Widerstand und Selbstliebe: Strategien zur geistigen Dekolonisierung. Teil I

„Emanzipiert euch von geistiger Sklaverei. Niemand außer uns selbst, kann unseren Geist befreien“ singt Bob Marley in Redemption Song (dt.: Erlösungslied). Was meint er mit „geistiger Sklaverei“ und wie können sich betroffene Menschen davon befreien?

In seinem Essay „Kulturelle Identität und Diaspora“ untersuchte Stuart Hall den „traumatischen Charakter der kolonialen Erfahrung“ und schrieb: „Die verschiedenen Weisen, mit denen schwarze Menschen und schwarze Erfahrungen in den dominanten Repräsentationsregimes positioniert und unterworfen wurden, waren Effekte einer gezielten Ausübung von kultureller Macht und Normalisierung. Wir wurden durch jene Regimes nicht nur im Sinne von Saids ‚Orientalismus‘ innerhalb der Wissenskategorien des Westens als unterschiedene und andere konstruiert. Vielmehr hatten sie die Macht, uns dazu zu bringen, dass wir uns selbst als ‚Andere‘ wahrnahmen und erfuhren.“

Verinnerlichung von Rassismus.

Bei diesen Erläuterungen wird die Verbindung von Rassismus und Kolonialismus deutlich. Außerdem  hebt Stuart Hall hervor, wie die Selbstwahrnehmung davon verändert wird. Welche Wirkung haben Rassismus und Kolonialismus auf das Selbst und die Identität? Wie beeinflussen sie Gedanken, Gefühle, Ziele, Einstellungen und Lebensgefühl?

Auf dem Blog Everyday Feminism (dt.: Jeden Tag Feminismus) veröffentlichte Alicia Soller einen kurzen Text, der sich diesen Fragen widmet. In ihrem Artikel mit dem Titel 4 ways colonial mentality taught me to hate myself and how I fight it every day (dt.: 4 Arten, wie koloniale Mentalität mir beigebracht hat,mich selbst zu hassen und wie ich jeden Tag dagegen ankämpfe) nennt sie vier Arten ‚kolonialer Mentalität‘:

„1. Ich wurde konditioniert zu glauben, dass ich ‚anders‘ war und deshalb minderwertig.
2. Ich hatte mangelhafte Körperwahrnehmung.
3. Ich schämte mich, philippinische Amerikanerin zu sein.
4. Ich spürte einen Konflikt mit meiner Identität und zweifelte, ob ich ‚genug‘ war.“

Konsequenzen für Bewusstsein und Gesundheit.

Soller färbte ihre Haare, um weniger ‚asiatisch’ auszusehen und amerikanisierte die Aussprache ihres Namens. Diese Einstellung, das heißt,  die eigene Kultur nicht anzunehmen, sondern abzulehnen, war geprägt von der Haltung, die sie von ihren Eltern übernommen hatte. Es dauerte viele Jahre, bis sie diese Form der Selbstverleugnung überwinden und ihre Herkunft akzeptieren konnte. Davor litt sie an Depressionen, ausgelöst durch mangelndes Selbstvertrauen und ein Gefühl der Wertlosigkeit, bedingt durch den Glauben, keine Würde zu haben.

Der dehumanisierende Prozess der Objektivierung von nicht-europäischen Menschen, der die Basis von Kolonialismus bildet, führt zu ‚kolonialer Mentalität‘, die von Alicia Soller folgendermaßen definiert wird: „Koloniale Mentalität ist eine Form verinnerlichter Unterdrückung, die kolonisierte Menschen konditioniert zu glauben, dass ihre ethnische oder kulturelle Identität minderwertig sei im Vergleich zur westlichen Kultur oder Weißsein.“ Geschildert wurde, wie rassistische Ideologie bei nicht-europäischern Menschen zu einer Abwertung der eigenen Identität führt. Der zweite Teil behandelt nun die Frage, wie man sich von internalisierten, kolonialen Weltbildern lösen kann.

Nitin Bharosa ist Kulturwissenschaftler und lebt derzeit in Wien. Der Artikel ist ein Auszug aus seinem Vortrag zu „Resistance and Self-Love. Strategies to decolonize the mind.“ vom 3. Mai 2019 im Depot in Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Im zweiten Teil des Artikels geht es um Gegenstrategien zur geistigen Kolonisierung in einer rassistisch strukturierten Gesellschaft.

 


Weiterführende Links:

Stuart Halls‘ „Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2“ bei Facultas

Artikel von Alicia Soller auf everydayfeminism.com


 

Veröffentlicht in Globale Ungleichheiten, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.