichtsvoll genützt wird. Allerdings stellt sich dann die Frage, was wir überhaupt unter dem Begriff Freizeit verstehen, wenn wir in dieser Zeit dann doch wieder bestrebt sind, etwas zu tun, das uns in unserem sozialen Umfeld Anerkennung bringt.

„Wirkliche Freiheit würde jedoch bedeuten, dass wir auch weniger tun, weniger wissen und weniger mitteilen könnten und trotzdem noch jemand wären.“

Auf den Punkt gebracht, ließe sich Freizeit demnach nicht daran festmachen, welchen Beschäftigungen eine Person nachgeht, sondern vielmehr, wie sie sich dabei fühlt.

Zeit und Macht – Die Zeit der Anderen.

Die „kulturelle Praxis“, das Leben mit zahlreichen unterschiedlichen Erfahrungen ausstatten zu können, münde nicht selten in einem Nexus zwischen Beschäftigsein und Macht. Für Teresa Bücker stellt die Verdichtung der eigenen Zeit in kapitalistischen Gesellschaften einen Ausdruck kulturellen Kapitals dar. Neues Wissen, neue Kontakte und die Zuschreibung bestimmter Qualitäten, die mit dem Beschäftigtsein einhergingen, festigten somit einen hohen sozialen Status. Aber oft seien es ohnehin diejenigen, die in der Gesellschaft bereits hoch angesehen sind, die von ebendiesem Nexus profitierten.

Dabei würden viele vergessen, dass wir uns, um eine hohe gesellschaftliche Stellung zu erreichen, auch manchmal Zeit von anderen nehmen. Das bedeute im Umkehrschluss, dass und insbesondere weniger privilegierte Menschen auf ihre eigenen (zeitlichen) Bedürfnisse verzichten (müssen), um anderen Personen zum Erfolg zu verhelfen. Für viele Menschen scheine es immer noch normal zu sein, die Zeit von anderen als die eigene zu begreifen oder sie zumindest als weniger wertvoll zu erachten. Ist es nicht häufig so, dass in Beziehungen eine Person Karriere macht, während die andere ihr den Rücken freihält? Werden nicht immer mehr Care- oder Haushaltsaufgaben als gering vergütete Dienstleistungen ausgelagert, um sich selbst mehr Zeit zu verschaffen? „Auf diese Weise entstehen Machtgefälle.“

An dieser Stelle erscheint es wichtig, sich vor Augen zu führen, dass, wie Teresa Bücker schreibt, unsere zeitlichen Ressourcen immer wechselseitig und somit mit der Zeit von anderen verbunden sind. Aus diesem Grund könnten wir eine gerechte(re) Zeitkultur nur dann erreichen, indem wir unsere zeitlichen Beziehungen sichtbar machen und gemeinsam Lösungen finden, die für viele und nicht nur für wenige funktionieren.

Arbeit gleich Identität?

Teresa Bücker beschreibt den Umstand, dass Arbeit und Identität häufig zusammenhängen. Positiv zu bewerten ist ihrer Ansicht nach, dass Berufe und Ausbildungen bereichernde Anknüpfungspunkte für Gespräche und darauf aufbauende Beziehungen sein können. Doch wenn wir beginnen, uns selbst und andere über unsere bzw. deren Arbeit zu definieren und somit das Fehlen einer Erwerbsarbeit zu Abwertung und Ausgrenzung führt, dann sieht sie darin keinen bewahrenswerten Zustand. Diesen Zustand aufzulösen sei jedoch nicht ganz einfach, da die Verknüpfung von Erwerbsarbeit und Identität selten infrage gestellt werde. Dabei sei gerade in kapitalistischen Gesellschaften Erwerbsarbeit so organisiert und entlohnt, dass damit wenig Rücksicht auf die Lebenszusammenhänge genommen werden könne.

„Unser Verständnis von Vollzeitarbeit bildet vielmehr ein eigenes System, das auf die Zeit, die Familien, Freundschaften, Liebe, politische Beteiligung, Kreativität und Gesundheit brauchen, keine Rücksicht nimmt.“

Eigentlich seien es sehr wenige Menschen, die das Privileg hätten, dass eigene Interessen, Wertschätzung, soziale Einbindung und bezahlte Arbeit zusammenfallen. Für den Großteil der Gesellschaft liege die Möglichkeit, sich individuell zu entfalten und Teil einer Gemeinschaft zu sein, daher in der Freizeit.

Soziale Zeitgerechtigkeit ist politisch zu denken.

Zeit ist laut Theresa Bücker eine der wichtigsten politischen Ressourcen. Denn alle Menschen benötigen Zeit, um sich neben den alltäglichen Pflichten ebenso mit anderen Dingen beschäftigen zu können, die ihnen wichtig sind. Nur wer Zeit hat, sich Gedanken zu verschiedenen Themen zu machen, kann Wege finden, etwas zu verändern. So stehe die vorherrschende Zeitordnung im Widerspruch zu einer lebendigen Demokratie.

Der gewohnte Lebensstandard in reichen Ländern sei nicht vereinbar mit globaler und sozialer Gerechtigkeit und Frieden. Die Lebensweise im Globalen Norden und zunehmend der Eliten im Globalen Süden interessiere sich nicht dafür, dass Menschen überall auf der Welt gut leben können.

„Leben ohne Drehbuch”.

Wenn das Bild eines gelungenen Lebens nur existiert, solange wir produktiv sind und berufliche, materielle und familiäre Erfolge verzeichnen können, dann begegnen wir uns nicht mehr auf Augenhöhe. Vielmehr grenzen wir mit dieser Lebensideologie enorm viele Menschen in jeder Gesellschaft aus und hindern sie sogar an einem freien Leben. Daher steht Teresa Bücker dafür ein, dass Menschen in vielfältigen Kontexten zusammenfinden können und wieder mehr füreinander da sind. Dafür braucht es jedoch Zeit! Aber darin sieht sie das „Potenzial [eines] Lebens ohne Drehbuch“ und damit ein Stück mehr Freiheit, das wir zurückbekommen könnten, ohne alles durchzutakten.

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Bibliographische Informationen:

Teresa Bücker: Alle_Zeit. Eine Frage von Macht und Freiheit. Berlin: Ullstein Hardcover 2022.

Zum Nachlesen:

Bunting, M. (2011). Willing slaves: How the overwork culture is ruling our lives. HarperCollins UK.

Sullivan, O., & Katz-Gerro, T. (2007). The omnivore thesis revisited: Voracious cultural consumers. European sociological review, 23(2), 123-137.

 

 

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