Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Österreich und die SDGs.

Im Jahr 2015 haben die Vereinten Nationen einen Meilenstein gesetzt: 193 Mitgliedsstaaten einigten sich auf die sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs) – die nachhaltigen Entwicklungsziele. Insgesamt 17 Ziele, die bis 2030 erreicht werden sollen, bilden seitdem den globalen Rahmen für eine gerechtere, friedlichere und nachhaltigere Welt.

Nun, zehn Jahre später, zog die Plattform SDG Watch Austria – ein Zusammenschluss von mehr als 230 zivilgesellschaftlichen und gemeinnützigen Organisationen – Bilanz: Was wurde in Österreich und global erreicht – und wo liegt man zurück? Diese und weitere drängende Fragen wurden im Rahmen der Veranstaltung „10 Years of the SDGs – What Now? Pathways Towards a Just Transition“ am 24.09.2025 in der Blumenfabrik in Wien mit Professor Adil Najam von der Boston University als Gast diskutiert.

Warum die SDGs wichtig sind.

Anders als frühere Entwicklungsziele berücksichtigen die SDGs soziale, ökologische und ökonomische Aspekte gleichermaßen. Als „globaler Aktionsplan“ bieten sie wichtige Anreize für Staaten, Städte, Unternehmen und Bürger*innen. Kritische Stimmen bemängeln zwar, dass die Ziele als „Mindestkompromiss“ zu vage und zu breit gefasst seien. Doch darin steckt auch ihr Potential: Sie sind ein multilateraler Gegenentwurf zu kurzfristigem Denken, Abschottung und nationaler Willkür, der gerade in politisch stürmischen Zeiten einen Orientierungspunkt bietet. Zudem eröffnen die SDGs einen Gesprächsraum über eine gerechtere Zukunft und verankern das Prinzip, dass Fortschritt nicht alleine an wirtschaftlichen Tätigkeiten festgemacht wird.

Der weltweite Stand: Ein durchwachsenes Bild.

Doch wie erfolgreich war die bisherige Implementierung der SDGs? Die gute Nachricht: Viele Länder bemühen sich weiterhin, die Agenda 2030 umzusetzen. Doch seit der Covid-19-Pandemie hat sich der Fortschritt deutlich verlangsamt. Mehrere Krisen – Klimakrise, geopolitische Konflikte, steigende Ungleichheiten, Finanzierungsprobleme – haben die Umsetzung gebremst. Besonders problematisch ist die globale Entwicklung bei SDG 2 (Kein Hunger), SDG 11 (nachhaltige Städte und Gemeinden), SDG 15 (Leben an Land) und SDG 16 (Frieden, Gerechtigkeit, starke Institutionen). Laut dem „Sustainable Development Report“, der den weltweiten Fortschritt bei der Umsetzung der SDGs bewertet, werden bis 2030 voraussichtlich nur rund 17 Prozent der Ziele erreicht sein.

Österreichs Zwischenbilanz: gut gemeint, aber nicht genug.

Österreich gilt im globalen Vergleich als ambitioniert, wenn es um die Umsetzung der SDGs geht. Besonders bei der Armutsbekämpfung und im Bereich sauberer Energie schneidet das Land vergleichsweise gut ab. Doch beim genaueren Hinsehen zeigt sich, dass der ökologische Fußabdruck Österreichs enorm ist. Besonders schlecht steht es um SDG 12 (nachhaltiger Konsum und Produktion) sowie SDG 13 (Maßnahmen zum Klimaschutz). Im internationalen Vergleich landet Österreich hier auf Platz 151 von 167 Staaten. Negative „Spill-over-Effekte“, also die Verlagerung von Umwelt- und Sozialproblemen ins Ausland, verschärfen die Problematik, auch wenn sie in den offiziellen Daten kaum auftauchen.

