Kurzzeitige Arbeitsmigration: Neue Evidenz und Entwicklungspotential

Permanente Emigration wird oft als ökonomische Bedrohung für das Ursprungsland angesehen: Regionaler Bevölkerungsverlust und die dadurch brach liegende Infrastruktur, ein Rückgang in Einkommen, Konsum und Investitionen können folgen. Es gibt jedoch auch positive Konsequenzen von Migration – gerade in ökonomischer Hinsicht. Eine spezielle Form von Emigration, nämlich die kurzzeitige Arbeitsmigration, von relativ armen zu reichen Wirtschaftsregionen bietet ein besonders starkes Entwicklungspotenzial. Kurzzeitige Migration und speziell saisonale Arbeitsmigration können zu Wohlfahrtsgewinnen in den Ursprungsländern führen, wenn MigrantInnen etwa fehlende Einkommensmöglichkeiten und Kreditrestriktionen durch Migration umgehen. In unserem Beitrag in der Fachzeitschrift Journal of Development Studies ermitteln wir Bestimmungsfaktoren und Auswirkungen von kurzzeitiger Arbeitsmigration von Armenien nach Russland. Hierfür werden die direkten Kosten der Migration und die Opportunitätskosten – insbesondere das Einkommen wäre man zuhause geblieben ¬ den zusätzlichen Einkünften aus dem Ausland gegenübergestellt. Die Resultate deuten auf einen nicht vernachlässigbaren Gewinn für die armenische Wirtschaft hin.

Design der Studie

Die zentrale methodische Herausforderung der Studie ist, das „konterfaktische Szenario“ – also den Lohn wäre man nicht migriert bzw. den Lohn wäre man migriert – zu ermitteln. Dieser hypothetische  Einkommensunterschied und seine Wirkung auf die Entscheidung kurzzeitig von Armenien nach Russland zu migrieren wird mithilfe eines zwei-stufigen Verfahrens (Switching Regression Model with Endogenous Switching) modelliert. Die Analyse basiert auf einer detaillierten Haushaltsbefragung in Armenien und beinhaltet relevante Haushalts- und Individualcharakteristika für die Jahre 2006-2010.

In der Studie konzentrierten wir uns auf niedrig bis mittel gebildete Männer, die hauptsächlich in der saisonalen Bauarbeit (fast 85%) in Russland Jobs finden. Für die Migration sprechen vor allem die institutionellen Rahmenbedingungen zwischen Russland und dem post-sowjetischen Armenien: Visafreiheit, geringe Sprachbarrieren und ein soziales Netzwerk armenischer Diasporagemeinden erleichtern die Migration nach Russland. Dennoch sind Arbeitsmigranten oft illegal beschäftigt und müssen mit harten Arbeitsbedingungen zurechtkommen.

Die Studie identifiziert folgende Hauptdeterminanten der kurzzeitigen Arbeitsmigration: Den erwarteten Einkommensunterschied, schlechte Jobaussichten im Heimatland und die Möglichkeit zur Diversifizierung des Einkommens. Im Gegensatz dazu sind familiäre Bindungen, welche die emotionalen Kosten der Migration ausmachen, für die kurzzeitige Migrationsentscheidung von untergeordneter Bedeutung.

Ein wesentlicher Aspekt der Studie ist, dass die Opportunitätskosten der Migration evaluiert werden. Es werden beide, sich ausschließende (kontrafaktische) Szenarien modelliert: Wegziehen, um Einkommen in Russland zu verdienen und zu Hause bleiben, um Einkommen in Armenien zu verdienen. Somit ist es möglich, das Einkommen eines Migranten im Ausland mit seinem kontrafaktischen Einkommen zuhause zu vergleichen. Für einen Nichtmigranten ist es genauso möglich, das Einkommen Zuhause dem kontrafaktischen Einkommen aus dem Ausland gegenüberzustellen.

Auswirkungen der Kurzzeitmigration auf die armenische Wirtschaft

Um die Auswirkungen von kurzzeitiger Arbeitsmigration ableiten zu können, ist es aus einer Wohlfahrtsbetrachtung entscheidend, die direkten Kosten und die indirekten Opportunitätskosten dem Einkommenszuwachs gegenüberzustellen. Die direkten Kosten beinhalten monatlich US$200 Lebenshaltungskosten (basierend auf Meinungen von IOM-Experten aus Interviews mit russischen Arbeitsmigranten) und US$ 800 Reisekosten zischen Armenien und Russland. Im Durchschnitt bleibt ein Arbeitsmigrant 7,5 Monate in Russland und erzielt dabei ein monatliches Einkommen von US$634 (siehe Tabelle 1). Basierend auf einer plausiblen Annahme, wird die Hälfte dieses Einkommens an die Familie nach Hause geschickt. Der hypothetische Einkommensunterschied – welcher die Opportunitätskosten beinhaltet – eines Kurzzeitmigranten nach Russland wird, relativ zu einem Einkommen von monatlich US$227 in Armenien, auf 279% geschätzt.

Tabelle 1: Hypothetischer Einkommensunterschied in US$ (Mittelwerte)

 

Mntl. Einkommen in Armenien

Mntl. Einkommen in Russland

Hypothetischer Einkommensunterschied

Migranten

227+

634

405

279%

Nichtmigranten

233

607+

374

261%

+ kontrafaktische Werte

Es ist ersichtlich, dass das Einkommenspotential der kurzzeitigen Arbeitsmigration für einen Nichtmigranten signifikant ist (261%) und fast jenem der Kurzzeitmigranten entspricht. Viele Armenier entschließen sich trotz dieses bedeutenden Einkommenspotentials nicht dazu kurzzeitig in Russland Arbeit zu suchen. Diese Nicht-migranten unterscheiden sich von den Migranten in ihren sozioökonomischen Charakteristika, wie beispielsweise fehlende soziale Netzwerke, fehlende Migrationserfahrung oder mehr Jobmöglichkeiten in Armenien aufgrund ihrer, im Durchschnitt höheren Bildung.

Die Auswirkungen der kurzzeitigen Arbeitsmigration für die armenische Wirtschaft können folgendermaßen dargestellt werden: Hunderttausend Kurzzeitmigranten jährlich führen zu Nettogewinnen von 0,8% der armenischen Wirtschaftsleistung im Jahr 2010. Dies entspricht den Geldrückführungen von permanent ausgewanderten Armeniern (laut IMF’s World Development Indicators). Schätzungen zufolge leben zirka 5-6 Millionen Armenier im Ausland, wohingegen 3,2 Millionen im Land selbst geblieben sind. Demzufolge legen die Auswirkungen der kurzzeitigen Arbeitsmigration ein bedeutendes Entwicklungspotential nahe. In der Diskussion um die Wohlfahrtseffekte von Migration sollte daher auf die spezifische Form der Migration Bezug genommen werden.

Literatur:

Christian Bellak, Markus Leibrecht, Mario Liebensteiner (2014) Short-term Labour Migration from the Republic of Armenia to the Russian Federation. Journal of Development Studies, 50(3), 349-367. Die Studie wurde durch den Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank (Projektnummer 13158) gefördert.

A.o.Univ.Prof. Dr. Christian Bellak forscht im Bereich Direktinvestitionen und Migration an der Wirtschaftsuniversität Wien. Priv.Doz. Dr. Markus Leibrecht ist Ökonom in Singapur. Dr. Mario Liebensteiner forscht im Bereich Regulierungsökonomik und Migration an der Wirtschaftsuniversität Wien. Reaktionen bitte an mario.liebensteiner@wu.ac.at oder redaktion@pfz.at

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Themen, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.