Ein Sonntagabend im März 2026: Ein Gedränge vor dem Kino Schikaneder. Die letzten Restkarten gehen über den Tresen. Im Foyer herrscht ein geschäftiges Treiben und es werden noch die letzten Sackerl Popcorn geholt. Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Erwartung liegt in der Luft. Es ist diese eigentümliche Mischung aus Vorfreude und Unruhe, die entsteht, wenn ein Film nicht nur unterhalten, sondern auch etwas in Frage stellen will. Gezeigt wird die Dokumentation Scars of Growth von Monika Grassl und Linda Osusky im Rahmen des Festivals Eyes on Earth – organisiert von Global 2000, Österreichs größter unabhängiger Umweltschutzorganisation. Bis zum 21. Mai 2026 ist sie zudem kostenfrei auf ORF ON verfügbar.
Schon der Filmtitel trägt eine leise Warnung in sich: Wachstum klingt nach Fortschritt. Nach Bewegung, nach vorne. Doch der Film erinnert daran, dass jede Bewegung Spuren hinterlässt. Manche sind kaum sichtbar, andere hinterlassen Narben in Landschaften und Lebensrealitäten.
Wenn die Energiewende vor der Haustür beginnt.
Der Film führt von der staubtrockenen Extremadura in Spanien bis in die schneebedeckten Weiten Nordschwedens. Zwei Landschaften, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und doch verbindet sie ein gemeinsamer Konflikt. Im Namen der Energiewende sollen neue Bergbauprojekte in Europa entstehen. Lithium, Kupfer oder seltene Erden gelten als Schlüsselressourcen für eine klimaneutrale Zukunft, da sie unverzichtbar für Elektroautos, Windkraftanlagen oder digitale Technologien sind. Doch es stellt sich die Frage: Kann eine Energiewende, die neue Minen braucht, tatsächlich die Lösung sein?
In Spanien begleitet die Kamera den Bauern Héctor durch eine Landschaft, die bereits heute von langen Dürreperioden geprägt ist. Zwischen niedrigen Sträuchern füttert er junge Lämmer mit der Flasche. Die geplante Mine würde enorme Mengen Wasser benötigen – Wasser, das in dieser Region ohnehin knapp ist. „Ohne Wasser kein Leben“, sagt er. Der Satz bleibt hängen, weil er so einfach ist. Und weil er so schwer wiegt.
In Kiruna, einer Stadt weit nördlich des Polarkreises, durchbrechen Güterzüge mit Eisenerz die winterliche Stille. Hier lebt Matti, Rentierhalter und Angehöriger der Sámi, einer indigenen Bevölkerungsgruppe Skandinaviens. Seit über hundert Jahren prägt der Bergbau die Region. Die Mine wächst weiter, während die Stadt Stück für Stück verlegt werden muss, weil der Boden nachgibt. Für Matti steht mehr auf dem Spiel als seine wirtschaftliche Existenz: Ohne die Rentierhaltung, sagt er, gehe auch ein Teil kultureller Identität verloren.
Der Green Deal und seine Strategien für die Rohstoffzukunft Europas.
Der Film macht sichtbar, dass der europäische Green Deal nicht nur ein ökologisches Projekt ist, sondern auch ein ökonomisches und nicht zuletzt politisches. Die Europäische Union verfolgt das Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden. Dafür sollen erneuerbare Energien ausgebaut und fossile Energieträger ersetzt werden. Doch diese Transformation benötigt enorme Mengen an sogenannten kritischen Rohstoffen. Derzeit ist Europa stark von Importen abhängig, insbesondere aus China. Um diese Abhängigkeit zu reduzieren, soll der Bergbau innerhalb Europas wieder verstärkt werden. Doch dort, wo solche Projekte vorgesehen sind, wächst der Widerstand. Die betroffene Bevölkerung sorgt sich um ihre Umwelt und um die Lebensgrundlagen, die untrennbar mit ihr verbunden sind.
Genau hier setzt die Kritik an, die Scars of Growth eindrücklich dokumentiert: Kann eine Industrie, die massiv in Landschaften eingreift und Ökosysteme belastet, tatsächlich ein Teil einer nachhaltigen Lösung sein? Oder verschiebt sich das Problem lediglich räumlich – von einer Region der Welt in eine andere?
Der Umweltökonom Timothée Parrique spricht von keiner wirtschaftlichen, sondern einer biologischen Krise: Nicht ein Mangel an Wachstum sei das Problem, sondern ein Übermaß an Ressourcenverbrauch. Die Frage sei daher nicht nur, wo Rohstoffe gewonnen werden, sondern wie viel davon überhaupt benötigt wird.
