„Jährlich flüchten Tausende Kinder ohne Eltern von Afghanistan nach Iran“. Mit diesem Satz beginnt der jüngste Film des persischen Regisseurs Houchang Allahyari. Die darauffolgenden neunzig Minuten führen dem Publikum eindrücklich vor Augen, was diese Worte für die Betroffenen bedeuten.
Der Spielfilm GOLI JAN ist ab dem 9. September in Originalsprache (Farsi/Dari) mit deutschen Untertiteln in den österreichischen Kinos zu sehen. Er wurde über mehrere Jahre hinweg mit Laienschauspieler*innen in Afghanistan und dem Iran gedreht. Auch der Regisseur übernimmt eine kleine Nebenrolle, in der er einen nach Wien migrierten Arzt spielt. Die Charaktere und der Handlungsverlauf sind fiktiv. Die Geschichte könnte sich jedoch so oder so ähnlich viele hundertmal abgespielt haben. Die Hauptcharaktere sind das Mädchen Goli Jan und der Junge Jawad, die von Afghanistan in den Iran fliehen. Grund dafür sind Armut, Krieg, mangelnde Meinungsfreiheit und die Unterdrückung von Frauen in der patriarchal organisierten Gesellschaft jener Regionen Afghanistans, die den Taliban unterstehen.
Afghanistans sozio-politischer Hintergrund.
Afghanistan ist seit dem Einmarsch sowjetischer Truppen 1979 und dem darauffolgenden Stellvertreterkrieg zwischen den USA, Saudi-Arabien und Pakistan mit der UdSSR politisch, wirtschaftlich und sozial zerrüttet. Im Zuge eines blutigen Bürgerkrieges konnten die Taliban nach 1994 einen Großteil des Landes unter ihre Kontrolle bringen. Die rechtliche Grundlage des von den Taliban regierten Staates war eine fundamentalistische Interpretation des islamischen Rechts (Scharia). Zwischen 1996 und 2001 waren der Bevölkerung sowohl Alkohol und Glücksspiel als auch Musik, Fernsehen, bildende Kunst, Sport und der Zugang zum Internet verboten. Mädchen durften nicht zur Schule gehen und das Haus nur verschleiert und in Begleitung eines männlichen Familienmitglieds verlassen. Nach den 2001 verübten Terroranschlägen auf das World Trade Center marschierten US-amerikanische Truppen in Afghanistan ein und vertrieben die Taliban vorerst in entlegene Regionen. Es gelang der Gruppierung jedoch, sich neu zu formieren, sodass seit 2006 Terroranschläge auf die internationale Afghanistan-Schutztruppe (ISAF) und die afghanische Zivilbevölkerung zunahmen. Für die Taliban stand nun die gewaltsame Durchsetzung ihrer Ideologie unter den Bewohnern*innen des Landes im Vordergrund.
Goli Jan und Jawad in Afghanistan.
Die Handlung des Films beginnt 2017 im Osten Afghanistans, unweit der Stadt Kandahār. Die Region wird von den Taliban kontrolliert und die Bewohner*innen leben unter bedrückenden Bedingungen. Das Land befindet sich im Bürgerkrieg, Frauen haben kaum Rechte, und wer sich den Taliban nicht unterordnet, riskiert sein Leben. So wird auch Goli Jans Vater nach einem Streit von Mitgliedern der Gruppe ermordet. Daraufhin müssen das Mädchen und ihre Mutter beim Bruder des Vaters wohnen. Goli Jans Onkel verspricht sie einem alten Mann, der bereits mehrere Frauen hat, gleichzeitig greifen die Taliban Jawad bei einem Botengang auf. Dem Jungen war es bis dahin gelungen, sich als Lebensmittellieferant einer Rekrutierung durch die Miliz zu entziehen. Der gefährliche und unsichere Weg in den Iran stellt für die zwei Jugendlichen die einzige Möglichkeit dar, ihrer ausweglosen Situation zu entkommen. Obwohl Goli Jan Jawad kaum kennt, beschließt sie, mit ihm zu fliehen.
Flucht in den Iran.
Für die Flucht verkleidet sich Goli Jan als Junge und gibt sich fortan als Cousin Jawads aus. Von einem Schlepper werden die beiden bis an die Grenze zwischen Afghanistan und dem Iran gebracht. Die Besitzerin einer Pension hilft ihnen, ohne Passkontrolle nach Teheran zu gelangen. Durch Glück begegnen sie dort einem afghanischen Mann, der für einen Bauunternehmer arbeitet und den Jugendlichen aus Mitleid Arbeit und Unterkunft verschafft. Schon bald jedoch geraten die zwei erneut in Schwierigkeiten, da Goli Jans Kollegen trotz der Verkleidung ahnen, dass es sich bei Jawads Cousin um ein Mädchen handelt. Nach einem Streit wird sie entlassen. Zudem lässt sie die Angst, verraten und von ihrem Onkel entdeckt zu werden, nicht mehr los.
Kurzes Glück in Teheran.
Ein weiteres Mal wird das Mädchen durch einen glücklichen Zufall gerettet. Jawad, der ein- bis zweimal pro Woche im Garten des Bauunternehmers arbeitet, vermittelt Goli Jan die Möglichkeit, der Frau des Unternehmers im Haus zu helfen. Ein gutes Jahr lang leben die Jugendlichen glücklich in Teheran und hängen ihren Zukunftsträumen nach. Doch durch den Verrat eines ehemaligen Kollegen konnte der Onkel seine Nichte finden und Goli Jan muss nun fürchten, von ihm ermordet zu werden. Obwohl der Bauunternehmer und seine Frau versprechen, das Mädchen zu schützen, sieht sie sich gezwungen, erneut zu fliehen und beschließt mit Jawad über die Türkei nach Europa auszuwandern. Das Ziel ist dieses Mal Wien. Dort wollen die zwei Kontakt zu einem persischen Arzt (Allahyari) aufnehmen, den sie während ihrer Arbeit auf der Baustelle kennenlernten.
Schonungslos ehrlich, aber humorvoll.
Einfühlsam, authentisch und mit viel Humor zeigt GOLI JAN den Kampf zweier junger Menschen gegen ihre aussichtslose Lage in Afghanistan und die Gefahren der Flucht. Ohne Übertreibung gelingt es dem Regisseur, das bewegte Schicksal einer ganzen Generation junger Afghan*innen zu beleuchten, die unter dem islamistischen Terrorregime und der patriarchalen Gesellschaftsordnung zu leiden haben. Besonders faszinierend sind die Einblicke in das tägliche Leben der Menschen auf den verschiedenen Stationen von Goli Jans Weg. Im Gedächtnis bleiben keine stereotypen Bilder, sondern lebendige Eindrücke. Klar wird, dass Gefahr kein abstrakter Begriff ist, sondern das Ergebnis menschlicher Gier nach Macht und Geld, die Gewalt, Unterdrückung und Verfolgung verursacht. Zugleich führt Allahyari dem Publikum vor Augen, dass Selbstbestimmung ebenso lebensnotwendig ist wie Sicherheit und die Erfüllung körperlicher Grundbedürfnisse.
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Weiterführende Links:
Goli Jan im Filmarchiv Austria
Retrospektive zu Houchang Allahyari
Titelbild © Goli Jan, Filmstill