Buchrezension: Afrikanische Europäer. Eine unerzählte Geschichte von Olivette Otele.

Olivette Otele ist ohne Zweifel eine der eindrucksvollsten Afroeuropäer*innen unserer Gegenwart. Die Historikerin, Absolventin der Pariser Sorbonne, erste Schwarze Professorin in Großbritannien – ehemals tätig an den Universitäten Bath und Bristol, heute an der University of London, war anlässlich der Präsentation ihres Buches “African Europeans” (z. dt.: Afrikanische Europäer) am 21. März in den Räumlichkeiten der Hauptbüchereien Wien zugegen.

Otele spricht bedacht, ihre gelassene Art lässt ebenso viel Ernsthaftigkeit wie Witz zutage treten. Zur Titelwahl des Buches erzählt sie eine Anekdote: diesen empfänden Teile der weißen aber auch der Schwarzen Leser*innenschaft ganz allgemein als anstößig. Auf die Spitze getrieben wurde dies in Otele’s Heimatland Frankreich, hier verweigerten die Herausgeber geradeheraus, die Übersetzung des Buches in der von der Autorin gewünschten und in anderen Ländern umgesetzten Betitelung herauszugeben. Erschienen ist “Afrikanische Europäer” dort unter dem Titel “Une histoire des noirs d’Europe de l’Antiquité à nos jours” (z. dt.: Eine Geschichte der Schwarzen in Europa von der Antike bis zur Gegenwart). Über diese Entscheidung muss man nicht allzu viele Worte verlieren und darf sie dennoch, wie Otele selbst, mit einem Lächeln kommentieren.

Eine historische Grundlage für den Antirassismus der Gegenwart.

Denn das deklarierte Ziel von “Afrikanische Europäer” ist nicht die bloße Wiedererzählung der Lebensgeschichten “exzeptioneller” Schwarzer Individuen in Europa seit der Antike, sondern eine Lektüre, “die darüber hinausgeht, die Schwarze Präsenz in Europa zu kartografieren, um so in Themen wie Identität, Staatsbürgerschaft, Resilienz und Menschenrechte einzutauchen” (13). Otele versteht “Afrikanische Europäer” somit als eine Art Gegengeschichte, in der sie den komplexen Bedingungen und Verworrenheiten von Exzeptionalismen auf den Grund geht. Denn „am Rande des Diskurses“ (12), so Otele lauern neben den dominanten Konstruktionen verdrängte und vergessene Geschichten, wie solche über die vielfältigen Schwarzen Widerstände oder die kolonialen Verstrickungen angeblich nichtkolonialer Gesellschaften. Diese Blitzlichter auf die Vergangenheit sollen eine akademische Grundlage für das historische Gedächtnis antirassistischer Bewegungen der Gegenwart bilden.

Hieran versucht sich “Afrikanische Europäer” in sieben Kapiteln, die sich jeweils verschiedenen Epochen und Kontexten zuwenden: zu Beginn dem Leben von Afroeuropäer*innen im antiken Mittelmeerraum, zur Zeit der Renaissance in Spanien und Italien sowie in Mittel- und Westeuropa ab dem 16. Jahrhundert. In der zweiten Hälfte des Buches rücken dann ihre Rolle in den afrikanischen Küstenstädten des 18. Jahrhunderts, transkontinentale Lebensrealitäten zwischen Deutschland, Frankreich und den USA Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, kritische Auseinandersetzungen mit Fragen der Staatsbürgerschaft im Italien und Schweden der Nachkriegszeit, sowie Identifikationsprozesse von Afroeuropäer*innen in der unmittelbaren Gegenwart in den Fokus.

Innerhalb dieser Kapitel hängen die präsentierten Geschichten jedoch nur lose miteinander zusammen, zum Einen, da das Wirken ihrer Protagonist*innen sich auf mehrere Länder erstreckt, zum anderen, da zwischen diesen zumeist kein direkter Zusammenhang besteht. Hinzu kommt, dass trotz des „chronologischen Ansatzes“ (12) einige Kapitel, wenn auch nicht alle, Parallelen von ihrem Ausgangspunkt bis in die Gegenwart ziehen.

