Neue Perspektiven eröffnen.
Am 23. Oktober wichen die Bücherregale der C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik bereits zum fünften Mal Mikrofonen und Stuhlreihen, um PoetInnen im Rahme des C3-Slams eine Bühne zu bieten. Der C3-Slam fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe Bildung im Centrum statt. Diese Veranstaltungsreihe ist eine Kooperation der C3-Organisationen ÖFSE, BAOBAB, Frauen*Solidarität, Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik und dem Paulo Freire Zentrum. 2018 sind die Veranstaltungen dem Thema „Globalen (Un)Gleichheiten auf der Spur“ gewidmet. Das gemeinsame Anliegen der C3-Organisationen ist es, neue Perspektiven auf komplexe globale Zusammenhänge zu eröffnen und das Verstehen der dahinterliegenden Strukturen zu fördern. Durch den Abend führte Slampoetin, Autorin und Rapperin Yasmo. Für Interessierte gab es im Vorhinein die Chance an zwei aufeinander aufbauenden Workshops teilzunehmen. Teilnehmende konnten dort ohne Vorerfahrung und unter der Anleitung von Yasmo an Texten arbeiten, um sie dann beim C3-Slam zu präsentieren beziehungsweise zu „slammen“.
„Alle Sprachen sind willkommen!“
Poetry Slam „ist Begeisterung, ist Herz, ist Adrenalin pur, ist der 100 Meter Sprint der Literatur“ (Elwood Loud). Es ist aber nicht nur eine Form des Dichterwettstreits, sondern auch ein Format, das unterschiedliche Menschen miteinander ins Gespräch bringt und Raum bietet, Positionen und Sichtweisen interaktiv zu erörtern und Zusammenhänge dialogisch zu reflektieren.
Was den C3-Slam von anderen Poetry Slams unterscheidet, ist das Thema. Jedes Jahr gibt es ein bestimmtes Thema, auf das alle PoetInnen in ihren Texten inhaltlich und gestalterisch eingehen sollen. Der diesjährige C3-Slam bot die Möglichkeit, sich in unterschiedlichen Sprachen und Ausdrucksformen auf kreative und ungezwungene Art und Weise mit dem Thema Mehrsprachigkeit auseinander zu setzen. Globale Ungleichheiten sind auch in der Auseinandersetzung mit Sprachen wiederzufinden, sei es durch sprachliche Diskriminierung im Alltag oder durch die wiederholten Versuche auf politischer Ebene Sanktionen für Abweichungen in der Sprache im Rahmen der Debatten zu „Integration durch Sprache“ zu etablieren. Den teilnehmenden PoetInnen gelang es anhand einer Vielzahl von Themenbereichen das Thema Mehrsprachigkeit aufzugreifen.
7 Sprachen – 1 Slam.
Deutsch, Französisch, Englisch, Niederländisch, Persisch, Ungarisch und Finnisch. In diesen Sprachen wurden von insgesamt sechs PoetInnen Texte vorgetragen. Einer davon ist Henrik Szanto, ein alter Hase der europäischen Poetry Slam Szene, der mit Texten wie „Futur II“ und „Finnische Redewendungen“ für schallendes Gelächter im Publikum sorgte. Obgleich manche Texte von Teilen des Publikums aufgrund nicht vorhandener Sprachkenntnisse nicht verstanden wurden, kamen die Botschaften der Poetinnen durchaus an. „Sprache ist mehr als nur verbale Kommunikation“, merkte Yasmo an: „If you dont understand it, feel it.“ (dt.: „Wenn du es nicht verstehst, fühle es“)
Krieg und Frieden, und Erasmus.
Die erste Poetin des Abends war Asiyeh Panahi. Sie lebt seit vier Jahren in Österreich und schreibt seit zwei Jahren Texte auf Deutsch. Ihr erster Text mit dem Titel „Bleiern“, handelte von einer Schule in Kabul, die Ziel eines Bombenanschlages wurde. Auf eindrucksvolle Art und Weise verhandelt Asiyeh Thematiken wie Flucht, Trauer, Krieg und Hoffnung und skizzierte mit ihren Worten die Erfahrungen ihrer Flucht aus Afghanistan nach Österreich.
Der niederländische Slammer Nils beschwert sich auf Niederländisch, dass er auf Deutsch nicht so schön dichten könne. Später übersetzte er den Text auf Deutsch und Englisch. Dieser ständige Wechsel der Sprachen war auch im Text der dritten Poetin Lotti vorzufinden. Ihr Text „Erasmus“ beschäftigt sich auf spielerische, humorvolle Art und Weise mit dem Druck „die beste Zeit deines Lebens“ während eines Auslandssemester haben zu müssen und einer Frage, die zwar oft in unterschiedlichen Sprachen gestellt wird, aber immer die gleiche bleibt: „Was willst du machen, nach dem du fertig studiert hast?“ Diese Frage, mit der sich junge Menschen des Öfteren konfrontiert sehen, lösen in der Poetin tiefgehende Reflexionen aus: „Ich will alles oder nichts, ich will nicht warten sondern sofort alles haben.“, slammte Lotti.
Die Erste Runde wurde abgeschlossen von der erfahrenen Slammerin und Vorjahressiegerin des C3-Library Slam, Ann Air. Ihr Text „Leila“ handelte von Fremdzuschreibungen, mit denen geflüchtete Menschen konfrontiert sind und stimmte das Publikum erneut nachdenklich. Sie beendete ihren Slam mit einer auf Französisch gesungen Passage, welche abermals zeigte, dass Verständnis und Empathie über sprachliche Kenntnisse hinausgehen. In der zweiten Runde kam eine weitere Poetin aus den Vorbereitungsworkshops hinzu, die kurzfristig beschloss, ihren Text doch vorzutragen. Annas Text beschäftigte sich mit einem folgenreichen Erlebnis, das ihren Sommer tiefgreifend veränderte. Während dieser Zeit fragte sie sich des Öfteren: „Was wäre wenn?“
Mehrsprachigkeit als Chance.
Der C3-Slam der Mehrsprachigkeit bot EinsteigerInnen sowie erfahrenen PoetInnen eine Bühne, um sich auf unterschiedliche Art und Weise mit Mehrsprachigkeit zu beschäftigen. Immer wieder waren fließende Übergänge zwischen den Sprachen erkennbar, die wirkungsvoll das Thema Mehrsprachigkeit aufgriffen.
Mehrsprachigkeit kann als Chance betrachtet werden, über die eigenen kulturellen und sprachlichen Grenzen hinaus zu blicken, gemeinsam festzustellen, dass die Auseinandersetzung mit Sprache uns alle betrifft. Im Kampf gegen Ungleichheit, Ausgrenzung und Rassismus ist Sprache ein wichtiger Austragungsort und bietet die Chance für mehr Toleranz, Rücksicht und Diversität.
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
– Eindrücke des Abends aus der C3 Fotogalerie
– Veranstaltungsreihe Bildung im C3ntrum
– Rückblick zu vergangenen Bildung im C3ntrum Veranstaltungen