
„Für jedes Mädchen, das herausgefunden hat, dass es in Hosen schneller laufen und höher klettern kann.“ Die Widmung der Journalistin Jenny Nordberg lässt das soziale Engagement hinter ihrem Buch deutlich werden.
Als Bursche aufzuwachsen, kann in Afghanistan die Art und Weise, zu leben, komplett verändern. Wenig verwunderlich angesichts des streng binären Geschlechtersystems, das Mädchen und Frauen fast keinen Raum zugesteht. Meistens beschränkt sich ebendieser auf das eigene Zuhause und die Familie.
Jenny Nordberg deckt in ihrem Buch Afghanistans verborgene Töchter die persönlichen Geschichten von mehreren afghanischen Mädchen und Frauen auf, die als Bursche verkleidet wurden oder eines ihrer Kinder als Bub ausgegeben haben. Es sind sogenannte bacha posh (Dari, die in Afghanistan am meisten gesprochenen Sprache), was auf Deutsch „angezogen wie ein Bursche“ bedeutet. Diese Geschlechterverwandlung ist weit verbreitet und gleicht damit vielmehr einer verdeckten kulturellen Praxis. Aber was steckt dahinter?
Die subjektive Reportage ist zwischen 2009 und 2014 in Afghanistan, Schweden und den Vereinigten Staaten entstanden. Die im Buch geschilderten Ereignisse fanden zwischen 2010 und 2011 statt. Insbesondere die erneute Machtübernahme der Taliban 2021 hat die Situation vor Ort weiterhin dramatisch verschlechtert und das Land steckt immer noch inmitten einer der schlimmsten humanitären Krisen weltweit.
Eine konservative Tradition als faktische Gesetzesgrundlage.
Jenny Nordbergs Reportage beginnt mit der Geschichte Azitas, die sie als eine rebellische Mutter beschreibt. Sie ist eine hochgebildete Tochter eines Kabuler Universitätsprofessors und Ehefrau eines Bauernsohns, der nicht lesen und schreiben kann. Nach der Niederlage der Taliban 2001 war sie für mehrere Jahre im damaligen Parlament tätig. Die meisten ihrer Wähler*innen kamen aus der ländlichen Provinz Badghis, denen sie damals versprochen hatte, sich dafür einzusetzen, dass mehr von den Entwicklungshilfegeldern in dieser abgelegenen Ecke Afghanistans ankommen.
Auf die Frage, welche Forstschritte es für die Frauen im Zeitraum zwischen 2001 und 2010 gegeben habe, zeigte sich Azita unzufrieden: Natürlich sah man nun mehr Frauen auf den Straßen Kabuls sowie anderen größeren Städten als noch während der Herrschaft der Taliban. Zudem seien mehr Mädchen an Schulen angemeldet. Allerdings bezogen sich diese Fortschritte fast ausschließlich auf die Hauptstadt Kabul. Der Großteil dessen, was die Taliban zuvor hinsichtlich der Frauen angeordnet und verboten hatten, war in weiten Teilen faktisch immer noch Gesetz.
Ein offenes Geheimnis – Besser einen falschen als gar keinen Sohn.
„Du weißt, dass auch mein jüngstes Kind ein Mädchen ist, nicht wahr? Wir ziehen sie wie einen Jungen an.“ Azita hat vier Töchter, eine davon ist nun ein Bursche. Denn in Afghanistan sei es für das Ansehen und den guten Ruf unerlässlich, mindestens einen Sohn zu haben. Eine Familie ohne Sohn hingegen gelte als unvollständig. Vor allem in einem Land, in dem das Gesetz nichts wert sei, werde eine Familie dann als schwach und verletzlich angesehen. Daher sei es die Aufgabe einer jeden Frau, schnellstmöglich einen Buben zu gebären. Es ist sogar das ihr auferlegte höchste Lebensziel. Schlimmer als keinen Sohn sei eigentlich nur eine gänzlich kinderlose Frau. Die auf männliche Erbfolge gründende Kultur gebe den Frauen für das Nichterreichen dieses Ziels die Schuld und attestiere ihnen infolgedessen charakterliche Schwäche. Die niedrige Alphabetisierungsrate hierzulande tue ihr Übriges. Denn durch sie werden vermeintliche Wahrheiten weiterhin befeuert und unhinterfragt angenommen. Eine davon sei, dass Frauen das Geschlecht ihres ungeborenen Kindes aussuchen könnten. Daher brauche eine Frau nicht auf allzu viel Verständnis zu hoffen, wenn sie keinen Sohn gebärt.