Afroeuropäer*innen in Kolonialismus, Zwischen- und Nachkriegszeit: Komplexe Interaktionen.

So arbeitet Kapitel 5 “Flüchtige Erinnerungen: Koloniale Amnesie und vergessene Figuren” zu Beginn die kolonialen Bestrebungen und Beteiligungen Brandenburg-Preußens auf. Das Projekt scheiterte, erhielt jedoch im 19. Jahrhundert eine Neuinterpretation, als das Deutsche Reich für seine Expansionsbestrebungen wissenschaftlicher Legitimierung bedurfte. In der Folge wendet sich Otele dem Kolonialismus des Deutschen Reiches im heutigen Kamerun zu. (151-156). Dabei sind für Otele die Persönlichkeiten interessant, die vom Austausch der Kolonisierten und Kolonialisten zeitigen; innerhalb weniger Seiten behandelt sie die Lebensgeschichten der kamerunischen Afroeuropäer*innen Sultan Njoya, Joshua Dibundu, Njo Dibone, Josef Ekollo, Equalla Deido, Charles Atangana sowie mehrere Generationen der Manga Bells (157-165). Doch damit nicht genug: einer kurzen Überleitung folgend, springt Otele zum Frankreich der Zwischenkriegszeit. Zuerst gibt sie einen Überblick über die Situation der dort ansässigen Afroeuropäer*innen, schreibt von den Politiker*innen Blaise Diagne und den Nardal-Schwestern, um dann einige Seiten dem Boxer Battling Siki zu widmen (166-177). Nur wenig später, und immer noch im selben Kapitel, kehrt Otele wieder nach Deutschland zurück – nun um die Geschichte des 1924 geborenen und 2019 gestorbenen Theodor Michael zu behandeln (177-186).

An diesem Punkt werden die Probleme des Buches offensichtlich: die hier versammelten Recherchen sind auf eindrucksvolle Art und Weise umfangreich, wurden jedoch kaum organisiert oder systematisiert, sodass “Afrikanische Europäer” sich letztlich wie ein unkontrollierter Schnelldurchlauf durch verschiedenste geographische, temporale, politische, wirtschaftliche und soziokulturelle Kontexte liest.

Fazit.

Die Fülle der angestellten Untersuchungen kommt zum Preis eines ungeheuren Wortschwalls, der die Leser*innen zumeist ohne sorgfältige Überleitung oder eindeutigen historischen Zusammenhang von einer Lebensgeschichte zur nächsten treibt. Was im Englischen aufgrund der Sprachfertigkeit Otele‘s einigermaßen gut verständlich ist, bleibt dann in der deutschen Übersetzung beinahe komplett auf der Strecke. Denn bei dieser handelt es sich um eine beinahe wörtliche Übertragung. So erscheinen viele Formulierungen und Satzkonstruktionen nicht nur dem lesenden Auge notwendigerweise unangenehm, sie behindern darüber hinaus die Entwicklung eines Verständnisses dessen, was Otele mit “Afrikanische Europäer” eigentlich aussagen oder bewirken möchte.

Denn theoretisch verbleibt “Afrikanische Europäer” auf einer Linie mit Diskursen, die, wenn auch unter Angriffen konservativer Strömungen leidend, in den kritischen Sozial- und Geisteswissenschaften schon längst Kanon sind. Eine Weiterentwicklung bestehender Ansätze zu Begriffen wie “Identität”, “Staatsbürgerschaft” oder “Resilienz” findet also nicht statt. Es bleibt die Verbreitung von vergessenen, verdrängten, ‘ausgelöschten’ Wissensinhalten an weite Teile unserer Gesellschaften, das erklärte Ziel dieser Publikation. Für seine Erreichung sprechen die Menge der versammelten Biografien und die Analysen ihrer Präsentation durch die Jahrhunderte. Dagegen eine holprige Übersetzung, sowie die Schwierigkeiten von Otele‘s Buch, eine klare Struktur zu finden.

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Globale Ungleichheiten, Buchrezensionen, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.