Die Klimabewegung im Wandel: Vergangenheit und Zukunft der Fridays for Future.

Wo steht die österreichische Klimabewegung heute, fünf Jahre nach ihrem Mobilisierungshoch 2019? Das war die zentrale Frage der Veranstaltung „5 Jahre Fridays for Future: Blick zurück – Blick nach vorn“, die am 17. Oktober in der FAKTory vom Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien (IE) und der Arbeiterkammer (AK) organisiert wurde.

Einführend präsentierte Antje Daniel (Universitätsprofessorin an der IE) Erkenntnisse, Lehren und Ausblicke aus ihrer empirischen Untersuchung zu Fridays for Future (FF) und Umweltaktivismus in Wien. Sie begleitet in ihrer Forschung die Klimabewegung in Österreich und darüber hinaus seit 2019. Mehr zur internationalen Dimension der Klimaprotestforschung Daniels kann in der von ihr mitherausgegebenen aktuellen Ausgabe des Journals für Entwicklungspolitik (JEP) nachgelesen werden.

Anschließend fand eine Podiumsdiskussion mit Teresa Tausch und Laila Kriechbaum von Fridays for Future (FF), Lukas Oberndorfer (AK Wien) und Benedikt Narodoslawsky (Der Standard, Autor „Inside FF“) statt, die von Heinz Högelsberger (AK Wien) moderiert wurde. Obgleich sich alle Diskutant*innen einigen konnten, dass FF wie die Klimabewegung insgesamt vor großen Herausforderungen stehen, gingen die Einschätzungen dieser Herausforderungen, des bisherigen Werdegangs von FF und möglicher Zukunftsstrategien weit auseinander.

Fünf Jahre Protestforschung.

Daniel konnte aus ihrer Forschung einige Einsichten anbieten, wie sich FF und die Klimabewegung verändert und entwickelt haben. Sie sammelte und verarbeitete in den vergangenen fünf Jahren Daten zu den Einstellungen, Emotionen und soziodemographischen Merkmalen von Teilnehmenden an Klimaprotesten und Aktivist*innen.

2019 waren die FF sehr jung und weiblich geprägt. Die hohe weibliche Beteiligung ist etwas Ungewöhnliches, wie Daniel gerade im Vergleich mit früheren Umweltbewegungen hervorhob. Die Zukunft und die Sorge darum sind bis heute wichtige Themen für die Befragten. Seit 2019 hat sich verändert, so Daniel, dass der Klimawandel mehr in die Gegenwart gerückt ist. Eigene Erfahrungen mit Extremwetterereignissen wurden zuletzt vermehrt als Beweggrund für die Teilnahme an Klimaprotesten angegeben. Inhaltliche und formelle Veränderungsprozesse wurden auch während der Coronapandemie angestoßen. Zum einen gab es einen stärkeren Fokus auf die lokale Ebene, etwa die Lobautunnel-Proteste. Zum anderen, so Daniel, wurden erstmals andere Krisen, wie etwa die Pandemie, mit der Umweltkrise verknüpft. 2022 wurde das auch auf die Ukraine und Forderungen nach Frieden ausgeweitet. Daniel stellte fest, dass 2024 Ursachen und Lösungsansätze breiter und systemischer begriffen wurden und etwa grenzenloses Wirtschaftswachstum hinterfragt wurde. Allerdings gab sie auch zu bedenken, dass der diesjährige Klimaaktionstag im Vorfeld der Nationalratswahlen stattfand und deshalb möglicherweise stärker von Anhänger*innen der SPÖ und KPÖ für Mobilisierungszwecke aufgesucht wurde.

Daniel schreibt dem Aktivismus der FF einige Erfolge zu. Zum einen wurde die Öffentlichkeit für die Klimathematik sensibilisiert. Klimarat und -Volksbegehren wurden durchgesetzt und der Bau des Lobautunnels verhindert. Narodoslawsky und sie zeigten sich einig, dass die Mobilisierung von FF entscheidend für die Regierungsbeteiligung der Grünen war. Dabei betonte Daniel nicht nur die Außenwirksamkeit der Bewegung. Sie hob auch hervor, dass FF für junge Aktivist*innen einen wichtigen Lernort für Politik, Mobilisierung und Partizipation geboten hat und bietet. Somit hat FF vielen jungen Menschen den Weg in eine aktivere Auseinandersetzung mit der Politik ermöglicht. Dieser Punkt wurde später auch von Narodoslawsky und Oberndorfer aufgegriffen, die die Institutionalisierung der Klimabewegung hervorhoben. Diese sei auch durch den Eintritt von Klimaaktivist*innnen in die Politik und diverse gesellschaftliche Institutionen wie die AK und Medienhäuser vorangeschritten.

Trotz allgemein positiven Resümees hob Daniel auch negative Entwicklungen hervor. Ihre Forschung zeigt eine Abnahme der Hoffnung unter Demonstrierenden sowie eine Zunahme von Gefühlen der Machtlosigkeit. Zudem ist die Zukunft der Klimabewegung gerade in Hinblick auf die letzte Nationalratswahl ungewiss.

„Raus aus der Bubble“:  die (un)überwindbaren Grenzen der Klimabewegung.

Tausch und Kriechbaum unterstrichen die Bedeutung von Sozialforschung wie der Daniels als Werkzeug und Orientierungshilfe für ihre Bewegung.  Es ist allerdings nicht nur die Wissenschaft, mit der sie engen Austausch suchen. Kriechbaum betonte, die Bewegung sei in die Breite gewachsen und älter geworden. Die nächste Herausforderung bestehe darin, aus der mittelständischen, akademisch-studentischen Bubble auszubrechen und weitere Bevölkerungsschichten einzubinden.