In Azitas Fall sei es das Fehlen eines Sohnes gewesen, das ihre politische Laufbahn gefährdete. Spöttische Bemerkungen und Mutmaßungen bedrohten ihre Existenz als Politikerin und Person des öffentlichen Lebens. Dass sie als Familie keinen Sohn vorweisen konnten, sei auch ihrem Ehemann zunehmend peinlich geworden. Und so wurde die jüngste Tochter zum Sohn. Für alle Außenstehenden hatte Azita ab diesem Zeitpunkt eine vollständige Familie. Selbstverständlich hätten manche die Wahrheit gekannt. Aber auch sie wären „einverstanden“ gewesen, weil ein falscher Sohn eben besser sei als keiner.
Gründe für die Verwandlung zu einer bacha posh.
Alle Mädchen, die als Bursche verkleidet werden, verbindet die Tatsache, dass ihre Familien unbedingt einen Sohn brauchen. In diesem Zusammenhang spielt es keine Rolle, ob die Familien reich oder arm, gebildet oder ungebildet sind.
Es ist das zusätzliche Einkommen eines arbeitenden Kindes. Es ist der gefährliche Weg zur Schule, auf dem die Tarnung als Bursche ein Stück weit Sicherheit bedeutet. Es ist das Ansehen der anderen, um als eine vollständige Familie zu gelten. Vielleicht sind die Gründe für eine Verwandlung zu einer bacha posh je nach Familie und deren Herkunft anders, aber der Ursprung dieses Phänomens ist für alle Afghan*innen derselbe: Eine „Gesellschaft, die um fast jeden Preis Söhne verlangt“.
Für die meisten sei die Praxis, eine bacha posh in der Familie zu haben, daher akzeptiert und unumstritten. Die einzige Voraussetzung sei es, dass das Kind vor der Pubertät wieder zurück in ein Mädchen verwandelt wird. Also zu einem Zeitpunkt, an dem das Mädchen noch verheiratet werden und Kinder bekommen kann.
Die gesellschaftliche Stellung von Frauen und ihre Folgen.
Angesichts der Stellung von Frauen in der afghanischen Gesellschaft zur Zeit zwischen den beiden Taliban-Regierungen war Azita eine der wenigen, die damals noch eine Stimme hatten und diese auch erhob. Doch erntete sie für ihre Präsenz jede Menge Verachtung, denn sie stellte das konservative System immer wieder infrage. Azitas Worte: „Wenn man sich in den abgelegenen Regionen Afghanistans umsieht, stellt man fest, dass sich für die Frauen dort nichts verändert hat. Sie werden immer noch wie Sklaven behandelt. Wie Tiere. Bis eine Frau in dieser Gesellschaft als Mensch wahrgenommen wird, vergeht noch viel Zeit.“
Die Situation im Land habe sich demnach auch nach 2001 nur wenig verändert. Die vorherrschende konservative Tradition schreibt zahlreiche Verhaltenscodes für beide Geschlechter vor. Frauen werden dabei jedoch strukturell stark benachteiligt. So seien in vielen Provinzen Burkas nach wie vor üblich. Nur selten übten Frauen einen Beruf aus oder dürften ohne männliche Begleitung das Haus verlassen. Zwangsverheiratung und Ehrenmorde seien weiterhin an der Tagesordnung. Würde ein Vergewaltigungsfall überhaupt vor Gericht verhandelt, dann ende die Verhandlung im Normalfall mit einer Haftstrafe für die Frau, der dann Ehebruch oder vorehelicher Geschlechtsverkehr vorgeworfen wird. Oder sie werde dazu gezwungen ihren, Vergewaltiger zu heiraten, was häufig geschehe. Frauen würden sich bei lebendigem Leib mit Hilfe von Speiseöl verbrennen, um häuslicher Gewalt zu entkommen. Töchter würden als probate inoffizielle Währung gelten, wenn Väter ihre Schulden begleichen und Streitfälle beilegen.
Bacha posh – Ein weit über Afghanistan hinaus verbreitetes Phänomen.
