Mothers of the Land begleitet fünf indigene Kleinbäuerinnen im Hochland von Peru in ihrem täglichen Kampf um den Erhalt einer traditionellen und ökologischen Landbewirtschaftung. Die peruanische Dokumentation vermittelt dabei eine Ruhe und Ausgeglichenheit, die ihrem alarmierenden Inhalt fast schon konträr gegenübersteht. Denn die Protagonistinnen des Filmes sind von den Folgen der Klimakrise besonders betroffen. Im Rahmen der 11. Filmtage zum Recht auf Nahrung „Hunger. Macht. Profite.“ zeigte FIAN Österreich in Wien vier Filme über Ernährung und globale Landwirtschaft. Am 20. März wurde die Dokumentation „Mothers of the Land“ im Topkino ausgestrahlt und in einem Filmgespräch diskutiert. Die Filmemacher Álvaro und Diego Sarmiento nahmen die Zuseher*innen mit auf eine Reise in die Anden – und in die Traditionen schon vergangener Generationen.
Die Erde als Familienmitglied.
In einer Kosmovision aus den peruanischen Anden spielt die Verbindung zur Erde eine große Rolle. Mehr noch, die Frauen und die Erde sind in besonderer Weise eng miteinander verbunden, denn sowohl der Körper einer Frau als auch der Boden der Erde sind in der Lage, Leben zu schaffen und zu nähren. Bei den meisten Aussaaten sind die Frauen diejenigen, die die Samen säen. In der Folge bringt die Erde ihre Kinder hervor und reproduziert damit das Bild einer gleichwertigen Beziehung zwischen Frau und Erde, einer gemeinsamen Aufgabe. In der im Film gezeigten Region der peruanischen Anden ist die Erde deshalb konzipiert als Frau, die großen Berge dagegen sind die Männer. Diese Dualität der Elemente lässt sich im Glauben der Quechua häufig finden: Sonne und Mond, Tag und Nacht, weibliche und männliche Energie. Eine symbiotische Beziehung zwischen Mensch und Natur liegt dem inne. Wie wichtig die Liebe zur Erde und zum eigenen bewirtschafteten Grund / Ackerland ist, wird von Generation zu Generation weitergegeben – und damit auch die Traditionen, Kultur und Bräuche der Dorfbewohner*innen. Die in der Dokumentation eingearbeiteten Landschaftsaufnahmen von bepflanzten und kaffeebraunen Hügeln, stillen Seen und in den Tälern verstreuten Häusern erwecken bei den Zuseher*innen den Eindruck einer abgelegenen und isolierten Region.
Die eigene Herkunft akzeptieren lernen.
Genau wie die tiefe Verbundenheit zur Mutter Erde an die Kinder vererbt wird, wird das traditionelle Wissen weitergegeben. In Folge der klimatischen Veränderungen ist dieses heute aber kaum noch anwendbar. Das Wetter ist nicht mehr vorhersehbar und damit ist das einst Erlernte nicht mehr gültig. Das wird zunehmend zum Problem für die Bewohner*innen des Andendorfes. Während vielerorts schon chemische Dünger und Pestizide eingesetzt werden, setzen die fünf in der Dokumentation begleiteten Frauen weiterhin auf ökologischen Anbau. Dahinter stecke auch eine besondere Philosophie: Die eigene Herkunft akzeptieren, die eigenen Traditionen und Werte aufrecht erhalten, sie wieder zu lernen und nicht zu verleugnen, so erzählt Eliana, eine der Frauen. Zu lernen, sich zu verteidigen und gegen die Veränderungen aufzustehen erfordere Kraft, Mut und oftmals finanzielle Mittel. Finanzielle Mittel, um wie sie selbst an einer Universität studieren und lernen zu können, um sich zu befreien und frei zu entscheiden, was relevant ist und für den eigenen landwirtschaftlichen Anbau adaptiert werden soll. Sich zu befreien von äußeren Einflüssen und sich darauf zu besinnen, dass die tradierte Anbauweise seit Generationen funktioniert und Familien ernährt. Denn die kapitalistischen Anforderungen der exportorientierten Landwirtschaft stimmen nicht mit den Werten und dem natürlichen Rhythmus von Saat, Pflege und Ernte der indigenen Bäuerinnen überein.
Leidet die Erde, dann leiden wir alle.
Eliana nimmt eine Hand voll Humus hoch und riecht daran. „Das riecht noch nach Humus, er enthält Nährstoffe, er lebt. Aber ein Humus, der seit Jahren mit Pestiziden behandelt wird, der riecht nicht mehr.“ Natürlich sei die erste Ernte eines chemisch behandelten Bodens fantastisch. Danach aber nehme sowohl die Quantität als auch die Qualität ab. Was würde passieren, wenn wir aufhören, das Land biologisch zu bearbeiten?, frägt Sonia, eine der Frauen. Werden wir dann weiterhin existieren können? Neben Kartoffeln, Bohnen, Linsen und Mashua bauen die Frauen auch Quinoa an. In buntem Gewand und ein Ochsengespann vor sich her treibend, bearbeiten sie den Boden, setzen die Aussaat. Bevor sie damit beginnen, sitzen sie im Kreis auf dem Feld, kauen energiebringende Kokablätter und fragen die Mutter Erde, ob sie im folgenden Jahr eine reiche Ernte bekommen. Dabei folgen sie dem strikten Plan ihrer Vorfahren, den Inka. Sie singen, tanzen und feiern die Erde.
