Um Rassismus in seiner Komplexität ansatzweise erfassen, analysieren und entgegenwirken zu können, sollten sich alle Menschen gleichermaßen die Frage stellen: wie können wir rassistische Denk- und Handlungsmuster aufbrechen? Dabei ist es zentral, zu verdeutlichen, dass Rassismus keineswegs nur ein Problem von Schwarzen Menschen beziehungsweise denjenigen ist, die von einer vermeintlichen Mehrheit als nicht weiß gelesen werden. Rassismus ist ein strukturelles Phänomen, das alle miteinbezieht.
Woher kommst du? – Nein, aber woher kommst du wirklich?
Diese Fragen hören vor allem Schwarze EU-Bürger*innen, die in einer weißen Dominanzgesellschaft leben und von dieser als Schwarz beziehungsweise ‚nicht europäisch‘ wahrgenommen werden, nicht selten. Koloniale, rassistische Denk- und Handlungsmuster existieren und wirken heute nach wie vor. Die Frage – meist von weißen Staatsbürger*innen gestellt – spricht Menschen damit eine Zugehörigkeit zur jeweiligen Gesamtgesellschaft ab. Ganz gleich, ob die Person hier aufgewachsen ist, akzentfrei die Sprache beherrscht, oder die Staatsbürger*innenschaft besitzt. Menschen stellen diese Frage oft unüberlegt, aus der eigenen privilegierten Position heraus. Sie reflektieren weder die Emotion, die die Frage beim Gegenüber auslösen könnte, noch die dahintersteckende Annahme, dass ‚richtige‘ Europäer*innen weiß zu sein haben und eine Schwarze europäische Identität nicht wirklich existiere.
„Mir fehlt die weiße Hautfarbe“ – Wofür überhaupt?
Eine Frage, die sich die Autorin bereits oft selbst gestellt hat. Aktuelle migrationspolitische Debatten und gesellschaftliche Diskurse tragen dazu bei, gewisse Gruppen von Menschen zu diskriminieren und von einer weißen Dominanzgesellschaft abzugrenzen. Oft geschieht dies entlang des vermeintlich einfach zu erkennenden Aspekts der Hautfarbe. Menschen, die als nicht ‚typisch österreichisch‘ beziehungsweise im Kontrast zur Dominanzgesellschaft als anders wahrgenommen werden, erfahren aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes oder anderen Merkmalen wie (Nach-)name oder Sprache, Ausgrenzung und Diskriminierung.
Um dem entgegenzuwirken, bedarf es einer Auseinandersetzung mit alltäglichen Erfahrungen sowie Lebensrealitäten von Schwarzen EU-Bürger*innen, die in Europa ihren Lebensmittelpunkt haben und trotz Staatsbürger*innenschaft als nicht zugehörig wahrgenommen werden. Auf diese Weise werden unterschiedliche Narrative sichtbar und verschiedene Stimmen hörbar. Nur so können Schwarze EU-Bürger*innen eine von allen Seiten anerkannte europäische Identität erlangen, ohne sich ständig erklären zu müssen.
Wie werden rassistische Denk- und Handlungsmuster sichtbar?
Um Narrative Schwarzer EU-Bürger*innen mit othering-Erfahrungen in einer weißen Dominanzgesellschaft aus rassismuskritischer Perspektive zu untersuchen, ist eine intersektionale Analyse, eingebettet in postkoloniale und feministische Ansätze zielführend. Eine Analyse dieser Narrative zeigt, dass othering-Prozesse, also eine Differenzierung zwischen ‚wir‘ und ‚anderen‘, rassistische Denk- und Handlungsmuster sichtbar machen. Othering beschreibt eine konstruierte Unterscheidung zwischen Gruppen. Eine bestimmte Gruppe kennzeichnet gewisse Personen als ‚anders‘, ‚fremd‘ und nicht zugehörig. Im Gegensatz dazu entsteht eine ‚Wir-Gruppe‘, welche die durch den othering-Prozess benannte ‚andere‘ Gruppe ausschließt und diskriminiert. Schwarze Menschen in weißen Mehrheitsgesellschaften sind othering-Praktiken aufgrund der Vorstellung von weißen Europäer*innen als Norm quasi automatisch ausgesetzt. Othering-Prozesse reproduzieren rassistische Strukturen entlang von Kategorien wie Hautfarbe, Sprache, Staatsbürger*innenschaft aber auch Gender, Bildung, oder sozialer Herkunft.
Welche Auswirkung haben othering-Praktiken auf Schwarze EU-Bürger*innen?
Othering-Praktiken, die anhand unterschiedlicher intersektionaler Kategorien sichtbar werden, wirken rassistisch, beeinflussen sich gegenseitig und auch, wie diskriminierte Personen sich selbst positionieren und ihre Identität in einer weißen Dominanzgesellschaft bilden. Die Infragestellung der Herkunft ist nur ein Beispiel, das diese rassistischen Praktiken skizziert. Einige Schwarze EU-Bürger*innen sehen sich in ihrem Alltag ständig mit der Herkunftsfrage konfrontiert. Dahinter vermuten etliche die tatsächliche Frage: „Wenn du von hier bist, warum bist du dann Schwarz?“. Genau diese Vorstellung von ‚weiß sein‘ als europäische Norm reproduziert rassistische Denkmuster.
Auch Sprache kann als Praktik von othering instrumentalisiert werden: Schwarze Menschen berichten, dass sie aufgrund ihrer Hautfarbe oft auf Englisch angesprochen werden. Dahinter steckt die Annahme, dass sie kein Deutsch sprechen können. Berichten zufolge nutzen einige Schwarze ihre Deutschkenntnisse als strategisches Tool, um diesen Situationen entgegenzutreten.
Ein EU-Pass schützt nicht vor rassistischer Diskriminierung.
Trotz einer EU- Staatsbürger*innenschaft verdeutlichen Gespräche mit Schwarzen Menschen fortwährende rassistische Strukturen und Diskriminierungserfahrungen. Obwohl das Konzept der Staatsbürger*innenschaft daran geknüpfte Rechte, Pflichten und Privilegien gleichermaßen für alle Bürger*innen zugängig machen sollte, schützt es Menschen nicht vor Ausgrenzung und rassistischen Diskriminierungserfahrungen. Ein System der weißen Dominanzgesellschaft spricht ihnen eine vollständige Zugehörigkeit ab – EU-Pass hin oder her.
Die Autorin hat Internationale Entwicklung an der Uni Wien studiert und untersuchte in ihrer Masterarbeit, inwieweit sich othering-Erfahrungen Schwarzer EU-Bürger*innen in der weißen Dominanzgesellschaft auf die Bedeutung von Wahrnehmungen und Erscheinungsbildern auswirken. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Rassismusanalyse und -kritik, kritische Migrationsforschung, Intersektionalität und postkoloniale sowie feministische Theorien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Welchen zusätzlichen Einfluss othering-Praktiken auf Schwarze EU-Bürger*innen haben, steht im Fokus des nächsten Artikels in dieser Reihe. Dabei sind Strategien und Widerstandsformen sowie die eigene Positionierung von Menschen mit Diskriminierungserfahrungen zentral.
Titelbild © Tatu Kosonen, commons, wikimedia