Filmrezension: Women of the Venezuelan Chaos.

In Venezuela ist der Ausnahmezustand zum Alltag geworden. Margarita Cadenas Film zeigt den täglichen Überlebenskampf zwischen Hyperinflation, Hunger, Kriminalität und der Willkürjustiz einer autoritären Regierung aus der Sicht von fünf venezolanischen Frauen.

Im Rahmen von this human world – International Human Rights Film Festival (dt.: Diese menschliche Welt – Internationales Menschenrechtsfilmfestival) wurde am 6. Dezember 2018 in Kooperation mit dem Verein Frauen*Solidarität im Schikaneder Kino in Wien der Dokumentarfilm „Women of the Venezuelan Chaos“ (dt.: Frauen des venezolanischen Chaos) gezeigt. Für die regierungskritische Dokumentation hat sich Regisseurin Margarita Cadenas in die Hauptstadt jenes Landes gewagt, wo Oppositionelle aktuell so vehement verfolgt werden. Umso beeindruckender wirken die fünf Protagonistinnen, die sich dafür vor die Kamera stellten.

Krankenhäuser ohne Medikamente.
Zu Beginn begleitet die Kamera Kim. Wie so viele Menschen in Venezuela ist auch sie auf zwei Jobs angewiesen. Einen Teil ihres knappen Einkommens verdient sie als Krankenschwester. Doch statt den Patient*innen, darunter viele Kleinkinder, helfen zu können, muss sie Tag für Tag den Großteil der Menschen mit einem „No hay“ (dt.: Es gibt nichts) vertrösten. Die Krankenhäuser haben kaum Medikamente. Spritzen und andere notwendigen Utensilien für die Behandlungen müssen die Menschen selbst organisieren und mitbringen. Als besonders grausam beschreibt Kim eine Situation, in der zwei Patient*innen dasselbe Medikament benötigten, das Krankenhaus aber nur genug Medikamente für eine Person zur Verfügung hatte. Die Pfleger*innen und Ärzt*innen mussten abwägen, welche Person mit der Behandlung bessere Überlebenschancen hätte und daher das Medikament bekommen sollte. Während Kim die damit verbundenen Emotionen bei der Arbeit runterschluckt, bricht sie beim Interview in ihrer Wohnung in Tränen aus.

Ein Alltag voller Angst und Gewalt.
Im Gegensatz zu Kim, die ihren Sohn aufgrund der langen Arbeitszeiten kaum sieht, hat María José das Glück, von zuhause aus arbeiten zu können. Doch einen Großteil ihres Alltags bestimmt die Suche nach Nahrungsmitteln und anderen Gebrauchsgütern wie Windeln oder Klopapier. Es gibt keine freie Minute: María José ist permanent getrieben, ständig auf der Suche nach entsprechenden Angeboten am Schwarzmarkt, unentwegt dabei zu kalkulieren, wie lange sie denn mit den gehorteten Artikeln auskommen würde. Und zu alle dem müsse man bei diesen „Einkäufen“ immer damit rechnen, von jemandem verfolgt und überfallen zu werden. Seit sich Venezuela in der Krise befindet, wurde María José – ähnlich wie viele ihrer Freundinnen –  schon mehrmals überfallen und dabei mit dem Leben bedroht. Häufig seien die eigenen Kinder während solcher Überfälle anwesend und müssen die Gräueltaten mitansehen. Wenn María José – schwanger mit ihrem zweiten Kind –  an die Zukunft ihres Nachwuchses denkt, überkommen auch sie Tränen der Verzweiflung.

Die Macht der Exekutive.
Auf die sogenannten Ordnungshüter*innen Venezuelas möchten sich die porträtierten Frauen nicht verlassen. Zwar ist die Exekutive stark, allerdings arbeitet sie nicht im Dienste der Bevölkerung, sondern untersteht dem repressiven Regime Nicolás Maduros. Die Polizist*innen werden von der Bevölkerung nicht als Schutz wahrgenommen, sondern als Bedrohung. Denn neben Fällen von Lynchjustiz in der Zivilbevölkerung, gibt es auch zahlreiche Polizeiaktionen, bei denen die staatliche Autorität willkürlich gegen Einzelpersonen vorgeht. Das Leben vieler Menschen, unmittelbar Betroffener ebenso wie Angehöriger, wird maßgeblich von dieser Willkürjustiz bestimmt.

Zerrissene Familien.
Die Pensionistin Luisa war früher selbst Polizistin. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie ihren Enkel wie einen eigenen Sohn aufgezogen. Vor etwa zwei Jahren – der Enkel war nun schon ein junger Erwachsener – wurde dieser von mehreren Polizeibeamt*innen angehalten und inhaftiert. Seither sitzt er im Gefängnis. Was er verbrochen haben soll, weiß niemand. Ein gerichtliches Verfahren gab es nie. Luisa wirkt gebrochen. So unfassbar diese Ungerechtigkeit ist, so hoffnungslos und schmerzhaft erscheint ihre Lage und die ihres Enkels.
Auch die Kellnerin Olga hat ein tragisches Schicksal ereilt: Vor einigen Monaten wurde das Haus der zweifachen Mutter von der Ermittlungsbehörde gestürmt. Dabei wurde ihr älterer Sohn vor ihren Augen erschossen. Später räumte die Behörde ein, dass es sich bei der Ermordung des 16-Jährigen um eine Verwechslung gehandelt habe. Doch dieses Geständnis änderte nichts an dem, was geschehen war. Olga wünscht sich nichts mehr als Gerechtigkeit für das, was ihrer Familie und so vielen anderen Familien in ganz Venezuela passiert ist und nach wie vor passiert.

Tiefe persönliche Einblicke.
Auch wenn die Krise in Venezuela in westlichen Medien thematisiert wird, verschwinden die dahinterstehenden Einzelpersonen, ihr Schicksal und die konkreten Herausforderungen, denen sie sich täglich stellen müssen, hinter den Schlagzeilen. Was bedeuten Schlagwörter wie „Hyperinflation“ für den Alltag einer werdenden Mutter? Erfordert die Krise „nur“ einen anderen Tagesablauf oder gar einen anderen Lebensentwurf? Worin bestehen die täglichen Repressalien der Regierung? Wie stellen all diese Unsicherheiten das eigene Familienleben und die Beziehung zu Nachbar*innen, Patient*innen und Arbeitskolleg*innen auf die Probe? Mit ihrem Film gibt Margarita Cadenas den Individuen hinter den Schlagzeilen ein Gesicht. Die Geschichten der fünf Frauen Kim, Eva, María José, Luisa und Olga stehen stellvertretend für den Alltag so vieler Venezolaner*innen. Sie zeigen die permanente Anspannung und Sorge, die jene Menschen 24 Stunden am Tag begleitet, in einem Land, wo der Alltag von Ungerechtigkeiten geprägt ist, für die niemand bürgt.

„Women of the Venezuelan Chaos“ schafft es, die Vielschichtigkeit der venezolanischen Krise durch einen sehr persönlichen Zugang zu veranschaulichen und so zu einer kritischen Auseinandersetzung anzuregen.

 

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Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Genderungerechtigkeit, Filmrezensionen.