Die individuellen Geschichten, die Jenny Nordberg in ihrer Reportage detailliert darlegt und dank ihres enormen Hintergrundwissens gekonnt in die aktuellen Geschehnisse und Umstände des Landes einbettet, beschreiben einen „Mikrokosmos innerhalb etwas viel Größerem“. Um zu überleben oder um etwas mehr Freiheit erfahren zu können, seien auch in Disapora-Gemeinschaften in ganz Europa oder den Vereinigten Staaten zahlreiche Frauen aus konservativen Familien als Burschen aufgewachsen. Es ist eine Form des verborgenen Widerstands, der sich nicht nur auf Afghanistan beschränkt. Das Phänomen der bacha posh findet sich überall auf der Welt. „Sich als jemand oder etwas anderes ausgeben zu müssen, war und ist das Schicksal vieler Frauen und Männer, die Unterdrückung erfahren und sich gegen Unfreiheit wehren.“ Jenny Nordberg nennt es einen „subversiven Akt der Infiltration“, der jede*n betreffen kann, die/der sich als Mitglied einer anerkannten und akzeptierten Gruppe ausgibt oder sogar ausgeben muss. Das kann sowohl einen schwulen Soldaten, der sich nach außen als hetero definiert, als auch eine jüdische Familie, die vorgibt, protestantisch zu sein, betreffen.
Abschließend macht die Autorin darauf aufmerksam, dass Männer nicht als Gegner, sondern als Mitspieler gesehen werden sollten. Sie seien vielmehr der Schlüssel, um gesellschaftliche Veränderungen voranzutreiben. Denn im Endeffekt stehe hinter jeder erfolgreichen afghanischen Frau, der es möglich war, zu neuen Ufern aufzubrechen, ein Vater, der Ehre und Gesellschaft eben anders definiere, indem er seine Tochter fördert.
Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Infos:
UNIFEM Afghanistan Mission, >>UNIFEM Afghanistan Fact Sheet 2007<<, unifem.org. Darin heißt es: >>70 bis 80 Prozent der Frauen in Afghanistan sind von Zwangsverheiratung betroffen.<<
Human Rights, United Nations Assistance Mission in Afghanistan Kabul, Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights Geneva, >>Harmful Traditional Practices and Implementation of the Law on Elimination of Violence against Women in Afghanistan<<, 9. Dezember 2010, unama.unmissions.org. Der Bericht schildert eine dieser tödlichen traditionellen Praktiken: >>Sogenannte >Ehrenmorde< gründen auf dem Recht eines Mannes, ungestraft eine Frau zu töten, weil sie durch unmoralisches Verhalten der Familienehre Schaden zugefügt hat. Der Mord wird durch einen oder mehrere Verwandte des Opfers verübt, welches ihrer Überzeugung nach Schande über die Familie gebracht hat.<<
Human Rights, United Nations Assistance Mission in Afghanistan Kabul, Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights Geneva, >>Silence Is Violence: End the Abuse of Women in Afghanistan<<, Kabul, 8. Juli 2009. Dieser Bericht befasst sich mit der hohen Zahl von Vergewaltigungen in Afghanistan sowie mit der Frage, warum die Opfer sich scheuen, die Täter anzuzeigen oder eine Entschädigung zu fordern. Insbesondere wird festgehalten: >>Die Schande trifft eher das Opfer als den Vergewaltiger. Oft werden die Opfer selbst wegen zina (Unzucht) angeklagt, und der Zugang zur Justiz wir ihnen verweigert.<<
Human Rights, United Nations Assistance Mission in Afghanistan Kabul, Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights Geneva, >>Harmful Traditional Practices and Implementation of the Law on Elimination of Violence against Women in Afghanistan<<, 9. Dezember 2010, unama.unmissions.org. >>Zu den tragischsten Folgen traditioneller Gewalt gehört die Selbstverbrennung – die in manchen Teilen Afghanistan häufiger zu werden scheint.<<
Human Rights, United Nations Assistance Mission in Afghanistan Kabul, Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights Geneva, >>Silence is Violence: End the Abuse of Women in Afghanistan<<, Kabul, 8. Juli 2009. Darin heißt es: >> Oft wird von allen Beteiligten auch eine Ausgleichzahlung oder baad als Lösung akzeptiert.<<