Wie hängen Medien, Humanitäre Hilfe und Sprache zusammen? – Über die Macht der Sprache und deren Einfluss auf Entwicklungen im Bereich der Humanitären Hilfe.
Das Panel The Humanitarian Sector in the Media: Worthwhile Struggle or Lost Cause? (dt.: Der Humanitäre Sektor in den Medien: Ein sinnvoller Kampf oder eine aussichtlose Sache?) fand im Rahmen des 5. Humanitarian Aid Congress am 29. März 2019 im großen Festsaal der Universität Wien statt. Unter der Moderation von Rubina Möhring (Reporter ohne Grenzen) diskutierten Melissa Fleming (UNHCR), Corinna Milborn (Journalistin), Regula Stämpfli (Politikwissenschaftlerin), Ben Taub (Journalist) und Hernan del Valle (Ärzte ohne Grenzen) die Rolle der Medien im Bereich der Humanitären Hilfe.
Wie Medien humanitäre Krisen darstellen und unsere Wahrnehmung beeinflussen.
Ob und wie humanitäre Krisen in den Medien thematisiert werden, beeinflusse unsere Wahrnehmung. Die Diskutant*innen verwiesen in diesem Zusammenhang besonders auf die Darstellung von Geflüchteten. Im Zuge zunehmend restriktiver Migrationspolitik in Europa würden NGOs für Rettungsaktionen im Mittelmeer kritisiert. Traditionelle, aber vor allem neue Medien wie Twitter und Facebook, spielen in der Diskriminierung von Migrant*innen eine bedeutende Rolle. Diese Entwicklungen und damit einhergehende Konsequenzen wurden im Panel kritisch analysiert.
Wer entscheidet, was berichtet wird?
Corinna Milborn verdeutlichte in der einleitenden Keynote, dass Journalist*innen derzeit in keiner leichten Situation seien, wenn sie über humanitäre Themen berichten. Über manche Ereignisse, wie kürzlich den Schiffsbruch eines norwegischen Kreuzfahrtschiffes mit 1.300 Personen an Bord, werde detailliert berichtet. Andere Tragödien, wie Fluchtversuche über das Mittelmeer, bei der bereits eine Vielzahl an Menschen ums Leben gekommen ist, würden mittlerweile außer Acht gelassen. Medien würden vielmehr auf das reagieren, was die Öffentlichkeit wissen will, folgerte die Journalistin. Statt sich dafür zu interessieren, was tatsächlich in Krisenregionen geschieht, sei es komfortabler zu denken, dass betroffene Personen für ihr Schicksal selbst verantwortlich sind. Menschen würden nicht als Betroffene von Kriegen, sondern vielmehr als „Bedrohung“ wahrgenommen, „und da tritt Rassismus bereits ein“, so Milborn.
Wo liegen die größten Herausforderungen?
Herausforderungen für Journalist*innen im Bereich der Humanitären Hilfe sah Milborn aktuell besonders in der fehlenden Finanzierung. Ein Aufenthalt in Krisengebieten, wie zum Beispiel Syrien, sei aufgrund der Gefahr sehr teuer. Daher würden Medien Journalist*innen vermehrt mit Humanitären Hilfsprojekten mitschicken, um deren Projekte zu besuchen. „Wenn [beispielsweise] die ganze Berichterstattung über Afrika von Hilfsprojekten ausgeht, kreiert das Bilder, die nicht der Wahrheit entsprechen“, kritisierte die Journalistin. Diese Bilder könnten aber nicht den ganzen Kontinent repräsentieren und würden Hierarchien zwischen sogenannten „Gebern“ und „Empfänger“ humanitärer Hilfe reproduzieren.
Anschließend ging Milborn auf neue Medien wie Facebook, Twitter und Youtube ein. Diese hätten keine journalistischen oder ethischen Standards zu befolgen und würden stark von „Likes“ abhängen. Die dominanten Diskurse in sozialen Medien würden Menschen, die vor Kriegen und Krisen fliehen, „entmenschlichen“. Die größte Herausforderung für Journalist*innen sei allerdings, dass es derzeit immer schwieriger werde, auf Basis der Menschenrechte zu argumentieren. „Damit hätten wir die gemeinsame Basis, die die Gesellschaft zusammenhält, verloren“, äußerte Milborn besorgt.
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“
Angelehnt an Ludwig Wittgenstein, waren auch die Diskutant*innen der Meinung, dass Sprache die Wirklichkeit konstruiere. Die Veränderung der Sprache in der österreichischen Medienlandschaft spiegle eine Veränderung der Sprache von Politiker*innen. Um Stimmen zu sammeln, werde Sprache gezielt – derzeit vor allem gegen Geflüchtete und Migrant*innen – eingesetzt, folgerte die Moderatorin aus der Keynote. Hernan del Valle ergänzte in der anschließenden Diskussion, dass die medial erzeugte Produktion von Angst und Hass gegenüber Migrant*innen ein europäisches, australisches und amerikanisches Phänomen sei. Del Valle sowie Regula Stämpfli argumentierten, dass moralische Narrative, die alle Menschenleben als wertvoll betrachten, aktuell nicht existieren würden. Dies führe schließlich auch dazu, dass geflüchtete Menschen im Mittelmeer ertrinken, was den Prinzipien humanitärer Hilfsorganisationen widerspreche, so del Valle. Dennoch „können wir es uns als humanitäre Hilfsorganisation nicht leisten, Medien als aussichtslos zu deklarieren […] Medien und Werte sind Teil unseres Equipments. Wir müssen also lernen, gegen den Wind zu segeln“, so del Valle.
„Worte sind entscheidend!“
Der zunehmende Populismus in Europa schaffe „ein problematisches Umfeld für die Berichterstattung und für qualitativ hochwertigen Journalismus“, schloss Fleming. In diesem Punkt waren sich alle Diskutant*innen und Kongressteilnehmer*innen einig. Sprache sei dabei ein nicht zu unterschätzendes (politisches) Machtinstrument. Dennoch sei es möglich, Diskurse zu verändern. „Je mehr wir humanisieren, desto mehr können wir den Narrativen begegnen. Die Leute müssten davon überzeugt werden, dass alle Menschenleben wertvoll sind“, ergänzte Fleming. Milborn zitierte abschließend del Valle und resümierte, dass es wichtig sei, „gegen den Wind zu segeln“, Dinge offen anzusprechen, und die Menschenrechte nicht aus den Augen zu verlieren. Anschließend erhoben sich zwei Schwarze Frauen* aus dem Publikum und erzählten von ihren eigenen Diskriminierungserfahrungen in Österreich. Aus Sicht der beiden Frauen* sei Rassismus in Österreich ein großes Problem. Rassistische Strukturen liegen wohl auch dem Diskurs um humanitäre Hilfe und Migration zu Grunde.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
Humanitarian Aid Congress Vienna
Fotos © Kellner Holly Thomas