Mit dem Critical Raw Materials Act hat die EU eine Strategie verabschiedet, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Bis 2030 sollen mindestens zehn Prozent der benötigten Rohstoffe innerhalb der EU gewonnen werden. Gleichzeitig wird betont, dass europäischer Bergbau unter höheren Umwelt- und Sozialstandards stattfinde als in vielen anderen Teilen der Welt.
Doch genau diese Argumentation stößt bei vielen Betroffenen auf Skepsis: Besonders kritisch sehen zivilgesellschaftliche Organisationen, dass das sogenannte FPIC-Prinzip (Free, Prior and Informed Consent, Dt.: freiwillige Zustimmung nach vorheriger Inkenntnissetzung) keinen verbindlichen Eingang in das Gesetz gefunden hat. Dieses Prinzip sieht vor, dass indigene Gemeinschaften vor einer Nutzung ihrer Gebiete dieser frei und informiert zustimmen müssen. Im finalen Gesetzestext ist lediglich vorgesehen, dass betroffene Gruppen konsultiert werden sollen. Für viele ist das ein entscheidender Unterschied: Konsultation bedeutet nicht Zustimmung.
Die Kritik am grünen Wachstum.
Besonders eindrücklich sind die Bilder des Widerstands. In Alconchel, Spanien, steigen Anwohner*innen gemeinsam auf eine Anhöhe, eine Fahne wird im starken Wind entrollt. „Stop impunidad minería“ steht darauf – Stoppt die Straflosigkeit im Bergbau. Der Stoff flattert unruhig, während lautstark die Parole „Todas las minas contaminan (Dt.: Jeder Bergbau führt zu Verschmutzung)“ erklingt. Auch Matti, der Rentierhalter, reist nach Brüssel, um seine Perspektive in politische Diskussionen einzubringen. Der Besuch hinterlässt bei ihm einen bitteren Nachgeschmack. Und doch sagt er: Wenn er wieder eingeladen werde, würde er erneut kommen. Es sei eine der wenigen Möglichkeiten, die Geschichte noch zu verändern. Der Film zeigt damit auch, wie sehr politische Prozesse von Beteiligung abhängen – und wie schwierig es ist, Gehör zu finden, wenn wirtschaftliche Interessen auf dem Spiel stehen.
Immer wieder kehrt dabei ein grundlegender Widerspruch zurück: Eine der umweltbelastendsten Industrien soll plötzlich Teil der Lösung für die Klimakrise sein. Der Green Deal wird als neue Wachstumsstrategie präsentiert – als Versuch, wirtschaftliche Entwicklung und ökologische Stabilität miteinander zu verbinden. Doch gerade diese Verbindung wirft Fragen auf. Wenn die Lösung erneut auf Expansion basiert, bleibt offen, ob damit nicht genau jene Dynamik fortgesetzt wird, die zur ökologischen Krise beigetragen hat.
Der Umweltökonom Timothée Parrique plädiert daher für ein Umdenken: Degrowth als Postwachstumsstrategie könne als Chance verstanden werden, den drohenden ökologischen Zusammenbruch zu verhindern – indem Gesellschaften lernen, ihre Bedürfnisse neu zu definieren, anstatt ihren Ressourcenverbrauch stetig zu steigern. Nicht mehr Wachstum, sondern andere Formen des Wirtschaftens könnten im Zentrum stehen.
Nach dem Film bleibt auch eine gewisse Ratlosigkeit zurück. Was genau „nachhaltiger Bergbau“ bedeuten soll, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Zu groß sind die Bedenken zu Eingriffen in Ökosysteme, Belastungen von Wasserressourcen, Lärm, Staub oder zunehmendem Transportverkehr. Die Konflikte zeigen, dass technologische Lösungen allein nicht ausreichen, um ökologische Krisen zu bewältigen. Die Energiewende soll den Planeten schützen. Doch auch sie hinterlässt Spuren. Die entscheidende Frage ist, ob es gelingt, Wege zu finden, die nicht neue Narben schaffen, während sie alte zu heilen versuchen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
Die Dokumentation ist bis zum 21. Mai 2026 kostenfrei auf ORF ON verfügbar.
Hintergrundinformationen zur Dokumentation auf der Website der Filmemacherinnen
Infos zum Critical Raw Materials Act auf der Website der EU-Kommission
Reportage zu Kiruna auf der Website des Magazins Geo