Doch das reicht mittlerweile nicht mehr. Es fällt kaum noch Regen und wenn doch, dann unvorhersehbar. Und es friert schneller, sodass die Pflanzen nicht mehr wachsen, wie sie es sollten. Im Hintergrund sind graue, trockene Felder zu sehen, abgestorbene Kartoffelpflanzen, eine Staubschicht bedeckt den Boden. Aber nicht nur die Pflanzen leiden, auch die Tiere bekommen nicht genug zu Trinken. Die Großmutter von Eliana sagt, es stünde eine siebenjährige Dürre bevor, eine Hungersnot. Wirklich verstehen tut das aber niemand. Eliana erzählt, dass ein hoher Fischbestand im örtlichen See früher eine ertragreiche Ernte vorausgesagt hätte. Seit einiger Zeit wären aber bereits keine Fische mehr zu sehen gewesen. Wenn es dem Boden und unserer Mutter Erde nicht gut geht, kann es den Tieren und Menschen nicht gut gehen. Wir sind ein Teil der Natur, ein Teil des Kreislaufes, in dem alles voneinander abhängt. Auch deshalb halten die Bewohner*innen sich an muyuy: sieben Jahre bewirtschaften sie das Land, und lassen es anschließend sieben Jahre ruhen. So kann die Erde neue Energie sammeln. Eine Weisheit, an die sich in der exportorientierten landwirtschaftlichen Produktion aber niemand mehr hält.
Tradition statt Trendfood (dt.: Trendessen).
Um nicht krank zu werden von Fremd- und Schadstoffen, wird das gegessen, was die Familien im Andendorf anbauen. Das liefert Nährstoffe und ist organisch. Die handbearbeitete Ernte der Quinoa zeichnet sich aus: Sie gewinnen mit der Qualität der Quinoa immer wieder landesweit Preise. In Form von lokalen Kooperativen haben sich die Familien der umliegenden Dörfer zusammengeschlossen, um standhafter gegen die Interessen großer Konzerne, durchsetzungsfähiger gegen Land Grabbing (dt.: Landraub) zu sein und Abhängigkeitsbeziehungen zu minimieren. Untereinander tauschen sie Samen aus, um die Resistenz ihrer eigenen zu optimieren. Wie sehr aber können die Bäuer*innen selbst als Produzent*innen innerhalb eines Systems profitieren, das Ungleichheiten produziert? Und ist das überhaupt erstrebenswert? Das war auch eine zentrale Frage in der auf den Film folgenden Diskussionsrunde.
Mit schnellem Geld in eine Identitätskrise.
Während auf transnationale Konzerne einerseits das schnelle Geld mit den Exportgütern wartet, führt diese Strategie andererseits zu einer Identitätskrise der peruanischen Kleinbäuer*innen. Durch den Export ihrer traditionellen landwirtschaftlichen Produkte gerät die indigene Bevölkerung in westlich dominierte Abhängigkeitsbeziehungen, was in die spirituellen Verbindungen zu ihrer Lebenswelt eingreift und diese stört. Lokale Kooperativen könnten dem entgegensteuern, faire Produkte verkaufen, für einen angemessenen Preis. Aber ist das wirklich eine Lösung? Das Wetter kann nicht beeinflusst werden, sagen die peruanischen Frauen. Wir müssen uns verändern, müssen unser Wissen und die Beziehung zur Natur stärken und aufrechterhalten, sagt Eliana. Nur eine an unsere Kultur angepasste Agrarökologie kann uns langfristig ernähren. Deshalb sind Alternativen zur exportorientierten Landwirtschaft dringend notwendig. Die Auslöschung ganzer Ökosysteme bedroht damit nicht nur die Existenzgrundlage der indigenen Quechua-Bäuerinnen, sondern auch ihre eigene Identität.
Den Regisseuren ist es gelungen, die Zuseher*innen daran zu erinnern, woher etwa die Quinoa kommt, die wir ganz einfach im Supermarkt kaufen. Auch sie selbst stammen aus einer indigenen Familie, die seit Generationen landwirtschaftlich tätig ist. Für die Dokumentation wurden ganz bewusst weibliche Protagonist*innen ausgewählt. Das soll die tiefe Verbundenheit zwischen der Pachamama (dt.: Mutter Erde) und diesen Kleinbäuerinnen zeigen. Daran angelehnt entpuppt sich der Titel des Films, „Mothers of the Land“ als eine Hommage an die beschützende Rolle, die diese Frauen einnehmen. Um das Aussterben bestimmter Arten durch eine globalen Klimakatastrophe zu verhindern, wird ein Teil ihres Erbes mittlerweile im Global Seed Vault aufbewahrt, einer Art Welt-Saatgutbank, die sich auf der Insel Spitzbergen im norwegischen Archipel Svalbard befindet. Wie stark die Bewohner*innen des Andendorfs sind, zeigt auch die Filmsprache Quechua, die neben der seit dem Kolonialismus dominanten Sprache Spanisch weiterlebt – und als ein Symbol der Standhaftigkeit den Film abrundet.
Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an office@pfz.at.
Zu Hunger.Macht.Profite., die Filmtage zum Recht auf Nahrung, die noch bis 6. Mai 2022 an verschiedenen Standorten in ganz Österreich zu Gast sein werden.