Nachdem im ersten Teil beschrieben wurde, wie sich Entwürdigungen in die Psyche einschreiben und oft das Denken und Empfinden der entwürdigten Person dominieren, stellen sich Fragen nach Gegenstrategien: Wie kann man der Verinnerlichung der Degradierung entgegenwirken? Was braucht es, um mentale Stärke wiederzugewinnen, in Anbetracht einer rassistisch strukturierten Gesellschaft?
Selbstwertschätzung als Form des Widerstands.
bell hooks’ Buch „Black Looks. Popkultur – Medien – Rassismus“ enthält einen Essay, der in diesem Kontext von großer Bedeutung ist: „Schwarzsein lieben als Form des politischen Widerstands“. Zu Beginn dieses Essays betont bell hooks, dass die schwarzen Studierenden in ihren Seminaren oft über Selbsthass sprechen und und plädiert für eine Änderung der Denkweise und der Haltung zu sich selbst. Bei der Analyse vom Roman Praisesong for the widow (dt.: Loblied für die Witwe) von Paule Marshall vermerkt sie über einen der Charaktere: „Um sich selbst wiederzufinden, muss sich Avey die Vergangenheit neu erschließen, ihre Kultur und Geschichte verstehen, ihre Vorfahren bejahen und Verantwortung übernehmen, um anderen Schwarzen zu helfen, ihr Bewusstsein zu entkolonisieren.“ Der Essay endet mit einer radikalen, politischen Vision: „Wenn wir Selbstliebe als revolutionäres Eingreifen praktizieren und so die Machtausübung über uns vereiteln, gewinnen wir Schwarzen und unsere Kampfverbündeten an Stärke.“ Doch warum ist Selbstliebe ein „revolutionäres Eingreifen“? Und was bedeutet es, sich „die Vergangenheit neu zu erschließen […]“?
Ein neuer Blick auf Geschichte und Politik.
Im Hinblick auf Kolonialismus gibt es zwei Arten von Geschichte: Es gibt die Geschichte der Degradierung, Entwürdigung, Ausbeutung und Unterwerfung und es gibt die Geschichte des Protests, der Rebellion, des Widerstands gegen Unterdrückung. Es ist wichtig, sich bewusst zu sein, dass man entscheiden kann, wie und woran man sich erinnert. Man denke an Mahatma Gandhi oder Francois-Dominique Toussaint Louverture, der die Sklaverei in der Dominikanischen Republik abschaffte oder Rosa Parks, eine der Initiator*innen der Bürgerrechtsbewegung.
Dies sind nur einige bekannte Beispiele für Widerstand aus einer unterdrückten Position heraus. Es ist wichtig, sich auch diese Momente der Geschichte immer wieder zu vergegenwärtigen. Bezugnehmend auf die Zitate von Alicia Soller, wird nun verständlich, weshalb Selbstliebe lebensnotwendig ist. Selbstliebe ist eine Haltung zu sich selbst, geprägt von Wertschätzung und Bestätigung, vollkommen und bedingungslos. Selbstliebe ist ein Ansatz der geistigen Dekolonisierung durch die Wiedererlangung von Respekt und Würde und somit eine Form des Widerstands gegen Politik und Medien, die nicht-europäische Menschen entweder übersehen oder zum Objekt degradieren.
Der Weg zur selbstbestimmten Identität.
In einem Interview skizzierte Nicole Suzuki, Politikwissenschaflerin und Lehrerin (u.a.) die Voraussetzungen, um radikale Veränderungen zu ermöglichen: „[…] verlernen bedeutet nicht einfach, Geschichten der Gewalt zu leugnen, sondern vielmehr, Geschichten der Gewalt wie auch den Widerstand dagegen zu benennen, als ein Weg, um soziale Veränderung anzustreben.“
Eine andere Sichtweise manifestiert sich in der Haltung von Jasmin Sehra, die auf ihrem Blog schreibt: „Während ich wachse, stelle ich fest, dass ich noch mehr meine Kultur, meinen Hintergrund und alles, was er enthält, wertschätze. Noch wichtiger ist, dass ich weiterhin lerne, mich selbst zu lieben.“
Die Zitate von Nicole Suzuki und Jasmin Sehra verweisen auf die Notwendigkeit, einen Blick auf Geschichte und Politik zu werfen, der Situationen des Aufbegehrens berücksichtigt. Beide betonen die existenzielle Bedeutung umfassender Selbstwertschätzung als Instrument im Prozess der geistigen Dekolonisierung. Relevant und absolut notwendig ist es also, internalisierte Bilder, Sprech- und Denkweisen zu hinterfragen und zu dekonstruieren sowie Selbstermächtigung und Selbstwertschätzung in den eigenen Alltag zu integrieren.
Nitin Bharosa ist Kulturwissenschaftler und lebt derzeit in Wien. Der Artikel ist ein Auszug aus seinem Vortrag zu “Resistance and Self-Love. Strategies to decolonize the mind.” vom 3. Mai 2019 im Depot in Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
bell hook’s Buch „Black Looks. Popkultur – Medien – Rassismus“ bei ChickLit