Der Körper eines jungen Mädchens aus dem Iran verändert sich und ihm drängen sich viele Fragen auf. Auf der Suche nach Antworten trifft es jedoch auf gesellschaftliches Schweigen. Die Regisseurin Maryam Zahirimehr zeichnet mit dem Film Forbidden Womanhood (dt. Verbotene Weiblichkeit) zwar eine fiktive, aber deshalb nicht weniger vorstellbare Geschichte nach, die einem heranwachsenden Mädchen auf der Suche nach Halt widerfährt.
Im Rahmen des Filmfestivals This Human World wurde im Anschluss an die Filmvorführung eine Gesprächsrunde von der Frauensolidarität organisiert. Von Verena Bauer moderiert, gewährte die Regisseurin einige aufschlussreiche Einblicke.
Resümee – Mit den Fragen allein.
Forbidden Womanhood (dt. Verbotene Weiblichkeit) handelt von einem Mädchen namens Mahi. Sie ist 12 Jahre alt. Mit ihrer kleinen Schwester und ihren beiden Eltern lebt sie zusammen unter einem Dach auf dem Land im Iran.
Mahi und eine Freundin sitzen an einem sonnigen Nachmittag vor dem Haus und formen kleine Wollknäuel für eine Hochzeit. Ihre kleine Schwester gesellt sich dazu und sagt mit einer Puppe spielend, dass sie die Braut sein wolle. In ihrer kindlichen Welt fährt sie fort, dass sie Onkel Javid heiraten und für ihn ein Baby machen werde. Daraufhin ersucht Mahi interessiert ein Gespräch mit ihrer Mutter. Sie möchte vor allem wissen, wie man überhaupt schwanger wird. Deshalb fragt sie, ob Onkel Javid nach seiner Hochzeit wirklich ein Baby haben werde und warum er denn jetzt noch keines hat. Trotz des vorsichtigen Herantastens an das Thema und an ihre Mutter erfährt sie nicht viel von ihr. Vielmehr gibt ihre Mutter Antworten, die sie in ihren Annahmen weiter fehlleiten. Man würde erst heiraten, dann unter einem Dach essen und schlafen und wenn das passiert sei, würde man auch schwanger werden. Mahi stimmen diese Antworten nicht wirklich zufrieden. Ihre Mutter gibt ihr jedoch zu verstehen, dass ein „gutes“ Mädchen nicht zu viel reden würde. Das Gespräch ist damit beendet.
An einem Tag kommen zwei Männer, Vater und Sohn, aus der Stadt zu Besuch. Sie sind Gäste von Mahis Vater. Der Sohn hat das Mädchen gleich zu Beginn ins Auge gefasst und bemüht sich, seine Aufmerksamkeit für sich zu gewinnen. Anfängliche Avancen mutieren an einem Abend zu einem sexuellen Übergriff. Für Mahi ist der Missbrauch überaus traumatisierend. Obwohl ihre Eltern davon mitbekommen haben, wählen sie den Weg des absoluten Schweigens. Zu groß ist die Angst, dass das Ansehen der Familie beschämt werden könnte. Die ihr damit aufgebürdete emotionale Last wird immer unerträglicher. Vor allem als ihr Körper beginnt, sich mehr zu verändern. Sie versteht nicht, was mit ihr passiert. Die Anzeichen einer Schwangerschaft nehmen nach und nach Gestalt an. Der Unterleib macht sich bemerkbar. Übelkeit begleitet sie beim Essen und sie muss erbrechen. Mahi kann diese Anzeichen jedoch nicht verorten. Die Situation ist für sie allein nicht mehr tragbar. Aus diesem Grund vertraut sie sich einer Freundin am nahegelegenen Flussufer an. Im Gespräch wird erkenntlich, dass Mahi schwanger sein muss. Entgegen dem Versprechen, das Geheimnis für sich zu behalten, erzählt die Freundin ihrer Mutter davon. Die Nachricht verbreitet sich in dem kleinen Dorf schneller, als Mahi überhaupt wieder bei sich zuhause eintrifft. Als sie zurückkommt sind ihre Eltern demnach bereits mit der Neuigkeit konfrontiert und fürchten den Ruf der Familie. Mahi wird verstoßen. Verloren kehrt sie zum geliebten Flussufer zurück. Von den schwerwiegenden Emotionen überwältigt, gibt sie sich dem Wasser und der Strömung hin und lässt sich den Fluss hinabtreiben.
Eigenantrieb und Hintergrund von Maryam Zahirimehr.