Diesem Bestreben ist „Wir fahren gemeinsam“ (WFG), ein gemeinsames Projekt der Gewerkschaft vida, FF und System Change, not Climate Change geschuldet, an dem Tausch selbst beteiligt ist. Es handelt sich dabei um ein Beispiel der Tendenz, klima- und sozialpolitische Fragen stärker zu verknüpfen. Auch Daniel zeigte diesen Trend auf, relativierte allerdings, dass es sich hier oft um eine sehr vage Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit handelt, die nicht mit konkreten Forderungen für Verbesserungen für Frauen, Minderheiten oder Arbeiter*innen einhergeht. Wie Tausch unterstrich, ist gerade diese Konkretisierung der Fokus von WFG. Es verstehe Arbeitsbedingungen von Buslenker*innen als zentrale Voraussetzung für die Mobilitätswende. So soll vermittelt werden, dass Arbeitskämpfe und Klimagerechtigkeit nicht nur wie bisher oft „gegeneinander ausgespielt werden können, sondern dass es sogar zusammenhängt“. Auch über WFG hinaus wies Tausch auf die Notwendigkeit hin, Bündnisse auf Basis gemeinsamer Interessen von Arbeiter*innen und Klimabewegung zu schließen. Sie sprach Versäumnisse auf Seiten der Klimabewegung, Gewerkschaften und AK an, solchen Austausch in der Vergangenheit zu suchen. Kriechbaum meinte, dass es hierbei ehrliche Zusammenarbeit und gegenseitiges Vertrauen brauche.

Aus der Teilnehmer*innenperspektive an der Veranstaltung bezeugt die Kooperation mit der AK das Interesse, die Klimabewegung gegenüber breiteren gesellschaftlichen Schichten zu öffnen und Klima- und Sozialpolitik miteinander zu verknüpfen. Allerdings fällt gerade vor diesem Hintergrund der Veranstaltungsort in der FAKTory auf – ein Ort, der primär ein akademisches Publikum anspricht. Es scheint einiges an Arbeit vor der Klimabewegung zu liegen, um sich auch jenseits der rhetorischen Ebene zu öffnen. Dass der Wille dazu besteht, ist dennoch ein positiver erster Schritt. Insbesondere, weil es, wie Oberndorfer hervorhob, durchaus Klimabewusstsein unter Arbeiter*innen gibt, das bislang nicht politisch aufgegriffen wurde.

Wie kann und soll es weitergehen?

Die wohl pessimistischste Einschätzung der Zukunft von FF repräsentierte Narodoslawsky. Nach 2019 sei FF eine schwindende Bewegung. Der Klimabewegung sei eine Institutionalisierung des Umweltthemas gelungen. Doch nun liege es an den Akteur*innen innerhalb dieser Institutionen, seien sie selbst der Klimabewegung entwachsen oder davon beeinflusst, das Momentum fortzuführen. Das wirft zwei Fragen auf: Einerseits, ob es weiterhin eine organisierte Klimabewegung in Österreich braucht, und andererseits, ob FF eine zentrale Rolle darin spielen können wird. Seine Einschätzung, dass institutionelle Veränderungen wie das Etablieren von Umweltressorts, das Narodoslawsky selbst in seiner Tätigkeit als Umweltjournalist – damals beim Falter – nicht gelang, durch die Klimabewegung ermöglicht wurde, scheint zumindest für eine bejahende Antwort auf die erste Frage zu sprechen. Trotz seiner gegensätzlichen Überzeugung verbleibt unklar, ob weiterer Wandel ohne äußeren Druck durch die Klimabewegung stattfinden wird.

Skepsis ist berichtigt. Jedes Jahr locken die Klima-Protesttage weniger Menschen an und es ist in den vergangenen fünf Jahren kaum gelungen, der ursprünglichen mittelständischen Bubble zu entwachsen, wie Daniels Daten zeigten. Dennoch besteht am Ende der Diskussion auch Grund zur Hoffnung. Wie Daniel vermehrt betonte, ist allein das fünfjährige Fortbestehen eine beeindruckende Leistung. Tausch und Kriechbaum zeigten einen eindeutigen Willen, weiterzumachen. In den vergangenen Jahren hat FF sich verändert und dazugelernt. Es gibt die Bereitschaft, Neues zu probieren und neue Kooperationen einzugehen. Kriechbaum gestand ein, „dass es gerade schwierig ist, Klimaaktivist oder Klimaaktivistin zu sein“. Sie zeigte sich allerdings überzeugt, dass es insbesondere jetzt einen „strategischen Optimismus“ brauche, um ein gutes Leben auch in Zukunft zu ermöglichen. Die Vertreterinnen von FF und Daniel waren sich einig, dass der Bedarf für eine Klimabewegung in Österreich, die für die ernsthafte Bearbeitung dieses Themas in der Politik kämpft, weiterhin gegeben ist.

Wie Daniel abschließend betonte, ist es notwendig, offen für die Entwicklungen der Klimabewegung zu bleiben und FF als Bewegung im Wandel zu begreifen. Ihr Charakter hat sich seit 2019 verändert, was nicht nur Herausforderungen, sondern auch neue Potentiale birgt.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Titelbild © Mark Zahradnik

Weiterführende Links:

Zum JEP „Enacting the Future: Environmental Activism Worldwide“
Zu Antje Daniels Forschungsbericht
Zur Forschungswerkstatt Umweltproteste der Universität Wien

Veröffentlicht in Sozial-ökologische Transformationen, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.