Einen Vorgeschmack auf den kommenden Fortschrittsbericht zu den SDGs in Österreich, der im Oktober erscheint, präsentierte die SDG Watch Austria Koordinatorin Caroline Krecké. Sie sieht im Mangel einer ganzheitlichen Strategie zur Umsetzung der SDGs ein zentrales Problem. Während die SDGs langfristige Planung verlangen, wird die Priorität in der politischen Praxis oft auf kurzfristige Erfolge gelegt. Zudem kritisiert SDG Watch Austria, dass die sogenannte Wirkungsfolgenabschätzung (WFA) – ein Instrument, das helfen soll, die Konsequenzen neuer Gesetze frühzeitig zu prüfen – in der Praxis unzureichend eingesetzt werde. Oft erfolge die Analyse erst nach den Verhandlungen, kritische Auswirkungen bleiben aufgrund einer lückenhaften Datenlage ausgeblendet. Zudem findet kaum eine öffentliche Diskussion über den Umgang mit negativen „Spill-over-Effekten“ statt. Erschwerend komme hinzu, dass innerhalb der Verwaltung das Silodenken ausgeprägt sei: Ressorts arbeiten aneinander vorbei, Organisationen und Ebenen sind schlecht vernetzt. Dadurch werde das Potential der SDGs nicht ausgeschöpft.

Adil Najams Keynote: ein Plädoyer für Mut und Perspektive.

Besonders eindringlich sprach der Umweltwissenschaftler und Präsident des World Wide Fund for Nature (WWF) Adil Najam in seiner Rede „Global Reflections on the SDGs at 10 Years: Where Do We Go from Here?“. Najam mahnte, dass man die SDGs nicht als 17 separate Baustellen verstehen dürfe. „Es gibt nicht 17 Ziele, sondern nur ein Ziel: menschliche Entwicklung“, betonte er.

Er warnte davor, die SDGs vor allem als Ansammlung von Problemen und unerreichbaren Zielen zu betrachten. Stattdessen müsse das Narrativ der Hoffnung gestärkt werden: Die SDGs seien ein Beweis dafür, dass eine bessere Welt möglich ist. Zwar sei die klassische Idee von ‚Entwicklung‘ mittlerweile überholt, doch bleibe die zentrale Frage – ähnlich wie Kinder, die vom Rücksitz aus fragen: „Sind wir schon da?“. Auch wenn das große Ziel einer umfassenden menschlichen Entwicklung noch nicht erreicht sei, stimme die eingeschlagene Richtung, betonte Najam.

Doch Najam kritisierte ebenfalls das weitverbreitete Silodenken. Das Potential der SDGs werde verschenkt, wenn man sie in einzelne Schubladen trenne, statt die übergeordnete Vision zu betonen. Sein Vorschlag: weg von technokratischen Detaildiskussionen, hin zu einer echten „Ownership“ der SDGs durch die Gesellschaft. Nachhaltige Entwicklung dürfe nicht als Last, sondern müsse als Chance begriffen werden. „Entwicklung ist nicht das Problem, sondern Teil der Lösung“, so Najam.

Ein Blick nach vorn: Die letzten fünf Jahre bis 2030.

Die Veranstaltung von SDG Watch Austria hatte nicht nur den Rückblick im Fokus, sondern auch die Frage: Wie geht es weiter – und was geschieht nach 2030? Klar ist: Die kommenden fünf Jahre sind entscheidend. Die konkreten Empfehlungen von SDG Watch Austria reichen von stärkeren Wirkungsfolgenabschätzungen bei neuen Gesetzen und klaren Verantwortlichkeiten bis hin zu einer intensiveren öffentlichen Einbindung und Bewusstseinsbildung.

Die SDGs sind nicht perfekt, doch sie bleiben der bislang umfassendste Versuch, Menschheit und Planet in ein nachhaltigeres Gleichgewicht zu bringen. Österreich zeigt dabei Stärken, aber auch massive Schwächen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, den Kurs bis 2030 spürbar zu ändern – und das Fenster der Möglichkeiten nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.

 

Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Titelbild © SDG Watch Austria

 

Weiterführende Links:

Der Sustainable Development Report 2025 der UN bewertet die SDG-Umsetzung von 167 Ländern und negative Spillover Effekte.

Freiwilliger Nationaler Bericht zur Umsetzung der Agenda 2030 und der Nachhaltigen Entwicklungsziele / SDGs in und durch Österreich (FNU).

Veröffentlicht in Globale Ungleichheiten, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.