„Manche Frauen sind halt kämpferisch“, äußerte sich Maryam Zahirimehr nach der Filmvorführung. Sie möchte mit ihrem Film unter anderem ein Statement setzen. Als iranische Frau* sei es nicht selbstverständlich, in der Filmbranche beziehungsweise überhaupt in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Die gesellschaftliche Realität im Iran zeige deutlich, dass zwar immer mehr Frauen* sich ihren Weg an die Universitäten gebahnt haben, der Arbeitsmarkt allerdings nach wie vor von Männern dominiert werde. Mit ihrem Film erhoffe sie sich, ein Stück weit dazu beizutragen, dass die gesellschaftliche Stellung der Frauen* – nicht nur im Iran – gestärkt werde.
Nichtsdestotrotz zeige die aktuelle Lage vor Ort und die damit verbundenen kämpferischen Proteste, dass die Stimmen der Frauen* bereits lauter würden. Sie würden sich dadurch auch anders anhören. Sogar kleine Kinder würden mittlerweile ihre Stimme erheben, betonte Maryam Zahirimehr. Dahinter stecke eine enorme Kraft.
Ein Blick hinter die Kulissen.
Die Frage „Wie wird man schwanger?“, beschreibt den Hintergrund des Films. Maryam Zahirimehr habe miterlebt, wie zahlreiche Frauen keine Antwort auf diese Frage wüssten. Eine Freundin von ihr hätte im Alter von 20 Jahren jemanden geküsst und daraufhin gedacht, schwanger zu sein. So überlegte die Regisseurin, wie sie aus diesem enormen Aufklärungsdefizit einen Film drehen könnte.
Auch wenn der Film die iranische Gesellschaft zeige, möchte die Regisseurin darauf aufmerksam machen, dass mangelnde Aufklärung ein weltweites Problem darstelle. Es sei schlichtweg nicht erwünscht, darüber zu sprechen und Frauen* damit Selbstbestimmung zu ermöglichen. Dennoch konzentriere sich, wie im Film gezeigt, die Thematik eher auf traditionelle Gesellschaftsschichten. Gerade hier gebe es immer noch zu viele Frauen* und Mütter, die Schwierigkeiten hätten, über die Periode zu sprechen. Das gehe so weit, dass alles, was mit dem weiblichen Dasein einhergeht, mit Scham behaftet sei, und somit versteckt und verschwiegen werde. Was daraus resultiert, ist, dass falsche Frauenbilder weitergegeben werden.
Interpretationsspielraum offengelassen.
Der Film adressiert sich fast ausschließlich über die Bildsprache an die Zuschauer*innen. Die wenigen Dialoge sind zählbar. Auch wenn die Schnitte schön gewählt sind, lässt der Film an manchen Stellen aufgrund des fehlenden Wortwechsels, den/die eine/n oder andere/n Kinobesucher*in im Dunkeln. Nicht immer ist klar, was genau passiert oder passiert ist. Diese Tatsache stellt eine/n an manchen Stellen in die Position der/des Unwissenden, wie es auch Mahi in ihrer Rolle widerfährt.
Erwähnenswert ist auch, dass die Schauspieler*innen dafür aus den eigenen Reihen, sprich dem Freundes- und Verwandtenkreis, rekrutiert wurden. Wie man das eben bei einem Low-Budget-Film mache, wie Maryam Zahirimehr lächelnd zugab. Für die meisten war es das erste Mal vor der Kamera, was auf den ersten Blick jedoch nicht ersichtlich war. Eine ansprechende Natürlichkeit erstreckte sich über den kompletten Film. Wenig Dialog, kaum musikalische Untermalung, aber starke Bilder. Vielleicht fast schon wie eine Metapher für die verbotene Weiblichkeit. Sie ist da und ersichtlich, aber wird einfach nicht thematisiert und totgeschwiegen.
Über fehlende Aufklärung aufklären.
Interessant und zugleich bedauernswert ist, dass der Film nie dafür prädestiniert war, im Iran gezeigt zu werden. Dessen ungeachtet konnte er trotzdem einige Preise abstauben. In Arizona wurde Forbidden Womanhood als bester ausländischer Film auserkoren. Weitere Auszeichnungen erhielt er in Kanada und in New York.
Das Ziel des Films Forbidden Womanhood sei es gewesen, die Gesellschaft für vermeintliche Tabufragen zu sensibilisieren und damit über fehlende Aufklärung aufzuklären. Denn wer gebe acht darauf, wenn ein zwölf-jähriges Mädchen ihre Periode bekommt, und wer begleitet sie durch diese Zeit? Es gehe darum, Hilfe auf der Suche nach Antworten zu geben. Denn Weiblichkeit* sollte eben nicht verboten sein. Die Probleme entstünden erst dann, wenn nicht darüber gesprochen werde.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
Zum Film „Forbidden Womanhood“
Zum Filmfestival „This Human World“