Filmrezension: Midnight Traveler.

Der Dokumentarfilm Midnight Traveler (dt.: Mitternachtsreisender) zeigt auf ganz besondere Art und Weise die Flucht einer Familie quer durch Asien und Europa, gefilmt von der Familie selbst mit Handykameras. Im Rahmen der Initiative „Fernsicht – Entwicklungspolitische Film und Dialogabende“, wurden der Film und ein Gespräch mit dem Filmemacher Hassan Fazili am 21. April 2021 online gezeigt. Der Film war daraufhin für zwei Wochen frei online zugänglich.

Krieg, Taliban und Flucht.

Afghanistan ist von 40 Jahren Konflikt und Krieg geprägt. Die Hälfte der gesamten Bevölkerung wurde vertrieben, ein Drittel floh ins Ausland und mehr als eine Million Menschen wurden im Krieg getötet. Mit 2,7 Millionen Geflüchteten ist Afghanistan 2020 das Land, mit der weltweit drittgrößten Flüchtlingszahl.

Hassan Fazili war Besitzer eines Kunst-Cafés in Kabul und ist Regisseur. Er thematisiert in seinen Filmen die Rechte von Frauen, Kindern und Menschen mit Behinderung in Afghanistan. Sein letzter Film vor der Flucht, „Peace in Afghanistan“ (dt.: Frieden in Afghanistan), handelt von einem Taliban, der zum Frieden findet. Nach der Veröffentlichung wurde der Hauptdarsteller ermordet und Hassan Fazili rückte in den Fokus der Terrormiliz. Gezwungenermaßen entschieden sich Fazili und seine Frau Fatima Hussaini mit ihren beiden Töchtern, Nargis und Zahra, zu fliehen. Trotz etlicher Anträge und Monaten an Wartezeit erhielt die Familie für kein europäisches Land Asyl und musste somit über die „europäische Schmuggelroute“ flüchten. 2015 startete die Flucht in Afghanistan, durch die Türkei nach Bulgarien weiter nach Serbien und bis nach Ungarn, wo der Film sein Ende findet. Midnight Traveler ist ein Dokumentarfilm mit einer großen Besonderheit: Es gibt keine Interviews, keine Lichteffekte, kein Stativ und keine Filmkamera. Stattdessen gibt es drei Handys und die vierköpfige Familie als Hauptdarsteller*innen, die ein authentisches Bild von der noch immer nicht abgeschlossenen Reise der Familie zeichnen.

Der Film war von Anfang an eine Zusammenarbeit zwischen Hassan Fazili und der amerikanischen Produzentin Emelie Mahdavian. Sie selbst ist Filmemacherin mit Schwerpunkt auf zentralasiatisches Kino und setzt sich in ihrer Arbeit mit politischen Themen auseinander. Mahdavian war für Drehbuch und Produktion zuständig und lies Boten schicken, die mehrmals Speicherkarten mit Filmmaterial abholten. So konnte die Produzentin zeitgleich mit den „Dreharbeiten“ hunderte Stunden Filmmaterial sortieren und katalogisieren.

„Ich machte den Film, damit unsere Stimmen gehört werden“

In Midnight Traveler geht es weniger um die Flüchtlingsthematik per se. Es ist kein Film der Fakten, Routen oder eine Migrationsgeschichte exakt dokumentiert. Der Film zeigt die Geschichte und den Alltag einer Familie. Einer Familie, die durch die verwackelten Handyaufnahmen so nahbar und echt wird, als würde man sich Videos von Freunden oder Verwandten ansehen.

Im Film sind Szenen, in denen unmittelbare Gefahr herrscht oder erschütternde Momente der Flucht gezeigt werden, eher selten. Im Vordergrund stehen ganz klar Hassan, Fatima, Nargis und Zahra, die sich gegenseitig bei alltäglichen Gesprächen, kleinen Streitigkeiten oder gemeinsamen Gelächter filmen. Auch ohne Slow-Motion Aufnahmen oder nervenaufreibender Musik bringt der Film eine ganz eigene Form der Dramatik mit sich.

„Wir wollten, dass der Zuschauer das Gefühl hat, während des Films an unserer Seite zu sein, mit uns zu lachen und zu weinen, sich mit uns heimatlos und verwirrt zu fühlen, damit er uns nicht nur aus der Ferne beobachtet.“, erzählt der Filmemacher.

Das von Hassan Fazili angesprochene „an unserer Seite fühlen“ ist dem Film in jedem Fall gelungen. Migration fühlt sich durch den Film nicht wie ein abstraktes Thema an. Es fällt leicht, an der Situation der Familie teilzuhaben und sich mit den Protagonist*innen zu identifizieren. Familie ist für die meisten Menschen, unbedeutend ihrer Herkunft, etwas sehr Zentrales. Durch den Fokus des Filmes auf die Familie wird ein Gefühl geschaffen, dass viele Personen teilen und es leicht macht, Verständnis für die Situation von Menschen auf der Flucht zu erzeugen.

Es sind die kleinen Details in den Aufnahmen, die auch die Langwierigkeit der Flucht deutlich machen. Die Umgebung ändert sich während des Films dutzende Male, der Aufbruch ist immer wieder spürbar und das Ankommen weit weg. Die aufgenommenen Emotionen, besonders die der Kinder, wechseln schlagartig zwischen Glück, Traurigkeit, Angst und Verzweiflung, was das Publikum an der verwirrenden Gefühlswelt, die auf so einer Reise Alltag ist, teilhaben lässt.

„Mein Film ist jetzt frei, aber wir nicht.“

Hassan wünsche sich, dass der Film damit endet, dass sie das Ziel erreichen – wenn die Familie zur Ruhe kommen kann, angekommen ist. Der Film endet 2018 jedoch damit, dass die Familie in einem Flüchtlingsheim in Ungarn festsitzt und somit auch an keiner der Filmpremieren teilnehmen konnte.

In Österreich gilt Afghanistan als „sicheres Herkunftsland“. Afghanischen Asylwerber werden „Wirtschaftsflüchtlinge“ genannt und Sammelabschiebungen finden immer wieder statt. Gleichzeitig wird in diesem „sicheren Herkunftsland“ ein Schauspieler wegen einer Filmrolle ermordet und ein Regisseur und Kunst-Café Besitzer mit seinem Leben bedroht. Ungeachtet der verheerenden Umstände von 40 Jahren Krieg wurde 2016 zwischen der EU und der afghanischen Regierung ein Rückübernahmeabkommen beschlossen, welches die Negativ-Bescheide von Asylanträgen stark begünstigt. Während sich die Lage in einem Land mit 20 aktiven Terrorgruppen immer weiter verschlechtert, werden in Europa Gesetze zur Abschiebungserleichterung aufgestellt.

Wie Hassan Fazili leben rund 80 Millionen geflüchtete Menschen in dieser Ungewissheit. 80 Millionen Menschen sind mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung, die wegen Krieg, Gewalt, Umweltkatastrophen oder Menschenrechtsverletzungen ihr Leben auf der Flucht in der Hoffnung auf ein besseres, riskieren.
25 Prozent der Bevölkerung Afghanistans sind ehemalige Flüchtlinge, die zurückgekehrt sind und deren Hoffnung enttäuscht wurde.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Weiterführende Links:

Fernsicht. Entwicklungspolitische Film- und Dialogabende
Midnight Traveler Trailer

Fotos © trigon-film.org

Veröffentlicht in Filmrezensionen, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.